E-Patientenakte gescheitert? Wusstet Ihr, dass Ihr selber aktiv werden müsstet?

Hallo zusammen!

Gerade habe ich diese Nachricht gelesen:
Digitalisierung - Kassenärzte-Chef: E-Patientenakte und E-Rezept sind gescheitert – Neustart gefordert

Da steht u. a., dass die Versicherten die E-Patientenakte selber freischalten müssen. Das klingt vernünftig. Aber mich hat meine gesetzliche Krankenkasse, soweit ich mich erinnere, nicht aktiv darauf hingewiesen. Ich hätte das schon gemacht.

Erst kürzlich hat mir jemand erzählt, dass in einer Praxis ein Blutbild gemacht wurde. Ein paar Tage später, fragte man sie in der Klinik, ob sie das dabei hätte. Hatte sie nicht. Also wurde nicht in der Praxis angerufen, sondern ein neues Blutbild gemacht. Solche Mehrkosten könnte man über die Patientenakte doch vermeiden, oder?

Also konkrete Frage: wusstet Ihr, dass Ihr das aktiv hättet aktivieren müssen?
Scheitert das ganze daran, dass die Versicherten nicht informiert wurden?

Viele Grüße
Anna

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Das Thema wollte ich auch gerade vorschlagen.
Gassen fordert ja einen kompletter Neustart .

Ist das Projekt tatsächlich so schlecht, dass Nachbesserungen nicht reichen?
Wo liegen die Probleme?

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Als Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie bin ich zwar angestellt, leite jedoch den Praxisstandort einer MVZ-Kette mit (ausschließlich) sozialpsychiatrischer Versorgung. Zudem würde ich mich als hinreichend Technik-affin bezeichnen, der regelmäßig zu den Verwandten gerufen wird, weil das Internet mal wieder nicht geht.
Beim Aufbau der Praxis war das Thema Telematix-Infrakstruktur (TI) ein zeitfressender und komplizierter Bestandteil der Planung, in die der Netzbetreiber, der TI-Hersteller, der Praxis-Software-Betreiber und natürlich das Praxisteam koordiniert werden mussten. Alle waren so gut aufeinander eingespielt, dass die Einrichtung zwar mühsam, jedoch auch beim ersten Versuch erfolgreich war, was nicht zuletzt auf die gute Vorbereitung aller Beteiligter zurückzuführen war.
Die TI ist Voraussetzung, dass eGK (elektronische Gesundheitskarte), eRezept, eArztbrief und auch die ePatientenakte sowie viele weitere mehr, genutzt werden können. Um die TI wiederum nutzen zu können, müssen sich (fast) alle Ärzte (teils auch die in Kliniken) einen neuen elektronischen Heilberufeausweis (eHBA) bestellen, der die o.g. Funktionen unterstützt. Teils ist die Nutzung der „e“-Variante bereits verpflichtend und somit auch der Besitz des neuen eHBA. Der Bestellprozess allein ist selbst mit Fachholschulreife kaum fehlerfrei zu meistern. Der neue Ausweis kostet natürlich auch Geld - sogar eine jährliche Gebühr von ca. 100,- € je nach Anbieter (ja, richtig gehört, der Prozess ist nicht für alle gleich und auch nicht zentralisiert sondern wird durch die freie Wirtschaft umgesetzt). Der alte HBA war zumindest in Thüringen kostenlos. Für die Aktivierung des eHBA waren zwei Benutzernamen, entsprechend auch zwei Passwörter sowie eine PIN nötig. Und natürlich eine Sicherheitsfrage, für den Fall, man vergisst mal eine der o.g.
Wenn man diese Hürden alle gemeistert hat und sich freut, den ersten eArztbrief zu verschicken, stellt man mit Ernüchterung fest: Außer mir hat sich wohl keiner die Mühe gemacht. Und dabei wird doch der Versand eines eArztbriefes mit sage und schreibe 28 Cent (!) für den Sender und 27 Cent für den Empfänger vergütet. Natürlich hat das E-Health-Gesetz auch die Grundlage zur (teilweisen) Erstattung der Kosten für die TI geschaffen. Eine klare Info über die Gesamtkosten kann meine Landesärztekammer in Thüringen mir jedoch nicht geben. Ich bezweifle stark, dass die Kosten für Einrichtung, Erhalt und Software-Services gedeckt sind.
Für den Einsatz des eHBA im täglichen Leben in der Praxis muss ich den Ausweis für jede Durchführung eines e-Services im Terminal gesteckt haben. (Ich brauche natürlich auch ein neues Terminal, in dem ich mehr als eine Karte gleichzeitig stecken kann.) Ich bin damit an meinen Schreibtisch gefesselt, kann nicht zwischen Behandlungsräumen wechseln. Zum Glück bietet unser Praxis-Software-Entwickler dafür eine Lösung, die jedoch bisher nicht funktioniert hat. Streng genommen darf ich meinen eHBA jedoch gar nicht alleine lassen, muss ihn also immer mit mir herumführen. Ich habe Mitleid mit den Klinikärzten, die noch deutlich mehr unterwegs sind, als ich in einer kleinen Praxis.

Es ist mir leider nicht möglich, all das ohne Ironie zu schreiben. Das alles zusammengenommen - so erkläre ich es mir - führte dazu, dass die Motivation zur Einführung unter Ärzten eher mau ausfiel. Und dabei ist noch gar nichts zur Patientenseite gesagt worden. Denn auch diese müssen sich aktiv um eine entsprechende Karte, eine Aktivierung und eine PIN bemühen. Bei der ersten Aktivierung sollte der Hausarzt behilflich sein, der natürlich nichts anderes zu tun hat. Stellen Sie sich bitte Oma Erna vor, die sich ihre Sparkassenkarten-PIN auf die Sparkassenkarte geschrieben hat, weil sie sie sonst vergisst. Oma Erna soll sich nun auch noch eine PIN für ihre eGK merken und diese auf einem Nummernfeld eingeben, welches die Zahlen nach jedem Berühren neu mischt. Ja, ich weiß, das Mischen der Zahlen auf dem Nummernfeld kann man ausstellen. Auf die Idee, in den Einstellungen zu suchen, müssen Sie aber auch erstmal kommen. Na ich weiß nicht.

Ein wenig Hoffnung habe ich in die Jugend, die vielleicht gar nicht merkt, dass es sich bei der eGK gar nicht im eine neue iHealthCard handelt oder dass die neuen eRezepte keine iScins für ihre iGadgets sind. Vielleicht war aber auch das der Publicity-Trick hinter der Namensgebung.

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Dazu gibt es eine hervorragende aktuelle Logbuch Netzpolitik Podcast Folge, in der auf das gesamte „Digitalisierung in der medizinischen Versorgung“ eingegangen wird: LNP443 Auf YOLO konfigurieren – LNP Spezial zum 400.000.000€-Hack | Logbuch:Netzpolitik

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Immer wenn ich meine Ärzte zu diesen Themen (Akte , Arbeitsunfähigkeitsbescheiniung, Rezepte) befrage weil es mir und ihnen Zeit und Aufwand sparen würde, heisst es „is noch nich fertig“.
Insofern kann ich gar nicht aktiver werden weil nix da ist.

Na klar kannst du was beisteuern. Hast du schon eine PIN für deine neue GKV Karte mit NFC Funktion? Ich hatte mir die eRezept App installiert, die fragte nach der PIN. Der Anruf bei der Krankenkasse ergab dann, dass ich dafür persönlich dort vorbeikommen müsste um sie zu beantragen. Dort wusste keiner Bescheid, man gab mir die Unterlagen für die ePA (die es dann freundlich wieder zurück gab) und tatsächlich nach zwei Wochen und drei weiteren Telefonaten habe einen Briefumschlag mit der PIN bekommen.
Turns out: mein Smartphone ist zu alt. (mea culpa, hätte ich ja früher mal googeln können, aber da die App mich bis dahin nicht gewarnt hat, ging ich davon aus, dass es doch gehen würde).

In der Software des Arztes dauert das Ausdrucken/Erstellen eines eRezeptes übrigens gut 30-60sek, je nach Tagesform, vs. 5sek für den reinen Druck.
Und klappt häufig nicht.
Und hab ich schon erwähnt, dass der Arzt das ganze auf Papier auf eigenen Kosten drucken soll, wohingegen das alte rosa Rezept Papier gestellt wird?
Noch Fragen?
Gruß Jakob

Da meine Karte nach 10 Jahren eh demnächst ausgetauscht wird wie mir die Kasse letzte Woche freundlich mitgeteilt hat, denke ich ist der Teil der einfachste.
Der Haken ist in der Tat dass mein Smartphone kein NFC hat und damit der ganze Luxus leider eingeschränkt ist. Warum auch immer man diese verflixte Verbindung vorraussetzt.

Aber die Verbindung von Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zwischen Arzt, Kasse und Arbeitgeber sowie der Austausch von Untersuchungsergebnissen zwischen Ärzten sollte auch ohne neues Telefon gehen.

Wer hätte vor Jahren gedacht dass NFC mal mehr als nur Kontaktloses Bezahlen für Hippster darstellt :wink:

Nene, bloß weil du eine nfc Karte bekommst hast du noch keine Pin :slight_smile:

Aber wenn ich sie aufgrund der Architektur nicht nutzen kann, brauch ich mir auch keine holen :wink:
Ich frag mich halt wie viel hier ein Design-Problem ist und wieviel Trägheit der Nutzer.
Man muss wohl seitens Staat, Krankenkassen und Ärzten bei digitalen Dienstleistungen grundsätzlich in Vorleistung gehen und die Leute beim nächsten Besuch (ob Praxis oder Kommnikation mit Kasse, Apotheke oder einer Behörde), darauf hinweisen „hey, du könntest dir das nächstes Mal einfacher machen und zwar so“.

Kann ja nur von mir reden, ich wollte sehr gerne, war bereit das Papier selber zu bezahlen, alle Abläufe umzustellen, 100 Gespräche zur Erklärung führen, wohl wissend, dass kaum jemand es wirklich digital nutzt, dass Hilfsmittel und alle Privatpatienten weiterhin wie bisher laufen, aber die Wartezeit pro Rezept und die Instabilität des KIM/Konnektor Systems war zu viel :man_shrugging:t3:

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