Energiekrise facht Inflation im neuen Jahr an

Da die Strompreise durch die abgeschalteten französischen AKWs mittlerweile bei 300€+ in ganz Europa liegen und sich dies im Januar auch nicht groß ändern wird, wird Strom auch im neuen Jahr teuer bleiben.

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Gleichzeitig kommt kaum (und wenn dann teures) Gas in Deutschland an (zumindest bis NorthStream2 online geht). Dabei werden zwar alle Verträge erfüllt - aber eben auch nur zu 100% - zumindest von Gazprom, die aber für 87% des Gases verantwortlich sind.


Laut Verbraucherpreisindex-Warenkorb geht Strom mit 2,59% und Erdgas mit 2,42% in den Index ein. Bei Erdgas- und StromPreisen die bei einem vielfachen von Januar 2020 liegen werden allein diese beiden schon den Mehrwertsteuer-Senkungseffekt zunichte machen.
Deutschland hat noch viel Inflation im Vergleich zu seinen europäischen Nachbarn nachzuholen, bei denen sich Energiepreise direkter niederschlagen. Der Grund ist, dass in Deutschland Lieferverträge für Strom- oder Gasverträge längerfristiger sind als in anderen Staaten- das heisst dass die aktuellen Teuerungen aktuell noch von den Versorgern getragen werden und erst Schrittweise an die Konsumenten weitergegeben werden. Da reicht ein Blick ins Baltikum - dort wird bei erhöhten Gaspreisen sofort der Tarif erhöht. Wir haben es also mit einer etwas verschleppten Inflation in Deutschland zu tuen. Präventive Maßnahmen sehe ich nicht in der Politik. Wir brauchen nicht mehr Nachfrage nach Energie - wir brauchen mehr Angebot. Aus den langfristigen (und kostendämpfenden) Gasversorgungsverträgen mit Russland auszusteigen war eine dumme Idee - da sollte insbesondere die SPD ihren Fehler revidieren.

Wenn Russland uns schon nach den den laufenden Verträgen nicht soviel Gas liefert, wie sie könnten, warum sollten sie dann weitere Gas-Lieferverträge mit uns abschließen?

in Zeiten hoher Erdgaspreise hat der Produzent natürlich eher Interesse an kurzfristigen Verträgen. Der Fehler war, zu Zeiten niedriger Gaspreise die langfristigen Verträge mit Russland aufzukündigen.
Man wollte damals eben von den Schwankungen profitieren - jetzt muss man aber eben auch mit den Marktpreisen leben. Die geringe Kontinuität der Preise ist ja genau das fatale an der jetzigen Situation.

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In der Tat. Es ist unverständlich, dass nicht öffentlich dazu aufgerufen wird, die Heizungen etwas runterzudrehen und kürzer zu duschen. Was uns in den kommenden Monaten droht, das ist ja nicht „nur“ ein exorbitanter Preisanstieg, sondern echte physische Knappheit. Das wäre jetzt noch mit großer Sicherheit abzuwenden, wenn wir europaweit etwas den Verbrauch reduzieren - auch bei denen, die den wahnsinnigen Preisanstieg jetzt noch nicht spüren.

Ich habe das Gefühl noch nicht verstanden worden zu sein.

Was ich vorschlage ist folgendes:
Man könnte Gazprom anbieten, für das nächste Jahr einen fixen Preis zu zahlen. Dieser würde niedriger sein als der aktuelle aber höher als der für die Sommermonate erwartbare.
Man würde also einen gedämpften aber konstanten Preis über das Jahr zahlen.
Das würde dazu führen dass wir am Anfang des Jahres nicht so hohe Inflation hätten und entsprechend keine Zweitrundeneffekte einsetzen würden.
Diese Weitsicht spreche ich der Politik jedoch ab- man wird lieber vor den „vorübergehenden“ hohen Preisen die Augen verschließen uns das sich hochschaukeln der Preise ignorieren.
Wenn im Februar die Inflation hoch ist obwohl man sie hätte verschleppen können- dann werden die Mieten/Löhne/Produktpreise ebenfalls anziehen. Und das kritisiere ich.

Das setzt voraus, dass Gazprom aus wirtschaftlichen Gründen nicht liefert.
Allgemein wird aber vermutet, dass aus politischen Gründen nicht geliefert wird: damit NordStream2 endlich genehmigt wird - ein bisschen auch wirtschaftliche Gründe, denn Gazprom profitiert natürlich dann, wenn es zukünftig Durchleitungsgebühren spart. Und wenn die EU auf die Trennung von Gas- und Leitungsanbieter verzichtet, wie es Gazprom gerne hätte.

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Es gibt ja einen Markt. Der bezahlt für eine versprochene Gaslieferung im Sommer 22 momentan fast soviel wie den aktuellen, aberwitzig hohen Preis.

Stünde ein kurz- oder mittelfristiges Profitinteresse hinter dieser Gasknappheit, die Hähne wären inzwischen aufgedreht worden. Vorerst sieht es so aus, dass die Russen nicht mehr liefern wollen oder können, als vertraglich vereinbart.

Auch letztere Möglichkeit ist übrigens einen Gedanken wert. Die russischen Gasvorkommen sind nicht unendlich groß und nachdem jahrzehntelang Europa mit großen Mengen beliefert wurde, kommen nun auch im Osten die Chinesen als energiehungrige Kunden dazu. Wie man hier sieht, geht auch der Marktpreis in Südostasien massiv nach oben: Natural Gas | Collection | MacroMicro

Es wäre an der Zeit, mal etwas Gasverbrauch einzusparen.

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aus welchen Gründen nicht geliefert wird ist doch fast egal.
Alternativ könnte man den Stromanbietern in Deutschland dasselbe anbieten: Zum Jahresbeginn eine Reduktion der Energiekosten, welche dann später zurückgezahlt wird. Dies hätte denselben Effekt auf die Inflation. Eins bleibt: hohe Energiekosten am Anfang des Jahres sind keine gute Idee und abwendbar.

Naja nicht ganz, wenn Russland aus wirtschaftlichen Gründen nicht liefert oder aus Vorratsgründen, wie @Guenter nachvollziehbarer Weise vermutet, dann dürften sie an neuen langfristigen Verträgen aktuell doch eher kein Interesse haben oder?
Wenn es aber wirklich um Nordstream 2 ginge, dann würden sie wahrscheinlich den Hahn aufdrehen sobald das Projekt genehmigt ist. Oder sehe ich das falsch?

Jup. Und den lässt man aktuell laufen - ohne sich auf die sozialen und gesellschaftlichen Konsequenzen vorzubereiten. Wenn die Leute für hohe Preise nicht entschädigt würden wäre dies auch kein Problem, aber leider greift der Markt ja nicht bis ins letzte. Sprich wenn jemand aufgrund der gestiegenen Gaspreise in die Insolvenz rutscht wird er ja rausgehauen (auf Staatskosten). Da endet dann ja der Markt.

The only cure for high prices is high prices…
Das gilt aber nur für Güter, die nicht überlebensnotwendig sind. Aktuell können viele nicht auf Gas verzichten - weil frühere Regierungen stete Gaslieferungen nahezu garantiert haben.
Wenn die Trinkwasseroligopolisten den Tarif erhöhen kann ja auch keiner kurzfristig auf etwas alternatives ausweichen.

das ist schon richtig - deshalb muss auch so ausgehandelt werden, dass beide Parteien damit zufrieden sind. Man könnte auch z.B. „testweise“ einige Kubik Gas durch NS2 leiten. Da hat die EU bestimmt nichts gegen - und wenn doch ist das Verfahren bestimmt einige Jahre aufzuschieben.
Deutschland (und die EU) braucht schnell günstige Energie, sonst rennt uns die Inflation noch schneller davon als den Amerikanern.

Bei den derzeitigen hohen Preisen haben schon mehrfach US-LNG-Tanker kurz vor Asien umgedreht und sind nach Europa gefahren- z.B. die Minerva Chios

Map showing route of US LNG tanker Minerva Chios heading from US towards Indian Ocean before performing a U-turn and heading back towards Europe

Und noch eine lustige Anekdote:
Erstmals seit 2009 fährt ein LNG-Tanker aus Australien (!) nach Barcelona.

Die Alternative zu hohen Gaspreisen ist eben nicht weniger Gas zu verwenden - sondern den Asiaten ihre Lieferungen wegzuschnappen.

Wir könnten auch europaweit zum Einsparen von Strom und Gas aufrufen. Ein Großteil der Verbraucher ist aufgrund langlaufender Verträge doch noch gar nicht über den aktuellen Preisanstieg informiert. Die merken das erst, wenn ihr Lieferant selbst in Schwierigkeiten kommt. Oder der Vertrag ausläuft und die Preisanpassung für den Folgevertrag dann 200% bis 300% beträgt. Auch könnte man ein sofortiges Verkaufs- und Betriebsverbot für „Heizpilze“ erlassen. Das hätte natürlich nur symbolische Wirkung, aber darum geht’s ja: Hinz und Kunz müssen verstehen, dass wir - im Fall eines kalten Winters - auf eine physische Knappheit zusteuern. Für kein Geld der Welt wird es dann noch Erdgas geben, weil es rationiert werden muss, um die wichtigsten Bedarfe zu decken. Dieser Worst Case wäre jetzt noch abzuwenden. Und eine Dämpfung der Nachfrage hätte jetzt auch unmittelbare Wirkung auf das Preisniveau.

Aber momentan wandeln wir wir Schlafwandler auf ein riesiges Problem zu. Auf der einen Seite gehen Energieanbieter in die Pleite, die das Pech haben, ihre Lieferverpflichtungen nicht mehr erfüllen zu können. Auf der anderen Seite heizen Otto-Normal-Verbraucher und Otto-Normal-KMU weiter wie bisher, da ihr Vertrag zufällig noch einen niedrigen Festpreis bis z. B. April 2022 garantiert.

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in der Theorie ist das eine gute Idee - rein praktisch würde sich keine Regierung die Blöße geben zum solidarischen Thermostat-runterregeln aufzurufen. Da kommen dann direkt die Unkenrufe gemäß DDR-Mangelwirtschaft auf.
Es ist ja auch eine Mangelwirtschaft - nur will man das nicht kommunizieren.
Die bisherige Kommunikation war immer die des Bewältigen des Klimawandels bei mindestens aufrechtzuerhaltendem Wohlstand. Auf gar keinen Fall wird jetzt ehrlich herausgegeben, dass dieses Versprechen eine Illusion ist.
Es wird stattdessen lieber in ein paar Monaten in Reaktion auf massiv steigende Preise in den Folgeverträgen auf die Gier der Versorger oder gar Enteignung gedrängt werden (wobei die staatlichen Versorger ähnlich teuer sein werden wie die privaten). Dabei können die lokalen Versorger noch am wenigsten für die Energieermangelung Europas.

Ich bin gespannt wie die Marktpreise sich dann ab nächster Woche entwickeln - wenn drei der noch aktiven 6 deutschen Atommeiler vom Netz gehen. Die 1000€/MWh die gestern kurzzeitig erreicht wurden, werden dann wohl immer wieder ins Visier kommen.
Das wird ungemütlich werden - denn am Ende zahlt es immer der Konsument. Und wenn von seinem Netto immer weniger für Konsum zur Verfügung steht wird auch der Schlafwandler wach (und fordert höhere Löhne - die dann wieder Produkte verteuern - so dass wieder Löhne erhöht werden - …)

Was wir brauchen ist eine Motivation zur Erreichung von Unabhängigkeit. Es gibt dafür technische Lösungen. Damit könnte man (und da erfinde ich das Rad natürlich nicht neu) nicht nur das genannte Primärziel erreichen sondern erhält als Bonus sogar noch eine gesunde nachhaltige Branche.

Wäre die Bevölkerung in diesem Bestreben ähnlich akribisch wie beim jährlichen Vergleichen des Stromanbieters, stünden wir an einer ganz anderen Stelle.

Und da haben wir es schon :slight_smile:

*„There are big producers and sellers of energy that are having fantastic profits. They will need to participate to support the economy, they too need to help families,“

sagte Mario Draghi heute auf einer PK in Rom.

"The increase in energy prices requires urgent action, we can’t wait.

"The EU Commission is working but we need to work at national level as well and support for families and businesses for gas price hikes will be there if necessary, as it seems, beyond what has already been decided.

Also kommt die EU wohl mal wieder zu Hilfe. Zu einem selbst induzierten Problem.

Es gibt keine technischen Lösungen die uns in diesem Winter helfen könnten.

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Das ließe sich recht einfach lösen. Die 1000 Euro als Marktpreis kommen ja daher, dass die letzten paar Kraftwerke, die noch nötig sind, um die aktuelle Nachfrage zu decken, diese Preise aufrufen, bevor es sich für sie lohnt, ihre mutmaßlich ineffizienten Mühlen anzuwerfen und den notwendigen Brennstoffe und CO2-Zertfikate auf dem Spotmarkt einzukaufen.

Der ganze Rest, der Kraftwerksflotte, hat deutlich niedrigere Produktionskosten. Wenn sie nicht über langfristige Lieferverträge ihre Stromproduktion bereits verkauft haben, dann machen sie jetzt aberwitzige Gewinne.

Lösung: Vater Staat kauft die ineffizientesten Kraftwerke auf (oder nimmt sie exklusiv unter Vertrag) und lässt sie laufen, sobald an der Strombörse Preis X (z. B. 200 Euro / MWh) erreicht ist. Der Strompreis wäre damit gedeckelt. Es würden nicht mehr zig Kraftwerke mit niedrigen Produktionskosten den zehnfachen bis zwanzigfachen Profit einfahren. Dafür macht die staatlichen Kraftwerksflotte ein Minus, da sie nun unter Betriebskosten anbietet. Aber das wäre ein Klacks verglichen zu den langfristigen Folgeschäden, die die aktuellen Strompreise verursachen.

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Wenn der Staat die Kaufkraft hätte Kraftwerke aufzukaufen um Strom günstiger anzubieten wäre dies durchaus eine Draghi’sche Lösung. Whatever it Takes.
Selbst das Aufkaufen und Strom verschenken ist eine Lösung die sich in einigen Ministerien Europas ernsthaft überlegt werden sollte.

Die momentanen Energiepreis-Anstiege sind zu einem gewissen Teil leider auch ein Ergebnis der Politik einerseits aus fossilen bzw. nuklearen Energieträgern auszusteigen aber andererseits regenerative Energien nicht ausreichend zu fördern bzw. gesetzlich zu forcieren.
Letzteres muss aber drigend geschehen. Man kann nicht auf Solar- und Windausbau verzichten, nur weil ein paar Eigenheimbesitzer dann jammern, dass die 3 Windräder, die sie am Horizont sehen, den Wert ihres Hauses verringert.
Dafür sollte man drigend mal auf die Straße gehen.

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