Muss ich Bundestrainer sein, um zu ahnen, dass es keine gute Idee ist, den Torwart und Stürmer auszutauschen? Muss ich Edidemiologe/Virologe/… sein, um zu wissen was die strengeren Maßnahmen im Januar ab einer Inzidenz von 200 auf dem Weg Richtung 50 bringen? Muss man wirklich Experte sein, um zu ahnen, was passiert wenn man zu Begin der dritten Welle lockert? Ich meine nicht. Dazu gibt es außerdem eine ganze Menge Expertenmeinungen, die seit Begin der zweiten Welle sehr genau vorhersagen, was passieren wird. Und diese wurden und werden ignoriert. Details dazu hat @Nick_Linden über mir gepostet, Danke dafür.

Naja, das Problem ist doch, dass man ähnlich relativierendes über jeden Lebensbereich sagen kann und sagt - und wir im Effekt halt halbgare Beschlüsse haben, die zu wenig Wirkung entfalten. Alle haben ja „funktionierende Hygienekonzepte“ und niemand weiß, wo die Infektionen herkommen, auf jeden Fall aber woanders.

Im katholischen Irland hat man übrigens in der Vergangenheit Gottesdienste verboten und in Vilnius auch jetzt gerade über Ostern.

Zur christlichen Prioritätensetzung von Herrn Seehofer haben Sie sich aber nicht geäußert, oder?

Ich stimme Dir auch in vielen Punkten zu. Mein Ausgangspunkt war ja auch nicht, dass ich inhaltlich eine ganz andere Meinung als Ulf und Philip hätte und sie deswegen kritisierte. Mir geht es um den Stil.

Ja, Frustration ist verständlich. Und doch: Was bringt’s, wenn Ulf und Philip noch in Folge 300 sagen: „Ach hättet Ihr doch damals auf uns gehört und NoCovid durchgezogen, dann ginge es uns besser.“ (Machen die Zwei natürlich nicht, schon klar.)

Deswegen nochmal mein Punkt: Überall ist eine immer stärkere Lagerbildung, ja gar Radikalisierung zu beobachten. Ich sehe das in meinem privaten Umfeld, im Lehrerzimmer (ja, bin Lehrer, sorry), in Medien. Es ist ja nicht so, dass eine eindeutige Mehrheit der Bevölkerung NoCovid favorisieren würde, zumindest sehe ich das nicht. Es gibt Proteste aus ganz unterschiedlichen Richtungen, das war heute bei Merkels Osterruhetagerückzug sehr deutlich zu beobachten. Und diese Polarisierung empfinde ich als noch größere Gefahr als Covid (ohne Covid kleinreden zu wollen).

Und ich glaube, dagegen hilft nur Differenzierung, Empathie und eine extrem große Frustrationstoleranz…

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Sehr guter Artikel - glücklicherweise kann ich meinen Groll komplett auf die Union konzentrieren, die mit ihrer Politik in den letzten fast schon Jahrzehnten die Weichen für dieses grandiose Versagen gestellt hat

Das stimmt nach meinem Kenntnisstand so nicht. Zu Beginn der dritten Welle (also vermutlich irgendwann im Januar) waren wir gerade mitten im Lockdown. Denn die neue Variante hat sich da schon exponentiell ausgebreitet - auf dieser Basis wurde ja auch der weitere Anstieg der Infektionen vorhergesagt.

Siehe z.B. Corona-Mutante B.1.1.7: Eine unsichtbare Welle baut sich auf - Wissen - SZ.de von Anfang Februar - dort gibt es weiter unten eine schöne Grafik, die zeigt, dass damals schon für die zweite März-Woche ein erneuter Anstieg der Inzidenz vorhergesagt wurde (ganz ohne Änderungen am Lockdown), ziemlich genau so wie es dann ja auch eingetreten ist.

Der jetzige Anstieg wäre also auch gekommen, wenn wir den Lockdown noch verlängert hätten (vieleicht etwas schwächer - dass ist aber schwer zu quantifizieren). Wie gesagt, das R der neuen Variante war bereits mit Lockdown größer als eins, die Inzidenz 35 hätten viele Regionen so nie erreicht. Dafür bräuchte man offensichtlich einen deutlich härteren Lockdown - und wenn man z.B. wie bei NoCovid sogar wieder unter 10 kommen will, müsste man den auch viele Wochen durchhalten. Danach dürfte man lockern - auf ein Niveau das immernoch härter als der Januar-Lockdown sein müsste (man will ja R <= 1 halten). Trotzdem wäre ich auch ein Befürworter eines mehrwöchigen harten Lockdowns (je länger wir warten, desto weniger Sinn mach das allerdings).

Unabhängig davon, wie kommt man zu der Annahme, dass die Infektionszahlen das Einzige sind, was Politiker bei ihren Entscheidungen berücksichtigen müssen? Ich bin mir sicher, das Frau Merkel, die Zahlen sehr gut kennt und um die Zusammenhänge weiß. Gleiches gilt vermutlich auch für diverse MPs (da kenne ich mich aber nicht so gut aus). Aber das ist nunmal nicht das Einzige, was sie im Blick behalten müssen (ganz zu schweigen davon, das alle Maßnahmen dann auch noch vor Gericht Bestand haben müssten).

Zu den Experten - warum sollten nur ausgerechnet die Experten gehört werden, die gerade zur eigenen Position passen? Prof. Kekule hat z.B. NoCovid und ZeroCovid eine klare Absage erteilt, weil er das für absolut unrealisitsch hält. (Das Öffnen der Schulen ohne funktionierende Teststrategie atürlich auch)

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Ich bin ja nicht der Sprecher von Herrn Seehofer… :wink: mit dessen Politik gegenüber der privaten Seenotrettung bin ich persönlich auch nicht einverstanden. Für mich hat das eine mit dem anderen (Gottesdienste) aber auch nichts zu tun.

Das sind natürlich auch zwei verschiedene Dinge. Aber wenn man sich so auf seinen christlichen Markenkern bezieht (erkennbar um Wählerstimmen bemüht), ihn dann aber auf die Gottesdienste reduziert und auf die grundlegendste Ethik pfeift, finde ich das schon ekelhaft.

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Hallo Uwe
vielen Dank für diesen Beitrag. Ich möchte mich dem gerne anschließen. Das spiegelt auch meine Empfindungen wieder.
Viele Grüße

Hallo Natter,
Danke für Deinen Beitrag. Zustimmung meinerseits!
Viele grüße

M.E. ist die hier zugrunde liegende und auch im öffentlichen Diskurs verbreitete Annahme, dass es zwischen den genannten Parametern eine negative wechselseitige Abhängigkeit gibt (ENTWEDER viele Tote ODER viele Einschränkungen für Kinder/die Wirtschaft), logisch nicht richtig und führt zu Debatten, die nicht zielführend sind. Bei verfrühten Lockerungen von Maßnahmen (vermeintlich im Interesse von Kindern und Wirtschaft) haben wir massiv steigende Infektionszahlen und mehr Tote zu beklagen, und das wird über kurz oder lang auch wieder (und wieder und wieder) schäfere Maßnahmen nachsichziehen - mit ihren Auswirkungen auf Kinder und Wirtschaft. Es liegt also im Grunde eine positive (also gleichgerichtete) wechselseitige Abhängigkeit vor: Unter dem Strich werden durch einen (oder mehrere) drastische, aber dadurch nur über kürzere Zeiträume nötige Lockedowns alle Parameter gleichermaßen positiv beeinflusst. Der Fokus auf einzelne Parameter (Kindeswohl, Wirtschaft) bzw. das Abwägen von Parametern ist in meinen Augen zu kurz gegriffen: Es führt zu einer Suche nach Kompromissen - bei denen unter dem Strich, wegen halbherziger Maßnahmen, für alle Parameter das schlechteste rausspringt. Und genauso erlebe ich die MPK-Runden und ihre Ergebnisse.

Für mich ist die Darstellung in der Lage daher alles andere als undifferenziert, sondern sie bringt wohltuend auf den Punkt, wo das „Verhandeln“ (oder Geschacher) einfach nicht zielführend ist. Krisenmanagment bedeutet, das Große und Ganze im Blick zu haben und eine klare Linie zu fahren, um auf lange Sicht für die gesamte Bevölkerung möglichst viel herauszuholen. Zumal das größte Problem ja nicht allein das Verhandeln vermeintlich unterschiedlicher Interessen ist, sondern schlichtweg die Ignoranz eindeutiger empirischer Befunde.

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