Immunitätsausweis

Liebes Lageteam,

das Thema Immunitätsausweis war ja vor einiger Zeit sehr präsent, ist aber jetzt nach meiner Wahrnehmung völlig aus der Diskussion verschwunden.

Ich finde der Rahmen hat sich ziemlich geändert. Mit über 500.000 nachgewiesenen geheilten Kranken (+ vermutlich noch mal der gleichen Zahl über Antikörpertest nachgewiesener Betroffener) ist das für mich schon eine kritische Masse die nicht mehr ignoriert werden kann.

Alles was man zur Immunität liest, sagt, man versteht es zwar noch nicht genau, faktisch gibt es aber bei Millionen weltweit betroffenen in einem Bereich, in dem im Augenblick ein maximaler Blick der Medizin und Forschung liegt vielleicht 20 nachgewiesene Wiederansteckungen. Vor diesen Zahlen kann man glaube ich auch als nicht Virologe sehr gut sagen, das Risiko einer Wiederansteckung geht im Augenblick quasi gegen Null. Trotzdem gelten alle Maßnahmen inklusive extremer Freiheitseingriff wie Hausarrest/Quarantäne auch für diese Gruppe.

Als Argument wurde in alten Diskussionen immer gesagt, man will keine Anreize für eine Ansteckung setzen, aber ist so eine Generalprävention wirklich eine zulässige Begründung für derart freiheitsbegrenzende Maßnahmen?

Dazu würde mich eure Einschätzung einmal interessieren.

Danke&
beste Grüße

Die Sache mit den Immunitätsausweise ist extrem kompliziert, das hatten wir ja im Frühjahr schon diskutiert, und die rechtliche Beurteilung hat sich eigentlich nicht geändert.

Das größte Problem dürfte sein, dass man eigentlich nur bei Menschen mit positivem PCR Test von einer Immunität ausgehen kann, sobald sie wieder gesund sind. Die Antikörper-Tests hingegen sind ziemlich wackelig. Beispielsweise hat ein Bekannter im März eine schwere Corona-Erkrankung durchgemacht, drei Wochen mit Fieber zu Hause, gottseidank ohne Krankenhaus. Jetzt hat er im September einen Antikörpertest gemacht, und das Ergebnis war: Ja, es wurden welche gefunden, aber nein, der Test war trotzdem negativ, weil die Menge für einen positiven Test nicht erreicht wurde … die Erklärung ist relativ einfach: Die Antikörper sind nur etwa drei bis vier Monate lang nachweisbar, die Immunität hält aber nach Einschätzung von Christian Drosten ein bis zwei Jahre.

Und nun? Ist der Mensch als immun anzusehen oder nicht?

Außerdem bleibt immer noch das psychologische Argument, dass es beispielsweise die Compliance im Bereich Masken untergraben würde, wenn manche Menschen Masken tragen müssen, andere aber nicht.

Danke für die schnelle Antwort.

Dein Beispiel betrifft aber nun gerade einen inkonklusiven Test. Das gibt für mich aber immer noch keinen Grund bei eindeutigen Testergebnissen derart massive Maßnahmen auszusprechen. Lassen wir mal den Ausweis weg, derzeit sprechen zB Gesundheitsämter Quarantäne auch für Menschen aus, die nachweislich Corona hatten, wenn ein entsprechender Kontakt mit einem nachweislich positiven Menschen vorlag. Das kann doch nicht verhältnismäßig sein, weil es einen extremen Eingriff ohne jeden Zweck darstellt. Selbst wenn da mal eine Fehlentscheidung vorkommt, bei der aktuellen Verbreitung vor Covid muss man einfach einsehen, dass alle Maßnahmen nicht auf 100% Verhinderung von Ansteckungen hinauslaufen. Ich könnte das ja verstehen, wenn wir eine Strategie wie Neuseeland hätten, aber hier finde ich das völlig unangemessen.

Und ja, ich verstehe das Argument mit der psychologischen Wirkung, aber warum ein gesichert immunes Schulkind 6h mit Maske ohne jeglichen Zweck außer einer psychologischen Wirkung in der Klasse sitzen muss, empfinde ich nicht als verhältnismäßig.

Wir leben auch sonst nicht in einer völlig gleichen Gesellschaft. Es gehört nun mal auch zu unserer Gesellschaft dazu, mit Ungleichheiten klar zu kommen. Das ist in allen anderen Lebensbereichen auch so und niemand käme da auf die Idee wegen der psychologischen Wirkung derart massive Eingriffe zu fordern. Nach meiner Ansicht gibt es eben keine Anspruch darauf, das ungleiches Gleich behandelt wird.

Ich möchte auch sagen, das Dr. Drosden im Podcast erwähnt hat, das man keine Immunität erlangt die von Dauer ist. Daher wäre es Unsinn eine Immunität zu bescheinigten die es nicht gibt

Das stimmt so ja nun nicht - Drosten hat immer wieder darauf hingewiesen, dass wir es beim SARS-COV-2 Virus einfach noch nicht wissen, wie lange Menschen immun bleiben. Er hat aber auch darauf hingewiesen, dass er nach den Erfahrungen mit anderen Corona-Viren davon ausgeht, dass die Immunität jedenfalls eine Weile anhält. Mal sprach er IIRC von „jedenfalls einen Winter lang“, mal von ein bis zwei Jahren. Letztlich müssen wir das vermutlich abwarten.

Sorry, da habe ich mich unglücklich ausgedrückt.
Es gibt keine Beweise die das eine oder das andere Beweisen.

Nein, diese Gewissheit kann es aber auch noch nicht geben, einfach weil die Krankheit noch nicht so lange existiert, dass man schauen kann, wann die Immunität nachlässt. Das bedeutet aber nicht, dass man zu dem Thema nichts Fundiertes sagen kann. Im Gegenteil ist davon auszugehen, dass jedenfalls ein oder zwei Jahre Immunität besteht. Jedenfalls sind Fälle neuerlicher Infektionen bisher absolute Einzelfälle, dh von Februar bis November scheint die Immunisierung anzuhalten.

Ich kann deine Argumentation nicht ganz nachvollziehen, wie du einerseits von eine relativ gesicherten Immunität ausgehst, andererseits sagst, es ändert sich in der Bewertung nichts, man muss halt abwarten.

Mir fehlt da eine verhältnismäßigkeitsabwägung für doch zT extreme Grundrechtseingriffe (Hausarrest). Nach der Logik wären ja auch im nächsten Jahr, wenn ein Teil der Menschen geimpft sind (aber eben nicht genug für eine Herdenimmunität) weiterhin genau so zu behandeln wie jeder ungeimpfte. Oder gibt es einen in der rechtlichen Bewertung einen Unterschied zwischen 500.000 über Ansteckung immunisierten und sagen wir 2 Mio. geimpften im März nächste Jahr.

Ich glaube eher, dass man das Thema im Augenblick nicht anfasst, um weiteres Konfliktpotenzial zu vermeiden, dass das aber rechtlich nicht haltbar ist.