Schockstarre könnte man die hochfrequente Berichterstattung über die bevorstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt (SA) nennen:
So titelt etwa jüngst die Zeit. Und auch die Schlagzahl sonstiger Thematisierungen in den Medien offenbart mithin, was der Feuilletonist Friedrich Sieburg schon 1954 attestierte (Deutschlandfunk):
„[W]ir leben im Dauerzustand der Katastrophe, und wenn wir uns auch vor der dunklen Wolke fürchten, die über uns hängt, so ist die Furcht doch auch mit einem heimlichen Vergnügen vermischt. Die Weltuntergangsstimmung durch scharfsinnige Analysen ins allgemeine Bewusstsein zu heben und sie gleichzeitig doch auch zu genießen, gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen des Menschen von heute.“
„Die Lust am Untergang“ heißt das Buch, in dem Friedrich Sieburg diese Geisteshaltung analysiert und als spezifisch deutsche Befindlichkeit erläutert.
Natürlich darf man die Möglichkeit einer faschistischen Machtübernahme in SA und deren mögliche Konsequenzen nicht kleinreden.
Aber man darf schon die Frage stellen, warum die Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern (mit zusammengenommen zweieinhalbmal so vielen Einwohner:innen wie Sachsen-Anhalt) medial derart unterrepräsentiert sind.
Dabei sind die Umfragen in beiden Bundesländern tendenziell positiv.
In Berlin wird es höchstwahrscheinlich für Rot-Grün-Rot reichen:
In Mecklenburg-Vorpommern wäre eine solche Dreier-Konstellation u.U. ebenfalls möglich, wenn es die Grünen in den Landtag schaffen:
Allerdings steht es dort Spitz auf Knopf. Die Rückfalloption auf die im Vergleich zu SA mutmaßlich etwas gemäßigtere Nordost-CDU wäre jedenfalls noch in der Hinterhand.
Es wäre daher doch sehr zu begrüßen, wenn die beiden anderen Landtagswahlen medial deutlich mehr Aufmerksamkeit bekämen.
Das könnte vielleicht sogar ein Stück weit positiv auf die Landtagswahl in SA ausstrahlen, insofern es die antifaschistischen Kräfte dort noch ein Mü besser mobilisieren könnte.
SA bleibt so oder so ein Sonderfall und als solchen sollte man ihn auch behandeln.
Diesen Unterschied immer wieder herauszuarbeiten wäre Aufgabe einer verantwortungsvollen Berichterstattung.
Sie sollte mehr durch den Schweriner Schlosspark und die Berliner Kieze flanieren, statt auf/vor den/m Landtag in Magdeburg zu (er-)starren.


