Es geht hier im Thread aber doch um „Gerechtigkeit“ und nicht um Wahlverhalten. Gerechtigkeit ist ein normativer Begriff. Etwas ist gerecht oder ungerecht, unabhängig davon, ob damit politische Mehrheiten verbunden sind. Das Extrembeispiel aus der deutschen Geschichte: Die Entrechtung und mittelbar der Mord an den Juden im 3. Reich wurde von einer Mehrheit der deutschen Bevölkerung befürwortet, darum war das ganze aber doch nicht „gerecht“.
Insofern ist für die Diskussion, was eigentlich „Gerechtigkeit“ zwischen verschiedenen Generationen darstellt, erstmal egal wofür es auch politische Mehrheiten gäbe. Diese Mehrheiten muss und kann man ohnehin erst dann organisieren, wenn man ein normatives Ziel formuliert hat.
Völlig egal ist, wie wie spezifisch die jungen Wähler abstimmen. Erstmal repräsentieren diese nur einen Bruchteil der „jungen Generation“. Und dann sind sie bei der Bildung politischer Mehrheiten in unserer altersdominierten Gesellschaft auch mengenmäßig komplett irrelevant. Bei der Bundestagswahl 2021 waren ganze 3,4% der Wahlberechtigten zwischen 18 und 20 Jahre alt, und der Anteil dieser Gruppe wird weiter sinken.
Dagegen waren 2021 57,8% der Wahlberechtigten über 50 Jahre alt. Mal davon abgesehen, dass auch die Wahlbeteiligung in diesen älteren Bevölkerungsschichten größer ist, sind junge Menschen politisch de facto entmachtet.
Und dann kommt natürlich noch hinzu, dass die meisten Menschen, die in 50 Jahren noch leben werden, noch gar nicht geboren wurden und entsprechend noch nicht mal mittelbar eine politische Stimme haben.
Für die Diskussion über Generationengerechtigkeit kann es also gar nicht ausschlaggebend sein, wofür es bei jungen Menschen politische Mehrheiten gibt. Es muss eine gesamtgesellschaftliche normative Debatte geben, wie die Welt in 30, 50, 100 Jahren aussehen soll und dann müssen daraus politische Konsequenzen gezogen werden. Und wenn die Mehrheitsgesellschaft nicht bereit ist, im Rahmen eines demokratischen Gestaltungsprozesses diese Visionen zu entwickeln und umzusetzen, dann müssen Gerichte ein Mindestniveau an „Recht auf Zukunft“ erzwingen, genauso wie wir auch erwarten würden, dass sie das Recht auf Leben und Freiheit durchsetzen.