Grüner Kolonialismus in Europa? Sámi, Bergbau und Seltene Erden

Wie kann die grüne Transformation gelingen, ohne bestehende koloniale Strukturen in Europa fortzuführen? Wie wichtig ist Europas Unabhängigkeit von chinesischen Rohstoffen – und wer trägt die Kosten dafür?

Genau diese Fragen stellen sich gerade ziemlich konkret im Norden Schwedens.

Wie viele Menschen in Europa wissen eigentlich, dass es hier eine indigene Bevölkerung gibt – die Sámi? Und wie viele wissen, dass die Sámi bis heute um den Erhalt ihrer Lebensweise, Kultur und traditionellen Gebiete kämpfen? Und dass diese Konflikte gerade wieder sehr aktuell sind?

Viele haben vielleicht mitbekommen, dass Kiruna, die nördlichste Stadt Schwedens, teilweise umziehen muss – spätestens durch den spektakulären Umzug der mehr als 100 Jahre alten Kirche im letzten Jahr. Bergbaustadt Kiruna in Schweden: Eine Kirche zieht um | tagesschau.de

Sehr viel weniger Aufmerksamkeit bekommt allerdings die Frage, was der Bergbau rund um Kiruna für die samische Bevölkerung bedeutet.

Aktuell wird dort mit Per Geijer ein großes neues Vorkommen erschlossen, das unter anderem Seltene Erden enthält. Solche Rohstoffe sind für die EU enorm wichtig – sowohl für die grüne Transformation als auch für das Ziel, unabhängiger von China zu werden. Information on Europe's largest deposit of rare earth elements - Luossavaara-Kiirunavaara AB

Gleichzeitig liegt das Gebiet in den traditionellen Weidegebieten der Gabna sameby. Eine sameby ist eine samische Gemeinschaft, die unter anderem die Rentierhaltung in einem bestimmten Gebiet organisiert. Gabna warnt davor, dass eine weitere Mine die noch bestehenden Wanderwege ihrer Rentierherden zwischen verschiedenen Weidegebieten unterbrechen könnte. Damit geht es nicht nur um einen Wirtschaftszweig: Rentierhaltung ist eng mit samischer Kultur, Sprache und Lebensweise verbunden. https://swedenherald.com/article/sami-reindeer-herding-threatened-by-rare-earth-mining-in-sweden-f0261

Und das Ganze passiert vor einem historischen Hintergrund, der gerade wieder sehr aktuell ist: Erst am 30. September hat die schwedische Wahrheitskommission für das samische Volk ihren Abschlussbericht vorgelegt. Sie hat untersucht, welche Folgen die Politik des schwedischen Staates gegenüber den Sámi bis heute hat. About the Commission - Sanningskommissionen samer

Schweden hat außerdem die ILO-Konvention 169 über die Rechte indigener Völker bis heute nicht ratifiziert. Auch UN-Ausschüsse haben Schweden wiederholt wegen des Umgangs mit samischen Landrechten und Eingriffen in traditionelle Gebiete kritisiert. Two UN Reviews Call on Sweden to Strengthen Protections for the Sámi People — Sámiráđđi, Finland, Norway, Sweden: Just Transition Or 'Green Colonialism'?: How mineral extraction and new energy projects without free, prior and informed consent are threatening Indigenous Sámi livelihoods and culture in Sweden, Norway and Finland - Amnesty International

Wie kann die grüne Transformation gelingen, ohne bestehende koloniale Strukturen fortzuführen? Wie wichtig ist Europas Unabhängigkeit von chinesischen Rohstoffen – und wer trägt die Kosten dafür? Wer profitiert vom Abbau und wer verliert Land? Und wie lassen sich Klimaschutz, Rohstoffbedarf und indigene Rechte miteinander vereinbaren?

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An sich eine gute Fragestellung.

Aber es sollte auch ein Blick darauf gelegt werden, dass nicht nur grüne Technologien seltene Erden oder Rohstoffe benötigen. Immerhin erreichen wir unser Budget ja immer zur Mitte des Jahres. Katalysatoren höre ich irgendwie sehr selten oder Smartphones (ja ein Elektromotor hat deutlich mehr seltene Erden hier gäbe es Technologien, die ohne seltene Erden auskommen). Der Mensch an sich hat grundsätzlich einen enormen Rohstoffhunger. Das ist nicht erst seit der grünen Transformation so.

Kolonialismus als Begriff finde ich auch diskussionswürdig. Kann man so bezeichnen, denke aber auch nicht WIKI.

Als Kolonialismus wird die dauerhafte Inbesitznahme von Territorien und die Unterwerfung, Vertreibung oder Ermordung der dort ansässigen Bevölkerung durch eine auswärtige Macht bezeichnet.

Daher finde ich das Framing des Posts (Grüner Kolonialismus) kritisch, dass hier vor allem mal wieder auf Grüne Technologien abgezielt wird. Jede Sandgrube ist eine Rohstoffentnahme. Jede Braunkohlegrube hat Menschen vertrieben. Indigene sind auch betroffen bei Ölsande in Kanada. Oder Sojaanbau für Tierproduktion.

Lösungen können sein:

  • Forschung zur Vermeidung der Rohstoffe und rohstoffarmer Technologien (ÖPNV)
  • bestimmte Rohstoffe in bestimmten Anwendungen verbieten
  • Recyclingquoten vorschreiben und Recycling erforschen

Ich bin mir sicher, dass wir Lösungen hätten, wenn Raketen zum Mars mit Elektromotoren ohne seltene Erden fliegen müssten. Sprich, das Geld und das Know How ist vorhanden.

Ich bin mir genauso sicher, dass es dann immer noch Vertreibung und Enteignung aufgrund von Staats- und Rohstoffinteressen gäbe.

Quelle (ja von 2011)

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Du hast absolut recht mit dem, was du zum Punkt „Grün“ schreibst; habe @KarinaRainer aber (vielleicht zu Unrecht) so verstanden, dass sie die Sinnhaftigkeit der Transformation als gesetzt sieht und nun die Aufmerksamkeit auf die Konsequenzen lenken will, ohne irgendeine Aussage über alte Technologien zu treffen.

Die Samen wurden definitiv kolonialisiert, durch Dänemark-Norwegen, Schweden und später Russland und Finnland. Ihre ursprünglichen Sprachgebiete wurden massiv zurückgedrängt, es hat fast nur noch das Nordsamische (früher Norwegisch-Lappische) überlebt, sonst gibt es nur Reste. Das Ausüben ihrer Religion wurde den Samen verboten; bis ins 20. Jh. war es ihnen verboten, in der Schule ihre Muttersprache zu sprechen. Sie wurden über Jahrhunderte hinweg drangsaliert, umgesiedelt, diskriminiert und ausgebeutet, bis sie sich weitgehend assimiliert haben, bis auf eben die genannten nordsamischen Überbleibsel. Angehörige der samischen Ethnie wurden in Ausstellungen („living exhibition“) präsentiert.

Auch dazu gerne mal Wiki konsultieren, da steht schon ein bisschen was dazu.

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Ich finde es ja immer wieder interessant, wie die Sinn und tatsächliches Handeln überhaupt nicht mehr infrage gestellt werden. Wieso MUSS Europa so handeln wie beschrieben? Wieso muss Deutschland bei der globalen Konkurrenz um Rohstoffe mitwirken und selbst als Kolonialmacht agieren? Seit wann sind wir alle der Meinung, dass Staatsinteresse, wie ja selbst im Post beschrieben, unser eigenes Interesse ist?

Ich finde grünen Kolonialismus eine sehr treffende Zuscheibung dieser Ereignisse. Ein CO2 neutraler Panzer ist noch immer eine Tötungsmaschine und eine Kampagne der Ausbeutung und Vertreibung mancher (hier der Samen) ist noch immer Kolonialismus, ob es nun in Schweden oder in Namibia stattfindet und auch unabhängig von Gründen, die auf Klimaschutz oder Genozid beruhen.

Menschen sollten sich viel eher fragen, inwiefern die Extraktion von seltenen Erden überhaupt irgendetwas nutzt, was mit ihnen selbst zu tun hat. Ja, die EU will unabhängiger werden von Autokraten und Diktatoren aus dem Ausland. Aber doch nicht, weil die EU irgendetwas gegen Autokratien hat, sondern die eigene Weltmachtposition behalten, bzw. erneut erringen will. Seltene Erden werden auch in Smartphones genutzt ja, aber wofür will die EU diese nutzen? Selbst mitspielen, bei dem kranken Wettlauf um die vollständige Vorherrschaft über den digitalen Raum in der globalen Konkurrenz um KI und Wirtschaft.

Ich empfehle jedem, sich selbst Gedanken darüber zu machen, ob man wirklich für diese Interessen Fahne bekennen sollte.

Voll, ich verstehe, was du meinst @longfellow ! Der enorme Rohstoffbedarf ist natürlich nicht erst durch die grüne Transformation entstanden und beschränkt sich auch überhaupt nicht auf grüne Technologien.

Und @Schiessbogen hat ziemlich genau getroffen, wie ich es gemeint habe. Ich wollte damit nicht sagen, dass die grüne Transformation den Rohstoffhunger verursacht hat oder „alte“ Technologien in dieser Hinsicht besser wären. Dass wir die Transformation brauchen, war für mich eher der Ausgangspunkt. Mich interessiert gerade der Konflikt, der daraus entsteht und wie wir mit den Konsequenzen umgehen.

Ich habe die Argumentation vor allem deshalb so aufgebaut, weil genau das von LKAB und auch auf EU-Ebene sehr stark als Begründung für Per Geijer verwendet wird: Die Rohstoffe würden für die grüne Transformation gebraucht und Europa müsse gleichzeitig unabhängiger von China werden. Und genau dieser Punkt würde mich sehr interessieren. Europe's largest deposit of rare earth metals located in Kiruna

Beim Begriff Kolonialismus finde ich die Ergänzung von @Schiessbogen wichtig: Die Kolonialisierung der Sámi ist historisch ziemlich gut dokumentiert. Die Frage ist für mich deshalb weniger, ob es diese Kolonialgeschichte gab, sondern inwiefern sich koloniale Strukturen bis heute fortsetzen.

In der Forschung zu Sápmi wird dafür durchaus mit Begriffen wie „settler colonialism“ und „green colonialism“ gearbeitet. Dabei geht es unter anderem darum, dass die Nutzung samischer Gebiete durch den Staat und andere Akteur*innen nicht nur historisch stattgefunden hat, sondern bis heute fortgesetzt wird – und damit auch die Möglichkeiten der Sámi, ihre traditionelle Lebensweise aufrechtzuerhalten, immer weiter eingeschränkt werden. https://www.diva-portal.org/smash/get/diva2:1974849/FULLTEXT01.pdf

Und klar, Vergleichbares passiert auch außerhalb Europas, beispielsweise in Kanada. Das macht es ja aber nicht weniger relevant, dass es auch hier passiert. Gerade dass Sápmi innerhalb Europas liegt und die EU durch ihre Rohstoffpolitik unmittelbar mit drin hängt, finde ich für die Lage interessant.

Per Geijer ist dafür einfach ein sehr konkretes Beispiel: ein riesiges Vorkommen an Seltenen Erden auf der einen Seite und auf der anderen Seite Gabna sameby, die sagt, dass durch eine weitere Mine der letzte verbliebene Korridor für ihre Rentierherden unterbrochen werden könnte.

Und Bergbau ist dabei auch nur ein Teil. Nutzungskonflikte gibt es genauso durch Forstwirtschaft, Windkraft, Infrastruktur usw. Die Gebiete werden also von verschiedenen Seiten immer weiter fragmentiert.

Ich selbst habe darauf überhaupt keine einfache Antwort – und genau deshalb fände ich eine Auseinandersetzung damit spannend: Wie schaffen wir Klimaschutz und größere Rohstoffunabhängigkeit, ohne die Kosten dafür wieder Bevölkerungsgruppen tragen zu lassen, deren Land und Rechte historisch schon massiv eingeschränkt wurden? Wie werden diese Interessen eigentlich gegeneinander abgewogen? Und welche Alternativen gibt es?

Genau diese Perspektiven würde ich super gerne mal in der Lage hören.

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