Und das ist genau das, was ich bemängele: Es wird das Dilemma nicht anerkannt. Ja, es ist absolut schlimm für Israel, in dieser Situation zu sein, dass man Nachbarstaaten hat, die einen auslöschen wollen. Das ist schrecklich - gar keine Frage. Trotzdem muss man sich bei der Frage, wie man damit umgeht, die Frage stellen, ob die Aktionen, die man tätigt, um diesen Zustand zu ändern, auch dieses Ziel erreichen können. Und das wird eben bestritten.
Der Konflikt mit der Hizbollah ist fortlaufend, ja, aber die Intensität ist stark schwankend. Die primäre Frage ist, wie die Zahl der Opfer auf israelischer Seite minimiert werden kann. Die sekundäre Frage ist, wie die Zahl der zivilen Opfer auf libanesischer Seite minimiert werden kann (das ordne ich bewusst dem Ziel unter, wie die Zahl der Opfer Israels reduziert werden kann, aber man sollte es dennoch nicht völlig außer Acht lassen!).
Die eine Seite argumentiert nun, dass durch großangelegte Luftangriffe oder gar Bodeninvasionen die Hizbollah geschwächt und die Zahl der israelischen Opfer dadurch reduziert werden könne. Die andere Seite bestreitet das und verweist darauf, dass gerade diese Eskalation zu mehr Raketenabschüssen und toten israelischen Soldaten und Zivilisten führt - und das auch nicht durch eine mittelfristige Reduktion des Raketenbeschusses aufgefangen werden kann. Wer hat Recht? Das können wir nicht wirklich sagen, das gilt für uns alle.
Mittelfristig ist aber wohl klar, dass der Raketenbeschuss durch die Hizbollah dann minimal ist, wenn der Konflikt möglichst weit runtergekocht wird. Langfristig ist wohl ebenso klar, dass der Raketenbeschuss nur enden kann, wenn die Hizbollah im Libanon an Einfluss verliert, und die Erfahrung zeigt, dass das bisher nach keiner Intervention Israels das Resultat war, sondern eher das Gegenteil bewirkt wurde (das klassische „Angriffe von Außen schweißen die Bevölkerung (und die Terroristen) zusammen“).
Deine gesamte Argumentation baut quasi darauf auf, zu sagen: „Aber Israel kann auch nicht nichts tun, sie müssen halt irgendwas tun!“ - und das ist klassischer „blinder Aktionismus“ und nicht geeignet, eine militärische Intervention zu begründen. Es ist wie gesagt eine ganz miese Situation für Israel, aber wenn „Nichts tun (bzw. defensiv handeln, Raketenschirme maximal ausbauen)“ kurz-, mittel- und langfristig zu weniger Toten auf Seiten Israels führt als eine Intervention, sollte man nicht die Intervention verteidigen. Außer natürlich, man vertritt eine Auge-für-Auge-Ideologie („Wir erleiden zwar auch höhere Verluste, aber hauptsache, wir töten mehr von denen als die von uns!“).
Gegen diese Argumentation richtet sich hier der Widerstand derjenigen, die sagen, dass eine Intervention Israels im Libanon völkerrechtlich zwar völlig legitim ist (wie gesagt, niemand sagt, dass Israel es nicht dürfe!), aber aus rein pragmatischen Gründen nicht praktiziert werden sollte, weil es auch nicht zum Vorteil Israels ist. Deshalb sind u.a. auch die USA und unsere Außenministerin gegen diese Interventionen - nicht, weil sie meinen, dass Israel kein Recht hätte, sondern, weil sie meinen, dass es kontraproduktiv auch für Israel ist („Lose-Lose-Situation“).
Da wir hier so viele Russland-Ukraine-Vergleiche haben, kann man das auch mit der Kursk-Offensive der Ukraine vergleichen. Die Ukraine hat absolut jedes Recht, in Kursk einzufallen und jede Kritik, die das bestreitet, ist abzulehnen. Eine Kritik jedoch, die hinterfragt, ob es sinnvoll ist, weil das russische Narrativ der ukrainischen Aggression dadurch gestärkt wird und der russische Krieg gegen die Ukraine in der russischen Bevölkerung dadurch möglicherweise eine größere Akzeptanz findet und die Ukraine sich möglicherweise damit an anderen Fronten schwächt ist völlig in Ordnung. Man kann dieser Kritik zustimmen oder sie ablehnen, aber man sollte diese Kritik nicht damit abbügeln, den Leuten zu unterstellen, sie seien Russlandfreundlich oder damit argumentieren, dass „die Ukraine ja schließlich irgend etwas tun müsse“. Wie gesagt, die völkerrechtliche / moralische Ebene („Dürfen die das?“) muss hier strikt von der pragmatischen Ebene („Macht das Sinn?“) getrennt werden. Eine militärische Intervention wird kurzfristig immer auch zu mehr Toten auf Seiten Israels führen und wenn sie langfristig nicht dazu führt, dass die zivilen und militärischen Verluste reduziert werden, ist sie einfach aus pragmatischen Gründen abzulehnen.