Auf das diskutierte Problem habe ich hier im Forum bereits im März kurz hingewiesen (auch an weiteren anderen Stellen, was die Inzidenz betrifft) und freue mich, dass das thematisiert wird:
Wenn ich z. B. Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung zuletzt richtig verstanden habe, spricht auch er sich dafür aus, die Erkrankungen, aber nicht die Neuansteckungen zu betrachten („Dieser Wert war schon immer problematisch, aber inzwischen wird er richtiggehend untauglich. Die Sieben-Tage-Inzidenz entkoppelt sich immer mehr von der eigentlichen gesundheitlichen Lage“). Dafür gibt es bereits eine epidemiologische Größe, nämlich die sog. Prävalenz (auch im verlinkten Thread), die man auch für viele andere Krankheiten angeben kann (Diabetes usw.).
Auch nach den letzten Meldungen über mögliche Reinfektionen bzw. Impfdurchbrüche (MDR Aktuell: Mehr als 400 Coronafälle trotz zweimaliger Impfung) ist es sehr fraglich, ob die Inzidenz noch ein guter Parameter ist, wenn das Ziel der Impfung erreicht ist, nämlich schwere Verläufe und Todesfälle zu verhindern (gehen wir mal davon aus, dass dies bei allen zirkulierenden Varianten der Fall ist) und alle zumindest das Angebot einer Impfung erhalten haben. Soweit ich mich erinnere, hat Karl Lauterbach schon vor vielen Monaten darauf hingewiesen, dass Infektionen trotz Impfung möglich wäre, insofern war innerhalb der Community nie das Ziel oder die Annahme, dass erneute Infektionen nicht möglich seien (was sich jetzt offenbar bestätigt).
Auf der anderen Seite muss man sich fragen, welchen Effekt die verschiedenen Varianten haben: Angenommen, eine Infektion mit B.1.1.7 ist überstanden – Ist der Effekt (Symptomatik, Verlauf usw.) einer Neuinfektion mit P.1 dann völlig anders? Wenn ja, wäre möglicherweise eine Angabe der Inzidenz, die die VOC berücksichtigt, sinnvoller, was wiederum voraussetzen würde, dass man systematisch, regelmäßig und viel sequenziert.
Ein weiterer Punkt: Es ist doch niemandem mehr vermittelbar, warum wir jetzt von Inzidenz 100 oder 200 mit der IfSG-Änderung (ganz neu nach den letzten Fraktionsberatungen: 165[!!!] – woher kommt dieser Wert?) reden, wenn es vor ein paar Wochen noch 35 und 50 waren, die ja auch im Gesetz stehen. Ich musste vor kurzem im familiären Umfeld erklären, was ‚Inzidenz‘ bedeutet – im Monat 14 der Pandemie! Da tut das Parteitagsgerede der AfD sein Übriges dazu… Aber es zeigt eben auch ganz deutlich, dass nicht alle (wahrscheinlich nur ein kleiner Teil der) Diskussionen, die etwa hier im Forum geführt werden, – wovon der Großteil der Diskutanten/-innen überdurchschnittlich gebildet sein wird – repräsentativ für die Bevölkerung stehen. Dann kann man sich ungefähr überlegen, wie es sich mit Einsicht, Vorsicht und Zustimmung zu den Maßnahmen im Gesamten verhält.
Aus meiner Sicht taugt der Parameter allein nur noch wenig, um daraus Maßnahmen ableiten zu können oder in irgendeiner Weise tagespolitisch damit zu agieren. Viel interessanter ist da beispielsweise die Testpositivrate oder die Anzahl der Neuaufnahmen auf Intensivstationen. Aber es braucht m. E. ohnehin eine (qualitiative) Bewertung vieler Indikatoren.