Freiheitsverständnis Nachfrage

Ich habe gerade den Abschnitt zu Corona und dem Freiheitsverständnis der Impfverweigerer gehört.

Ein Punkt der mir extrem sauer aufstößt ist die Begrenzung auf die Ostdeutschen.
Ja es gibt viele im Osten und in Thüringen und Sachsen ist die Lage schlimm, aber: wieviele Bayern haben denn bitteschön eine Diktatur-Erfahrung, dass man ihnen Trotz gegenüber dem Staat als falsches Freiheitsverständnis nachsagen könnte?

In eurem Abschnitt hört sich das so an, als ob sich die gesamte Querdenken Szene nur auf Ostdeutsche begrenzt.

Soweit wie ich das aus dem Ausland mitbekommen habe, kommen die führenden Köpfe aber alle aus dem Westen.

Zu dem Thema war ein interessanter Kommentar in der Süddeutschen.
Demnach lässt sich in der Alpenregion eine große Skepsis gegenüber der jeweiligen Regierung feststellen und ein großer Drang zu Selbstbestimmung. Österreich und Schweiz haben ja die gleichen Probleme wie Bayern.
Bayern hat ja auch als einziges Bundesland einst gegen die Verfassung gestimmt und auch an Napoleons Seite gegen die eigenen Leute gekämpft.
Und nicht wenige wünschen sich den Kini zurück.

In Baden-Württemberg werden die Anthroposophen ins Feld geführt, die grundsätzlich eine Abneigung gegen Impfungen haben.

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LOL, ich musste gerade lachen: Ich dachte in Bayern gäbs seit 1945 auch ein Einparteiensystem :smiley:
Im Osten sinds eher die rechten Spinner, die rechten Spinner aus dem Westen hinterlaufen und „Wende 2.0“ brüllen, während es sich Westen eher um die ganzheitlichen Esoterikspinner handelt, die sich von Abzockern wie Ballweg verarschen lassen.

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Mich hat dieser Verweis auf die Ostdeutschen auch gestört. Aber auch diese „Küchenpsychologie“ über einen vermuteten spätpubertären Trotz fand ich unpassend. Es ist mir klar, dass der Kommentar in der SZ nur ein Startpunkt war, um darüber zu diskutieren wie Freiheitsrechte in einer Demokratie definiert werden. In der Schlussfolgerung stimme ich auch vollkommen zu, also das die Freiheit des Einzelnen durch einen gesellschaftlichen Konsens auf der Grundlage der Verfassung rechtlich bestimmt werden kann und soll. Kurz, es ist ein Irrtum zu denken, dass Freiheit gesellschaftlichen Zwang und Pflichten kategorische ausschließt.

Aber die Prämisse, dass die Impfquoten in Ostdeutschland (außer Berlin) deshalb im Vergleich zum gesamtdeutschen Durschnitt niedriger sind, weil viele Ostdeutschen in einem totalitären Staat aufgewachsen sind, erscheint mir eine unnötige Verallgemeinerung. Aus meiner Sicht ist diese Art von Ost-West Vergleich nicht aussagekräftig, da Ost und West sich zu stark bzgl. Demographie, Bevölkerungsdichte, Anzahl von Ballungsräumen etc. unterscheiden.

Ich finde es schade, dass diese Sichtweise aus dem SZ Kommentar im Podcast einfach unkommentiert stehen gelassen wird. Es hat schon etwas von trauriger Ironie, da es doch gerade um den Umgang mit der Spaltung der Gesellschaft gehen sollte. Die generelle Annahme, dass die Bürger der ehemaligen DDR aufgrund einer „totalitären Prägung“ leider nicht das gleiche Demokratieverständnis entwickeln konnte, wie jemand der in der BRD aufgewachsen o.ä., halte ich für eins der ältesten Vorurteile der Wiedervereinigung.

Um Gustav Seibt, einen der wenigen Lichtblicke des aktuellen SZ-Feuilletons, da ein bisschen in Schutz zu nehmen: In dem SZ-Artikel (es ist übrigens kein „Kommentar“) geht es eigentlich überhaupt nicht um die DDR, sondern um einen generellen Aspekt. Der Verweis auf die DDR kommt nur in einem einzigen Satz relativ am Ende des Artikels vor und dort auch eher en passant:

In Ostdeutschland wird solcher Trotz von den absichtsvoll verlängerten Erfahrungen mit einer vom autoritären Kollektiv auferlegten Solidarität in der DDR befeuert.

Man kann sich natürlich fragen, ob es klug ist, ein Thema das so viele Empfindlichkeiten produziert, so kurz noch anzureißen, ohne dann länger darauf einzugehen. Allerdings steht da halt auch ziemlich harmlos „befeuert“, über mangelndes „Demokratieverständnis“ oder „totalitäre Prägung“ steht da nichts.

Weil ich dass mit mittlerweile gerade zu gebetsmühlenartig in mehreren Threads wiederhole hier nur die Eckpunkte:

  • Ein Großteil der organisierten Rechten im Osten kommt Ursprünglich aus Westdeutschland

  • Organisierter Rechtsextremismus wurde in der DDR hart verfolgt, „unorganisierter“ verheimlicht
    Die BRD hat beides immer bis zu einem gewissen/hohen Grad geduldet. die öffentliche Debatte darum ist logischer weise in beiden anders.

  • Alternativ Esotherische gibts vor allem in BW, rechts Eotheriker, Reichbürger etc. auch viel in Bayern (neue germanische medizin etc.). Diese Alternativen in BW sind nicht links oä. nur weil sie eine konservative grüne Partei wählen.

  • Rechtsextremismus gab es schon immer sehr stark in Bayern: Oktoberfestattentat (schwerstes der BRD Geschichte), Republikaner etc. zugleich gibt es kaum linke Strukturen die das aufdecken und aufbereiten, zum VS und Polizei gerade in Bayern muss ich wohl nichts sagen

  • Andere meist ignorierte Hubs von Rechtsextremismus im Westen sind Hessen (insbesondere im Norden), Dortmund (bzw. viel Fans Szenen der Fußball vereine in NRW), Heidelberg (Herkunft Dritter Weg, und extrem viele Burschis)

  • Man sollte nicht Osten sagen, wenn man eigentlich Sachsen meint. Fachbegriff wäre " Tal der Ahnungslosen" ;). Sachsen sollte man nicht Kleinreden, auch wenn man eine valide Kritik an Westdeutscher Selbstvergewisserung übt. Insbesondere gilt das für die rechten und evangelikane im Erzgebirge, welche nicht mal die DDR unterwandern konnte.

  • rechte Siedler und Anastasia Leute ziehen vor allem nach Sachsen und Brandenburg, weil die ländliche Infrastruktur so schlecht ist dass man die da machen lässt.

  • die DDR hatte unterschiedliche Phasen, einige eher totalitär andere eher autoritär. Sofern man denn den wissenschaftlich höchst umstritten und außerhalb von Deutschland kaum verwendeten Totalitarismusbegriff benutzen will

  • schlechte oder nicht vorhandene Kommunalpolitik hat in Ostdeutschland dazu geführt, dass es außerhalb der Großstädte kaum Kulturangebote gibt, die nicht rechts bis rechtsextrem sind. Während der neunziger (gab mal den Hashtag Baseballschlägerjahre, die traumata dieser Leute sind vielen nicht bewusst) hat man linke und nicht rechte Akteure nicht nur nicht unterstützt sondern sie nicht mal vor Naziangriffen geschützt (btw das so ein Grund warum Connewitzer altlinke die Polizei so extrem hassen. )

  • Grundsätzlich, wir leben in Deutschland, daher sollte man sich bürgerlich demokratischen Kultur im eigenen Bundesland, der eigenen Region und Kommune nie all zu sicher sein. Die Wahrscheinlichkeit für nen blinden Fleck ist recht hoch. Beispiel mir war bis vor paar Wochen nicht klar dass der Hauptsitz des Dritten Weges in Bad Dürkheim in RLP ist und das trotz ihrer extremen Präsenz und Fackelmärsche in Plauen im Vogtland. Selbiges galt für mich für ne gewisse Zeit für Nordhessen. Oder das stete weigern meines Heimatdorfes gegen ein Shoadenkmal bzw. die Praxis, dass mein Stadtrat lieber am 9. November vor nem Kriegsdenkmal/-friedhof trauert anstatt, im wortwörtlichen Dreck der eigenen Geschichte kniend Stolpersteine putzt oder den alten jüdischen Friedhof instand hält.

Das mag nicht alles das selbe sein aber ihr versteht hoffentlich, dass es mir um eine Kontinuität und ein gewisses Bewusstsein geht.

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Ich glaube Gustav Seibt hat hier vermutlich - vielleicht etwas feuilleton-bubble-haft - Vertreter:innen der Bürgerrechtsbewegung wie Angelika Barbe u.a. vor Augen, die in letzter Zeit nach rechts gewandert sind (oder immer schon rechts waren?) sowie ihre intellektuellen Helfershelfer: Susanne Dagen, Monika Maron, Uwe Tellkamp et al.

Ich halte ja überhaupt nichts von der sozialfaschismus These, aber die Ironie ist schon bissle Augenscheinlich. Gerade zu ein historischer Treppenwitz, dass einige der Leute die von der BRD gepriesen wurden als Widerständkämpfer für eine liberal bürgerliche Gesellschaft jetzt nach rechts abwandern, während man zugleich die DDR dafür verantwortlich macht, was im Osten passiert. :smiley:

Auch in diese ironische Kategorie, wenn auch kein VTler oder nach rechts abgewanderter, ist jener Richter, welche die Brandenbruger SPD als VG Richter durchbringen wollten mit explizitem Verweis auf sein Bürgerrechtsengagement in der DDR, während er zugleich eine Entscheidung des VGs, die eines seiner Urteile aufhob, nicht anerkannte. Ein weiterer Kämpfer für den Rechtsstaat ^^

Ich halte das nicht für eines der ältesten Vorurteile, sondern eher für eine der ältesten Ausreden der Wiedervereinigung. Die Erzählung geht dann oft so weiter, dass „die Ostdeutschen“ wegen ihrer DDR-Vergangenheit eben äußerst empfindlich reagieren, wenn die Regierung versucht ihnen Vorschriften zu machen (wie Masken tragen, sich impfen lassen, Flüchtlinge in ihrem Ort nicht anzünden, usw.). Dass so viele dort dann rechtsradikal werden, wird quasi als leichte Verirrung einer eigentlich obrigkeitskritischen, ur-demokratischen Einstellung betrachtet, die sich schon irgendwann von selbst wieder legen wird, wenn man dem Ostdeutschen bloß noch ein paar mehr Extrawürste brät.

Ich halte das für völligen Quatsch.

Viel plausibler ist, dass die „friedliche Revolution“ damals vom Großteil gar nicht aus Liebe zur Demokratie, sondern zu Wohlstand und Konsum getragen wurde. Nach der Wiedervereinigung wähnten sich viele dann schon im Paradies. Sowas wie der 1:1-Währungsumtausch, die Anrechnung der DDR-Arbeitszeiten ans westdeutsche Rentensystem, die Komplettsanierung der Infrastruktur usw. wurde als Selbstverständlichkeit hingenommen, denn man war ja genauso Deutscher™ wie die Westdeutschen und hatte selbstverständlich ein Anrecht darauf. Aber nach ein paar Jahren wurde langsam offenbar, dass Fernsehserien wie Beverly Hills 90210 einem nicht die Wahrheit über das Leben der meisten Leute im Kapitalismus erzählen, und man fühlte sich betrogen. Und dann kam eben der Nationalismus mit ins Spiel. Wieso haben Einwanderer, die sich seit den 70er Jahren in Westdeutschland Existenzen aufgebaut haben, teilweise mehr als die echten Deutschen™ aus Ostdeutschland? Wieso wird Flüchtlingen Unterkunft und Existenzminimum zur Verfügung gestellt, statt das Geld Ostdeutschen zu schenken? usw. usf.

Und die verantwortlichen Politiker dort – und auch Teile der Medien, wie der MDR – haben sich das angeschaut und gedacht, naja, bisschen übertreiben tun die teilweise schon, aber irgendwie haben sie ja auch Recht. Und der größte Teil wählt uns, also ist das schon ok. Bis sie halt angefangen haben die nicht mehr zu wählen. ¯\_(ツ)_/¯

Eine Ausrede? Aber wofür? Und wer redet sich aus was raus?

Gerne würde ich klarstellen, nur weil die o.g. genannte Annahme aus meiner Sicht ein Vorurteil ist, meine ich nicht das genau das Gegenteil stimmt. Dachte auch nicht, dass es Nötig ist, hierauf nochmal explizit hinzuweisen. Das Problem mit Faschismus, offenen rechtsradikalen Strukturen, Fremdenfeindlichkeit und anderen rechten antidemokratischen Tendenzen in den Neuen Bundesländern wollte ich auf keinen Fall verharmlosen oder klein reden.

Es ging doch um die Argumentation bzgl. Freiheitsverständnis und Impfpflicht. In diesem Zusammenhang fand ich die Anmerkung zu möglichen motivationalen Ursachen für eine Impfverweigerung unnötig. Obwohl diese nicht vollkommen falsch sein müssen. Aber wenn man davon ausgeht, dass ein breiter gesellschaftlicher Konsens über Wirksamkeit der Impfung, körperlicher Zumutbarkeit der Nebenwirkungen und gesellschaftlicher Notwendigkeit einer Impfpflicht bestehen würde und dies politisch sauber umgesetzt werden würde, weil nicht genügend Menschen geimpft sind, brauch es keine weiteren Begründungen. Die Frage: „Warum gibt es eine Impfpflicht“ wäre dann klar zu beantworteten mit „weil es Konsens ist und sich nicht genügend geimpft haben“. Ursachenzuschreibungen wie; „es gibt eine Impfpflicht, weil Impfverweigerer alles Faschisten sind“, „trotzig sind“, „keine Ahnung von Demokratie haben“ oder doch „nur ganze arme Opfer sind“ ist dann nur noch irreführend und unnötig. Die Diskussion kann auf der Sachebene bleiben und kommt ohne Ursachenzuschreibung aus. Ich merke ich bin wohl doch ein zu großer Idealist.

Ehrlich gesagt, gebe ich gerne zu, dass ich in diese recht beiläufige Anmerkung aus dem letzten Podcast im Zusammenhang mit dem Thema Impfpflicht und Freiheitsverständnis, sehr frei etwas hinein interpretiert und dann etwas polemisiert habe. Tut mir Leid, das war wohl nicht sehr sachlich.