Feedback zum methodischen Ansatz der Sommerinterviews

LdN 485/483 China-Russland

Die beiden Interviews verfolgen auf den ersten Blick dasselbe Ziel – dem Publikum ein Land und sein politisches System zu erklären. Vergleiche ich die Kapitel, so tun sie es aber mit einer deutlich unterschiedlichen Grundhaltung und Fragestellung. Das finde ich interessant, weil ich aus unterschiedlichen Interviewansätzen unterschiedliche Erkenntnismöglichkeiten schöpfe.

Für Russland gibt es aufgrund des Angriffskrieges gegen die Ukraine, der massiven Repression im Inneren und der dokumentierten Einschränkung von Meinungs- und Pressefreiheit gute Gründe, stärker auf Machtstrukturen, Krieg und Repression zu fokussieren.

Gleichzeitig kann eine zu stark wertende Rahmung aber dazu führen, dass andere Aspekte – etwa institutionelle Funktionsweisen, gesellschaftliche Vielfalt oder wirtschaftliche Dynamiken – weniger Raum erhalten. Das vereinfacht das Gesamtbild.

Aus journalistischer Sicht erscheint mir die China-Folge methodisch ausgewogener. Sie beginnt mit offenen Fragen, arbeitet sich von Institutionen zu Bewertungen vor und versucht zunächst, das politische System zu verstehen.

Die Russland-Folge ist -wie schon geschrieben- thematisch nachvollziehbar, insbesondere angesichts des Krieges gegen die Ukraine. Sie ist jedoch stärker durch eine bereits gesetzte Deutung gerahmt (“Mafia-Staat”, “System der Angst”) und enthält mehr Fragen, die eine bestimmte Erklärung oder Diagnose nahelegen. Dem folgt eine engerer Gesprächsführung, die weniger Raum für strukturelle Analysen und alternative Perspektiven lässt.

Ich hatte nach der China-Folge auf ein Vergleichsformat und darauf gehofft, dass beide Länder zunächst entlang ähnlicher Leitfragen behandelt werden: Staatsaufbau, Elitenrekrutierung, Verhältnis von Partei und Gesellschaft, wirtschaftliche Steuerung, außenpolitische Ziele und historische Prägungen – um dann erst anschließend die normativen Unterschiede zu diskutieren. Ein solcher symmetrischer Aufbau hätte mich analytisch mehr überzeugt. Bevor ich hier im Forum nun als verkappter „Putin-Versteher“ gelabelt werde, erkläre ich:
**Ich halte beides für legitime journalistische Ansätze.**
Meine Wahl wären aber immer Interviews, die auf strukturelle Analysen und alternative Perspektiven fokussiert sind - dann höre ich dazu auch gerne die Meinungen und Haltungen der Host.

Damit mein Ansatz nachvollziehbar wird, vergleiche ich die Interviewstrategie anhand der Kapitel im nächsten Post.

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Damit mein Ansatz nachvollziehbar wird, vergleiche ich die Interiewstrategie anhand der Kapitel im nächsten Post.

1. **Wissenschaft versus politische Analyse**
Einen gravierenden Unterschied machen natürlich die Gäste. Ihr Fokus unterscheidet sich deutlich:

Marina Rudyak ist Sinologin und forscht wissenschaftlich zu China. Es gibt Shownotes zu ihren Thesen und Informationen.
Gesine Dornblüth ist eine langjährige erfahrene Russland-Korrespondentin und Journalistin. Shownotes zu ihren Thesen und Informationen sind nicht angegeben. Der Fokus der beiden Gäste:

**China-Folge:**
Institutionen, Verwaltung, Parteisystem, Wirtschaft, Staat

**Russland-Folge:**
Putin, Geheimdienste, Krieg, Propaganda, Machtapparat

2. **Aufbau der Interviews*

*China* (Marina Rudyak)
Die Dramaturgie ist überwiegend offen und analytisch.
Die ersten Fragen sind klassische sozialwissenschaftliche Fragen. Sie unterstellen keine bestimmte Bewertung des Systems, sondern zielen auf Erklärungen, wie es funktioniert:
Was hat Sie überrascht? Was ist das größte Missverständnis? Wer hat das Sagen? Welche Ämter haben Macht? Wie wird die Elite rekrutiert? Wie werden Interessen abgebildet?
Normative Fragen und provokante Formulierungen kommen erst später, nachdem die institutionellen Grundlagen erklärt wurden:
Was ist der Preis der wirtschaftlichen Dynamik? Ist China die „Klima-Sau des Planeten“? Wann überfällt China Taiwan?

*Russland* (Gesine Dornblüth)
Die Dramaturgie ist deutlich stärker diagnostisch und normativ.
Der Titel lautet: Der „Mafia-Staat“. Damit wird eine Deutung bereits vorgegeben. Viele Fragen enthalten bereits eine These. Hier wird weniger gefragt: Wie funktioniert Russland? Sondern: Warum ist Russland autoritär und instabil? Warum scheitern Demokratien? Wann bricht das Machtsystem auseinander? Wieso wäre ein Ende des Krieges auch Putins Ende?

3. **Unterschied bei den W-Fragen**
Die Kapitel der China-Folge enthalten klassische W-Fragen, die den Gesprächsraum weit öffnen:
Wie? Warum? Wer? Woher?
Die Kapitel der Russland-Folge verknüpfen klassische W-Fragen mit bewertenden und/oder hypothesengeleiteten Anteilen. Das verengt den Gesprächsraum: Warum scheitern Demokratien? Wann bricht das System? Warum ist Angst zentral? Warum endet Putin mit dem Krieg?

4. **Welche Themen fehlen mir?**

Im China-Interview sehe ich Strukturfragen informativ behandelt.
Im Russland-Interview fehlen mir Strukturen:
Wie funktioniert der russische Staat außerhalb des Kremls? Warum nennen wir ihn einen Mafia-Staat? Wie funktioniert die Wirtschaft? Welche großen gesellschaftlichen Gruppen/Schichten/Interessen existieren? Welche tiefgreifenden strukturellen Veränderungen des Staates, der Wirtschaft und der Gesellschaft haben nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zum „System Putin“ geführt?

5. **Vorannahmen**
Das China-Interview stellt sich stärker explorativ dar, was ich entschieden bevorzuge und was meinem Anspruch an das hohe journalistische Niveau der LdN entspricht. Das Russland-Interview ist für meinen Bedarf zu stark hypothesengeleitet.

*China*: „Erklären Sie uns dieses System.”
*Russland*: „Erklären Sie uns, warum dieses System autoritär, repressiv und möglicherweise instabil ist.”

*Großen Dank -auch nochmals für das wunderbare Geburtstagsfest im Friedrichstadt Palast- und herzlichen Gruß meinem Lieblingspodcast
von einem Fan der ersten Stunde.*

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LdN486: Psychologie und Politik: Wie wir mit AfD-Wählern reden müssen (Prof. Eva-Lotta Brakemeier, Psychologin) – Teil 1

Der Titel verspricht ein Interview, das sozialpsychologische Perspektiven ausleuchtet oder sie zumindest nicht völlig ausblendet. Aber nach meinem Eindruck ist entweder der Titel dieser Folge falsch gewählt oder die Gesprächspartnerin.

Die Interviewführung zielte auf Strategien, wie Psychologie „den Leuten“ aus Ängsten und „Bockigkeit“ gegenüber Veränderungen und einschneidenden Reformen heraushelfen könnte. Welche „Leute“ aus welchem sozialen Kontext gemeint sind und in welcher Dimension sie von Veränderungen betroffen sind, wird nicht differenziert. AfD-Wähler -die der Titel adressiert- werden damit als homogene Masse abgebildet, die PolitikerInnen oder andere dialogbereite Menschen mit dem richtigen individualpsychologischen Rüstzeug besser erreichen können sollen.

Dass Frau Prof. Brakemeier im Wesentlichen ihr individualpsychologisches Handwerkszeug auspackt, ist ihrem wissenschaftlichen Schwerpunkt geschuldet, der den Hosts bei der Auswahl der Gesprächspartnerin bekannt war. LehrstuhlinhaberInnen mit sozialpsychologischem Schwerpunkt als Alternative hätte es durchaus gegeben.

Was Frau Prof. Barkemeier anbietet, trainieren PolitikerInnen aber bereits seit langem mit ihren professionellen BeraterInnnen und KommunikationsstrategInnen. Die Ergebnisse kennen wir und sie sind ja gerade auch der Anlass für dieses Interview.

Mein Resümee: Interviewstrategie und Interviewpartnerin gehen durchaus zusammen. Viele der Tipps können z.B. beim individuellen Gespräch in ähnlichen oder gleich Milieus, z.B. am Familien- oder am Stammtisch hilfreich sein. Das Titelversprechen „Psychologie in der Politik“ sehe ich jedoch nicht eingelöst.

Im mag die Idee der Sommerinterviews sehr und höre sie immer mit Gewinn! Deshalb: Dank Euch, liebe Hosts und erholt Euch gut für den bevorstehenden heißen Herbst!

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