Das Problem ist aber: diese halben Dutzend Möglichkeiten waren größtenteils Dinge, die wir hätten früher tun können und müssen - aus jetziger Sicht sind das schlicht versäumte Möglichkeiten. Ohne Zeitmaschine können wir sie nicht mehr nutzen, da wir die Vergangenheit nicht ändern können. Ebenso stellt es sich offenbar als enorm schwierig heraus, einen restriktiveren Kurs in Sachen nichtmedizinische Interventionen politisch für die Zukunft durchzusetzen.
Impfen hingegen ist etwas, das tun wir jetzt gerade! Optimierungen an der Impforganisation sind noch keine verpassten Gelegenheiten, sondern JETZT unsere wirksamste Stellschraube, die auch noch politisch weitgehend unkontrovers ist, denn gegen Impfen hat derzeit politisch niemand etwas einzuwenden. In einigen Wochen, wenn reihenweise BioNTech in Zweitimpfungen gepumpt wird, das besser zum Boost der Erstimpfungsgeschwindigkeit verwendet werden sollte - ja, DANN wird auch diese Gelegenheit zur verpassten Gelegenheit, analog zu den ganzen verpassten Gelegenheiten, die Sie einige Beiträge weiter vorne aufgezählt haben.
Ich sehe nicht, inwiefern dieser Einwand passt…
…aber das ist jetzt tatsächlich eine Milchmädchenrechnung! Wir fangen doch im nächsten Jahr nicht wieder auf dem Niveau an, dass nur ein paar hunderttausend Dosen pro Woche von einem einzigen zugelassenen Impfstoff geliefert werden. Wir sind jetzt bei 2,5 Millionen gelieferten Dosen pro Woche, allein BioNTech. Das soll kommenden Monat auf 3,4 Millionen pro Woche steigen, den Monat drauf auf über 5 Millionen. BioNTech/Pfizer produzieren allein dieses Jahr 2,5 Milliarden Dosen, nächstes Jahr über 3 Milliarden. Moderna wurde in die Rechnung noch gar nicht einbezogen, auch die sind kommendes Jahr mit von der Partie bei der Lieferung angepasster Impfstoffe, da deren Technologie ebenso schnell anpassbar ist wie die von BioNTech. CureVac gibt’s auch noch, aber die sind schon fast verschwindend klein mit ihren 300 Millionen Dosen dieses Jahr und irgendwas unter 1 Milliarde prognostiziert für nächstes Jahr.
Ich weiß, es ist schwierig, sich das vorzustellen, aber die Impfkurve wird eine ähnliche Entwicklung durchmachen wie die exponentielle Explosion der Corona-Inzidenzen: erst steigt es nur quälend langsam, und dann geht es plötzlich richtig flott voran. Wir sind jetzt gerade am Beginn dieser deutlichen Geschwindigkeitssteigerung, und in 2 Monaten werden Sie unzweifelhaft sehen, dass eine weitere Auffrischimpfung selbst im kommenden Herbst/Winter noch absolut kein Problem mehr darstellen wird. Zumal ohnehin derzeit davon ausgegangen wird, dass es eine solche „dritte Dosis“ ungefähr in diesem Zeitbereich geben wird, allein schon, um den Schutz gegen die Mutanten zu aktualisieren. Das heißt: völlig unabhängig, ob der Impfschutz aufgrund späterer Zweitimpfung nach 6 Monaten schwächer werden sollte oder nicht, es wird sowieso absehbar in 6 Monaten nochmal „geboostet“, womit das von Ihnen aufgebrachte Schreckensszenario schlicht in die Irrelevanz verpufft.
Nein, tut es nicht. Ich stelle gar nicht in Abrede, dass es 20-25% Impfverweigerer geben mag. Ich sage nur: die verweigern ganz unabhängig vom Impfstoff das Impfen generell. Die bekommen Sie daher auch nicht zur Impfung, wenn Sie BioNTech streng nach Vorschrift einsetzen, denn für diese Klientel ist jeglicher Impfstoff, auch der streng nach Vorschrift eingesetzte, widernatürliches Teufelszeug.
Ich beziehe mich mit „keine Vorbehalte“ logischerweise auf die impfwilligen, bei denen Sie lange suchen müssen, um noch jemanden zu finden, der Vorbehalte gegenüber BioNTech hat. Bei AstraZeneca sieht das, wie in meinem Beitrag beschrieben, gänzlich anders aus. Selbst viele Leute aus der gemäß Zulassung vollkommen korrekten und zugelassenen Zielgruppe der 60+ Jährigen haben da Vorbehalte (was btw auch wunderschön illustriert, wie wenig dieses Pochen auf der Verwendung „streng nach Vorschrift“ tatsächlich in der Praxis als vertrauensbildende Maßnahme taugt!).
Das ist jetzt ein Strohmann. Den lasse ich mal links liegen…
Nein, diesen Standpunkt habe ich nie vertreten, wie Sie an meiner Zustimmung dazu, dass in Sachen nichtmedizinische Interventionen eine Menge Möglichkeiten versäumt worden sind, erkennen können. Ich bin es lediglich leid, über verschüttete Milch zu diskutieren, und will mir lieber Gedanken über die Milch von morgen machen, die aktuell noch nicht verschüttet wurde, bei der ich aber dieselben Hände schon wieder am Krug wackeln sehe.
Touché!
Aber gut, wenn wir schon Wortklauberei betreiben, mache ich mit: die nicht vorhandene absolute Sicherheit findet durch das nicht zufällig dort platzierte Wörtchen „nahezu“ vor den 100% ihre Berücksichtigung, und das „sicher“ können Sie in diesem Fall eher als rhetorischen Rückbezug auf Ihre von mir obig beantwortete Aussage betrachten, die da war: „Gerade in einer solchen Notlage sollte man sich auf das verlassen was man sicher weiß.“
Nun ja, ich vertrete den Standpunkt, dass wir hier in der spezifischen Frage der BioNTech-Zweitimpfungs-Strategie doch größtenteils über objektivierbare Dinge sprechen, und in dieser Art Dingen gibt es keine „Meinung“, sondern tatsächlich ein „richtig“ und ein „falsch“. Wissenschaft ist keine Frage von Meinung! Es gibt nur nach jetzigem Kenntnisstand stringente und löchrige Argumentationsketten, und das Ziel der Diskussion ist nicht ein Austausch von Meinungen, die danach gleichberechtigt nebeneinander stehen, sondern das Herausfinden, welche Argumentation die hieb- und stichfeste ist.