Die Grünen mussten in der Regierung schon viele Dinge mittragen, die sie zuvor vehement bekämpft haben (Lützerath war wohl das schwerste Paket…). Letztlich verlangen wir das ja auch von der FDP - also dass sie Kompromisse mit den anderen beiden Parteien eingehen muss, auch wenn sie gegen die eigenen Grundüberzeugungen sind… Eine so ungleiche Regierung wie SPD, Grüne und FDP führt eben leider dazu, dass alle Parteien etwas aufgeben müssen, vor allem die beiden Juniorpartner.
Interessant finde ich dabei eigentlich vor allem, dass die SPD verhältnismäßig wenig von ihrem Kern opfern musste. Andererseits ist die SPD ja schon weitestgehend von der Union entkernt worden, es fällt mir eigentlich schwer, überhaupt zu sagen, was für die SPD ein so zentrales Thema ist, dass es mich überraschen würde, wenn sie dagegen Politik machen würde - einzig der Mindestlohn fällt mir dazu ein… aber als Wähler ist man das von der SPD ja auch schon gewohnt („Wer hat uns verraten…“), jetzt sind Grüne und FDP auch mal in der Position, einige ihrer Kerninteressen über Bord werfen zu müssen…
So traurig das auch klingt, aber in Zeiten neuer russischer Großmachtbestrebungen ist die Welt wieder bipolarer denn ja, daher: Man lässt den Saudis und z.B. auch der Türkei sehr viel durchgehen, wenn sie dafür im eigenen Lager stehen und nicht im russischen. Ein Land von westlicher Militärausrüstung abhängig zu machen ist letztlich ein Weg, das Land an sich zu binden.
Gefühlt ist das alles sehr blöd, aber hier gilt letztlich das gleiche wie im Hinblick auf China:
Wenn wir an allen Fronten gleichzeitig maximal kämpfen (also aktuell z.B. massive Kritik an China äußern), riskieren wir, dass sich alle gegen uns (also „den Westen“ bzw. „die NATO“) verbünden. Da kann es - so schwer es auch fallen mag - manchmal sinnvoller sein, ein paar moralische Bedenken aus geopolitischen Erwägungen zu ignorieren.
Auch hier gilt wieder der Klassiker: Das ist ein Dilemma, es gibt keine ideale Lösung. Es ist die Wahl der am wenigsten schlimmen Option. Jegliche Kritik, die nur das - berechtigt - kritikwürdige anspricht, aber keine besseren Alternativen benennt (z.B. weil sie das Dilemma nicht akzeptiert) ist es letztlich nicht wert, überhaupt ernst genommen zu werden…