Ja, ich wohne seit 2014 aus Studiengründen in Genf. Da auch die Schweiz ein föderales System hat, habe ich nicht 100% den Überblick, wie alle Maßnahmen gesamtschweizerisch aussahen/sehen (und in D kenne ich auch die Situation in Bayern am besten über meine Eltern), aber ich kann etwas berichten:
Die Einschränkungen hier in Genf in der zweiten Welle waren mit Deutschland vergleichbar, teilweise kamen sie etwas früher oder später. Seit Anfang November waren hier alle Restaurants, Cafes, Bars etc (bis auf Takeaway) geschlossen, ab etwa Weihnachten bis diese Woche auch alle Läden (Ausnahme nur für täglichen Bedarf, auch große Läden durften nur noch das verkaufen), der große Unterschied ist wahrscheinlich, dass die Schule durchgehend offen waren. Und wir hatten keine nächtliche Ausgangssperre, aber ich halte das wirklich für eine Maßnahme, die man nicht in den Zahlen sehen kann.
Testen und Impfen läuft ähnlich schlecht. Die Schweiz hat AZ bisher nicht zugelassen, J&J bisher nicht einmal bestellt, die Zahl der Impfungen sinkt seit Mitte Februar leicht, anstatt anzusteigen, derzeit muss man alle Tests selbst bezahlen, wenn man keine Symptome hat (das soll sich aber demnächst ändern), und die kosten 150-260 Franken.
Die Zustimmung zu den Maßnahmen nimmt hier rapide ab. Ein Referendum von der SVP und den Jungfreisinnigen (Schweizer Julis) für ein sofortiges Lockdownende hat über 300000 Unterschriften bekommen (entspräche über 3 Millionen in Deutschland, wenn man den unterschiedlichen Ausländeranteil mit einbezieht, eher über 4 Millionen). Das liegt in meiner Wahrnehmung an verschiedenen Gründen:
- Das Bundesamt für Gesundheit und die Bundesregierung musste mehrfach einräumen, nicht die ganze Wahrheit über Maßnahmen berichtet zu haben. Es kam im November raus, dass die Einreisequarantäne nach den Zahlen, die der Regierung vorlagen, nichts bringt. Das wussten die Regierung aber schon Monate vorher, trotzdem wurde die EQ nicht geändert/verbessert/aufgehoben. Ähnliches passierte vorher schon bei den Masken, und jetzt wieder (seit Ende Februar wird hier offiziell von FFP2-Masken abgeraten …). Auch wird seit Wochen immer an den Tagen, an denen Pressekonferenzen des BAG/der Regierung stattfinden, ein höherer R-Wert gemeldet, der danach stillschweigend nach unten korrigiert wird.
- Es gibt noch weniger Hilfe für geschlossene Betriebe oder Gruppen wie Künstler mit de facto Berufsverbot als in Deutschland. Die Schweiz ist wahrscheinlich das libertärste (nicht liberal!) Land in Europa, und entsprechend dieser Kultur wird z.B. diskutiert, ob es überhaupt fair ist, betroffenen Unternehmen auch nur zinsvergünstigte Kredite zu geben. Ein Bekannter von mir hat im Dezember 2019 ein Restaurant eröffnet/übernommen, hat von den bisher 15 Monaten 9 nicht öffnen dürfen (und Takeaway bietet sich bei gehobener Küche mit Weinbar nur begrenzt an), und hat bisher keine Hilfen bekommen und bekommt wahrscheinlich auch keine. Dadurch sind nur noch sehr wenige Unternehmer in den betroffenen Branchen bereit, irgendwelche Maßnahmen mitzutragen.
- Durch die fehlende Koordination zwischen Bund und Kantonen kommt es immer wieder zu blöden Situationen. Beispiel aus dem Dezember: Nachdem die Zahlen konstant zurück gingen in Genf (aber nicht in der Gesamtschweiz), hatte die Kantonsregierung beschlossen, den Restaurants unter Bedingungen (u.a. Voranmeldung aller Gäste, Kapazitätsgrenzen, Luftfilter etc.) an Weihnachten und Silvester Menus anzubieten. Entsprechend wurde mit den Planungen und Einkauf begonnen, nur um dann in der Weihnachtswoche mit einem Beschluss der Bundesregierung konfrontiert zu werden, nun in der Schweiz alle Restaurants zu schließen (Genf hatte die nur für den Kanton im November geschlossen, in der restlichen Schweiz kam das erst im Dezember). Alle eingekauften Lebensmittel konnten die entsorgen oder verschenken, die Anzahlungen mussten zurückbezahlt werden etc.
- Manche Branchen bekommen Ausnahmen, die insgesamt die Glaubwürdigkeit der Maßnahmen untergraben. So haben alle Skigebiete auf, auch die Hotels und die Hotelrestaurants dort. Wieso die ungefährlicher sind, als der Außenverzehr in anderen Restaurants erschließt sich nicht wirklich.
- Auch die anderen Maßnahmen erscheinen oft willkürlich. Bei der Einstufung, was als täglicher Bedarf gilt, wurden Zahnbürsten als nötig, elektrische Zahnbürsten als nicht nötig eingestuft, Schnuller darf man nicht kaufen, Unterwäsche ja, aber nur einfache Qualität, Socken nur für Kleinkinder, Rasier für Beine nur für Frauen, Handschuhe und Winterjacken nicht, Badehosen doch, Laminiergeräte ja, Druckerpatronen nicht … es blickt keiner mehr durch und teilweise ist es einfach lächerlich.
- Es glauben immer weniger Menschen daran, dass die Impfungen hier in absehbarer Zeit an Fahrt aufnehmen. Wie oben geschrieben, hakt es da auch in der Schweiz gewaltig, und während um Weihnachten noch ein erheblicher Teil der Bevölkerung dachte, es würde sich um einige Monate handeln, bis durch die Impfung andere Maßnahmen überflüssig würden, sieht das mittlerweile anders aus. Wenn die Perspektive ausreichende Impfung vielleicht in 10-12 Monaten ist (und dazu müsste die Schweiz das derzeitige Tempo auch noch mehr als verdoppeln), sehen viele mittlerweile keine Alternative als irgendwie mit dem Virus zu leben.
- Auch wenn die Infektionszahlen nicht deutlich anders aussehen (auf die Bevölkerungsgröße skaliert) als in Deutschland, sterben seit Anfang Februar kaum noch Menschen daran in der Schweiz. Seit Mitte Februar immer weniger als einer je Million Einwohner je Tag, mit sinkender Tendenz. Die Schweiz ist sogar in eine Untersterblichkeit gerutscht (was generell nichts schlechtes ist). Dadurch hinterfragen immer mehr die Notwendigkeit der Maßnahmen.
Speziell in Genf kommt noch die Grenzlage dazu. Das Leben findet hier für fast alle beiderseits der (immerhin EU-Außen-)Grenze statt, man kann sogar mit der Straßenbahn über die Grenze fahren. Daran hat man sich seit Jahrzehnten gewöhnt. Grenzschließungen, selbst mit Ausnahmen für Grenzpendler (durch die Staus an den Kontrollen werden auch die aufgehalten), führen einfach zu absolutem Chaos. Ich habe bisher eine komplette Grenzschließung erlebt (für 4 Tage nach den Terroranschlägen in Paris), dann funktioniert nichts mehr. Kein ÖPNV, in Läden gibt es weder Waren noch Verkäufer, keine Ärzte im Krankenhaus, kein Schulbetrieb mehr möglich, und man kommt nirgendwo mehr hin (außer mit dem Fahrrad) durch die Rückstaus von den Grenzübergängen.
Deswegen sind viele Genfer skeptisch, wenn die Bundesregierung Maßnahmen für die Grenzen beschließt. Und ich persönlich sehr skeptisch, was No/Zero-Covid angeht, man müsste die Regionengrenzen wohl ländergrenzüberschreitend ziehen (wahrscheinlich auch in Basel, Salzburg, Trier, und vielen anderen Grenzregionen), und ich könnte meine Eltern in Deutschland wohl auf viele Monate nicht sehen.
Ich hoffe, ich konnte deine Fragen halbwegs beantworten, und es ist nicht zu wirr. Bin etwas durch den Wind, gestern ist ein Rennradfahrer aus meinem Bekanntenkreis von einem Autofahrer getötet worden (das ist jetzt der vierte Fall in meinem Bekannten- und Freundeskreis in den letzten 12 Monaten).