mir erscheint vieles offensichtlich, aber ich kann mir vorstellen, dass ich mir Detailkenntnisse fehlen:
Es gab die Idee der Bürgerversicherung. Warum spricht darüber niemand mehr? Was spricht dagegen? Aus meiner Perspektive ist die Beitragsbemessungsgrenze nicht mehr zeitgemäß, insbesondere wegen unserer Demografie. In dem Augenblick, wenn private Krankenversicherung nur noch add-on für die hohen Einkommen sind, müssten wir nicht derart an der Gesundheitsversorgung sparen.
Ich wünsche mir eine Recherche, warum Pflege-und Altenheime für Investoren zumindest in den vergangenen Jahren lukrativ waren. Das für mich Fatale ist, dass die Kommunen, weil sie für die Grundsicherung und damit letztendlich für die Pflegekosten im Heim aufkommen, dadurch perspektivisch immer ärmer werden. Oder?
Wenn dem so ist, dann wäre es ähnlicher Drain von Steuergelder zu Investoren wie beim Wohngeld. Möglicherweise gibt es noch mehr solcher Umwege, wie Sozialleistungen an der völlig falschen Stelle landen?
Die Idee der Bürgerversicherung ist an sich eine gute. Alle zahlen ein, alle bekommen die gleichen Leistungen. Alle sind dann auch versichert ( zb Selbstständige ).
Das Problem liegt in dem Übergang zu einer solchen Versicherung und der Ausgestaltung derselben.
Man müsste auf dem Wege zur Bürgerversicherung die private Krankenversicherung abschaffen. Das geht leider nicht so einfach und es würde sich wenn überhaupt über einen langen Zeitraum ziehen. Dazu würde es eine Vielzahl von Klagen der privaten Versicherer und Versicherungsnehmer geben, die sich ebenfalls über viele Jahre ziehen würden.
Bei der Ausgestaltung müsste man dafür sorgen, dass wirklich alle relevanten Leistungen enthalten sind. Genau da sehe ich ein Problem. Aus rein finanziellen Gründen wurden in der Vergangenheit Brillen- und Zahnversorgung größtenteils einfach aus dem Versicherungskatalog rausgenommen. Medizinische Gründe gab es nicht. Bei den aktuellen Parteien und der gerade angestrebten Kürzungsorgie im Gesundheitswesen mag man sich garnicht vorstellen, was im Falle einer Bürgerversicherung noch alles rausfliegen würde. Ich befürchte, das wird dann eine reine Grundversorgung und wer eben vernünftige Leistungen möchte, muss sich zusätzlich versichern.
Wie Probleme im Gesundheitswesen angegangen werden, dürfte man auch gestern in der Phoenix-Runde erleben. Da sitzen sog. Expertem, die absolut keine Ahnung haben vom Alltag der Pflege im Privatbereich, die aber als reine Erbsenzähler vorrechnen, wo man Geld einsparen könnte, weil das angeblich nicht gebraucht wird. Da ich selbst viele Jahre gepflegt habe, saß ich nur da und fragte mich, welchen Realitätsbezug diese Menschen haben. Das sind aber die Leute, die dann eine Regierung unterstützen und beraten, die selbst nur an Kürzungen und Einsparungen denkt. Betroffene kommen nicht zu Wort. Das ist übrings auch bei vielen anderen Themen so, aber das ist eine andere Sache.
Wir leben in einer Marktwirtschaft, die sich mehr und mehr von der sozialen Seite weg und hin zu einer freien entwickelt. Überall muss es einen freien Wettbewerb geben, weil angeblich staatliche Lenkung nirgends funktioniert. So aber werden nicht nur Pflegeheime ausgesaugt, sondern inzwischen auch immer mehr Arztpraxen. Alles wird immer teurer, aber es kommt den Patienten nicht zugute.
Wenn man echte Reformen möchte, dann müsste man die Dinge in vielen Bereichen ganz neu denken. Gerade im Gesundheits-/Pflegebereich, aber auch zb in der Bildung. Aber dazu gehört ein Denken „out of the box“. Was aber passiert in der Realität? Das sieht man gerade bei der Hetzkampagne gegen die Linken, weil diese es wagen, neue Wege vorzuschlagen für mehr bezahlbaren Wohnraum. Wege, die vom Grundgesetz gedeckt sind.
Nur politisch hat das keine Lobby. Ähnliches gilt für grundsätzliche Änderungen auch in anderen Bereichen. Begleitet wird diese Verweigerungshaltung von einer Vielzahl von Medien, denen keine Kampagne zu niveaulos ist.
Aus den vorgenannten Gründen wird es wohl keine Bürgerversicherung in absehbarer Zeit geben. Vielmehr werden die Menschen, die wenig Geld haben, immer schlechter versorgt werden.
vielen Dank für Deine ausführlich Antwort, auf die ich antworten möchte, weil ich die Schwierigkeiten auch sehe, aber trotzdem dafür plädiere, trotz aller möglichen Klagen, diese Richtung weiter zu verfolgen.
Ich stelle es mir so vor, dass die Beitragsbemessungsgrenze schrittweise erhöht wird bis hin zur Abschaffung. Und dass die Privatversicherung, wie in der Zahnheilkunde, Zusatzpakete sind.
Und vor allem gilt die Beitragsbemessungsgrenze (wenn auch im Detail etwas anders) auch für die Rentenversicherung, demnach würden in beide Bereiche mehr Geld zur Verfügung stehen und zwar sofort und ohne Belastung der unteren Einkommen bzw. Leistungskürzung.
Was aber noch wichtiger ist: Weil die Demografie mit den Boomer so ist, wie sie sich schon vor Jahrzehnten angekündigt hat, braucht es einen anderen Diskurs: Nämlich, dass diese Gesundheitsleitungen hochwertig sind, wahrscheinlich wegen des medizinischen Fortschritts teuerer werden und dass wir als 3. größte Volkswirtschaft der Welt und das leisten können, wenn wir nur nur wollen. Und wegen des Boomer-Buckels der Demografie wird es in Bezug auf die Kosten der Sozialversicherungen eine Veränderung geben - nun ja, wahrscheinlich erst in Jahrzehnten, aber immerhin.
Die Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenze ist ein Maßnahme gegen eine weitere Umverteilung von unten nach oben. Dafür lohnt es sich, Klagen in Kauf zu nehmen. Und einen langen Weg zu gehen.
Solltest du die BMG abschaffen, erhöhst du den Anreiz zum Wechsel in die PKV. Aktuell bekomme ich fleißig Werbung dazu ausgespielt. Du vertreibst also die stärksten Beitragszahler.
Ich glaube dies ist das Kernproblem. Eine Einheitsversicherung ist erst mal weder besser noch schlechter. In England gibt es nur diese und die Wartezeiten sind deutlich länger als bei uns. Man müsste die Finanzierung verändern.
Damit kommen wir zum Kernproblem. Bereits heute trägt die PKV deutlich höhere Kosten des Systems. Sollte die ersatzlos wegfallen, gibt es arge Verwerfungen. Dies ist eine der Gründe, warum Praxen Private lieben. Sie werden für jede Leistung (besser) bezahlt.
Ein Arzt hat mir mal erklärt, die Praxis erbringt eine Leistung (bspw. Ultraschall) und rechnet Ziffer 1 ab. Am Ende wird geschaut, wie häufig wurde von allen Ärzten Ziffer 1 abgerechnet und wie viel Geld ist im Topf. Anschließend bekommen alle eine Kürzung um x %, falls das Budget überzogen wurde. Die Tatsache, dass die Ziffern seit Jahrzehnten nicht angepasst wurden, kommt hinzu.
Die PKV hält das System am laufen, da es deutlich näher an der Realität der Praxen ist.
Ich will damit nicht gegen eine Reform votieren, jedoch ist es eine Operation am offenen Herzen des Systems. Bitte denkt daran, dass eine Vielzahl der Praxen vor einer Übergabe stehen und ein junger Arzt muss Lust haben auf so ein System haben, bei dem er absehbar deutlich weniger verdient. Da ist die Chance hoch, dass der Ärztemangel schlimmer wird.