Dass man versuchen könnte, Art. 18 GG anzuwenden, bezweifelt glaube ich niemand. Wenn Ulf Art. 18 „aus guten Gründen“ als „totes Recht“ bezeichnet meint er damit wohl, dass es eben gute Gründe dafür gibt, warum er in der Vergangenheit nicht (erfolgreich) angewandt wurde und dass diese guten Gründe auch heute noch Gültigkeit haben, sodass es besser wäre, wenn Art. 18 GG totes Recht bliebe.
Ob man diese Position vertritt hängt mMn davon ab, wie dramatisch man die aktuelle Situation bewertet. Art. 18 GG ist im Prinzip das „letzte Mittel“ im Waffenschrank des Staates (nur Bundesregierung, Landesregierungen und der Bundestag sind Antragsbefugt!), also das Mittel, das man rausholt, wenn alles andere scheitert.
Man kann im Hinblick darauf, dass mit der AfD erstmals eine zumindest in Teilen rechtsextreme Partei in Reichweite ist, stärkste Partei zu werden, natürlich argumentieren, dass nun dieser Punkt gekommen ist. Aber es spricht vieles dafür, dass andere Verfahren sinnvoller sind.
Die Verfahren werden dennoch ähnlich lange dauern, möglicherweise ist die Schwelle sogar höher. Man muss hier bedenken, dass wir mit der Grundrechteverwirkung extrem tief in die Rechte eines Menschen eingreifen, man könnte argumentieren, sogar stärker als mit einer Haftstrafe. Die Verfahren müssen daher auch wasserdicht sein, die Tatsache alleine, dass einzig das BVerfG nach Antrag von Bundestag/Bundesreigerung/Landesregierung überhaupt eine Entscheidung fällen kann zeigt schon, dass diese Verfahren alles andere als einfach sind.
Meinetwegen sind die Verfahren nur halb so komplex, aber dafür bringen sie auch nur einen winzigen Bruchteil dessen, was ein Parteiverbot bringen könnte.
Ich fürchte, realistisch betrachtet passiert das Gegenteil. Die AfD würde jede Grundrechtsverwirkung eines ihrer Spitzenpolitiker mit dem Wahlausschluss von Oppositionellen in Russland oder anderen Autokratien vergleichen und die Partei würde möglicherweise von der Märtyrerrolle eher profitieren, als dass es ihr schaden würde. Die Festungshaft hat Hitlers Ansehen in der Bevölkerung übrigens auch nicht geschadet, sondern eher geholfen…