Die nächste Taiwan-Krise steht in den Startlöchern

Es ist schlichtweg falsch, dass die UNO-Resolution 2758 sich zwingend auch auf Taiwan erstreckt, das ist gerade strittig und kann mit guten Gründen abgelehnt werden. Die Alleinvertretung! auch Festlandchinas ging damals von Taiwan auf die VR China über, das damit die VR China auch die Alleinvertretung für Taiwan bekommt wurde explizit nicht entschieden.

Die territoriale Integrität der VR China hat Taiwan nie umfasst, es gab deshalb auch keine irgendwie rechtlich zu bewertenden Sezessionsbewegungen.

Taiwan (oder damals Formosa) hatte am Ende des 2. WK aufgrund der vormaligen Zugehörigkeit zum japanischen Imperium eine solide Volkswirtschaft, war wirtschaftlich viel weiter entwickelt als das chinesische Festland und als Staat aus sich heraus lebensfähig.

Das Völkerrecht regelt die Verhältnisse zwischen Staaten, das bedeutet aber nicht, dass nicht auch Völker Völkerrechtssubjekte sein können. Das ist zwar umstritten, würde ich aber befürworten.
Im Übrigen gilt die normative Kraft des Faktischen: Taiwan ist faktisch seit 70 Jahren ein eigenständiger Staat, der natürlich nicht ganz China vertritt (so die UN-Resolution) aber eben doch die Insel Taiwan umfasst. Ein militärischer Angriff wäre daher auf jeden Fall völkerrechtswidrig. Wenn sich die VR und Taiwan irgendwann friedlich zusammenschließen ist das in Ordnung. In der Zwischenzeit ist es völkerrechtlich nicht zu beanstanden zu beiden Staaten diplomatische Beziehungen zu haben.

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Danke Daniel_K,
Du hast die Problematik des Völkerrechts gut dargestellt.
Aber ist es nicht auch relevant, wie lange der nach Völkerrecht ggf. problematische Status Quo besteht?
Außer ein paar ewig gestrigen werden wohl kaum Völkerrechtler die ehemals sicher fragwürdigen Aktionen, wie Annexion Hawaiis, Texas’, New Mexicos, Teilen Polens und auch Teilen Deutschlands wieder rückgängig machen wollen. Wobei Tibet wohl auch noch auf der Agenda stehen könnte, das aus meiner Laiensicht auch völkerrechtswidrig besetzt ist, aber wie viele Unruhen zeigen, faktisch noch nicht vollkommen in die Volksrepublik integriert ist.
Immerhin wurde die Republik China (Taiwan) am 1.1.1912 gegründet, als es noch keine Volksrepublik China gab. Dementsprechend ist es wohl auch problematisch, es selbstverständlich als Teil der Volksrepublik anzusehen.
Der Vergleich hinkt wohl gewaltig, aber ein wenig ist das wie die Argumentation, dass die Ukraine Teil Russlands sein müsse. Aber lassen wir das so stehen, das wäre eine komplett andere Diskussion.

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Die Resolution hat ganz klar und faktisch nicht nur entschieden, dass Taiwan nicht China vertreten darf, sondern dass Taiwan gar keine Vertretung innerhalb der UN bekommt. Darin liegt ganz klar auch die Entscheidung, dass China das Alleinvertretungsrecht über Taiwan hat.

Das einzige, was hier umstritten ist, ist, dass der faktische Ausschluss Taiwans eigentlich nach der UN-Satzung nur bei „groben Verstößen gegen die UN-Satzung“ möglich sein soll, dies aber eigentlich nicht vorliegt. Dieser Formfehler macht den Rechtsakt aber eben nicht ungültig. Faktisch hat Taiwan unbestreitbar keine UN-Mitgliedschaft, eben weil China im Rahmen der Ein-China-Politik das Recht zur Vertretung Taiwans eingeräumt wurde.

Das ist eine absolute Außenseitermeinung, die Insel Taiwan ist mindestens seit 1682 Bestandteil von Festlandchina, davor und danach lediglich zeitweise durch Kolonialismus (u.a. Niederlande, Portugal, Japan) unterbrochen. Es gab nie einen eigenständigen Staat auf dieser Insel, wohl aber jahrhundertelange, nachgewiesene chinesische Besiedlung, sodass alleine aus diesem Grund schon davon ausgegangen werden muss, dass Taiwan historisch Teil Chinas ist.

Die Kuomintang konnten sich nach dem verlorenen Bürgerkrieg nur deshalb auf diese Insel zurückziehen, weil sie eben Teil Chinas war (und sie daher bei keiner fremden Regierung um Asyl bitten mussten). Die Insel Taiwan ist daher nach herrschender Ansicht Teil der chinesischen territorialen Integrität.

Die Versuche von taiwanesischen und westlichen Juristen, dies anders darzustellen und eine Mindermeinung zu begründen, nach der Taiwan schon gar kein Teil der chinesischen territorialen Integrität sei, ist klar politisch begründet und absolut nachvollziehbar. Aber wie gesagt historisch-juristisch kaum haltbar.

Die Oblaste Donezk und Luhansk waren auch - durch die sowjetische Wirtschaftspolitik, große Industriezentren an den Grenzen zu Russland zu bauen - Teil des industriellen Zentrums der Ukraine und in dieser Hinsicht viel besser entwickelt als der Rest der Ukraine. Der Westen der Ukraine ist vor allem durch Landwirtschaft geprägt, der Osten durch Industrie.

Aber im Hinblick auf die Ukraine wird das - absolut zu Recht - nicht als Argument akzeptiert, warum die „Unabhängigkeit“ dieser Regionen legitim sei. Bei Taiwan hingegen wird diese Argumentationslinie für legitim erachtet, weil es sich mit unserem moralischen Empfinden deckt. Und das ist mein Problem mit dieser Sache.

Wie gesagt, wenn wir über Völkerrecht reden, gilt das gleiche, was für jedes Rechtsgebiet gilt: Es darf nicht mit zweierlei Maßstäben gemessen werden. Vergleichbare Situationen dürfen nicht deshalb unterschiedlich behandelt werden, weil uns die Protagonisten in den unterschiedlichen Rollen besser gefallen (dh. die Unabhängigkeitsbewegung im Rahmen des chinesischen Bürgerkriegs ist uns sympathisch, die Unabhängigkeitsbewegung im Nachlauf des pro-europäischen Euromaidan ist uns unsympathisch).

Die Frage, inwieweit militärische Gewalt im Falle von Sezessionsbewegungen angewendet werden darf ist wie gesagt ziemlich umstritten. Freunde machen würde sich China jedenfalls nicht.

Dass ein Zusammenschluss von Staaten nicht zu beanstanden ist, ist ebenfalls klar und gilt universell.

Der letzte Teil stimmt so allerdings nicht. Da Taiwan wie gesagt keine UN-Mitgliedschaft hat und der völkerrechtliche Vertretungsanspruch damit bei China liegt (ob wir das nun mögen oder nicht - faktisch ist es nun einmal so!) wäre die offizielle Aufnahme diplomatischer Beziehungen in der Tat völkerrechtswidrig, weil es eine Unterstützung einer Sezessionsbewegung wäre. Das ist exakt das, was wir kritisieren, wenn Russland diplomatische Beziehungen zu den selbsternannten Volksrepubliken aufnimmt und diese offiziell als Staaten anerkennt.

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Wie gesagt, die Gefahr, die besteht, wenn wir Völkerrechtsverstöße durch Zeitablauf heilen lassen, ist, dass dann letztlich doch wieder Territorialgewinne durch Kriege oder Unabhängigkeiten in Folge von Sezessionsbewegungen möglich werden. Man muss halt nur lange genug durchhalten.

Das will wie gesagt weder der Westen noch der Osten, da die Gefahr von Unabhängigkeitsbewegungen überall gesehen wird (Katalonien, Bayern, Südtirol, Kalifornien, Texas…).

Ich persönlich bin grundsätzlich für ein stärkeres Selbstbestimmungsrecht der Völker, daher: Wenn sich ein Landesteil unabhängig machen will, sollte das generell möglich sein. Aber halt unter klaren Voraussetzungen, die auch die Interessen des Landes berücksichtigen, das einen Landesteil verliert. Es ist wenig überraschend, dass fast überall die wirtschaftlich starken Regionen sich unabhängig machen wollen, die lange Zeit davon profitiert haben, Teil des Mutterstaates zu sein. Nach dem Motto: Der Staat zentralisiert seine Industrie in einer Provinz und diese Provinz sagt irgendwann: „Also für euch arme Schlucker vom Land wollen wir nicht mehr solidarisch aufkommen! Unabhängig stünden wir viel besser dar!“. Daher müsste es für Sezessionsbewegungen ganz klare rechtliche Vorgaben im Hinblick auf einen Lastenausgleich geben. Aber wenn man sich die Scheidung UK/Europa anschaut sieht man, dass das faktisch nahezu unmöglich ist, vor allem, wenn es noch böses Blut zwischen den Parteien gibt.

Daher bleibt es wohl beim aktuellen Status Quo, weil die Alternativen die Welt in der Regel ein ganzes Stück unsicherer machen würden. Finde ich auch schade.

Wie gesagt, man hat im Prinzip nach dem zweiten Weltkrieg gesagt: „Wir machen jetzt hier reinen Tisch, der aktuelle Status Quo der Territorien soll so erhalten bleiben!“. Alles, was davon war, wird bewusst ignoriert.

Der Grund ist simpel und logisch: Es würde zahlreiche alte Wunden aufreißen und möglicherweise gar zu Kriegen führen, wenn wir diese alten Fässer wieder aufmachen würden. Der Sinn der Festschreibung der territorialen Ordnung nach dem zweiten Weltkrieg war aber gerade, diese Streitigkeiten zu verhindern (und wie gesagt zu verhindern, dass Krieg jemals wieder ein akzeptiertes Mittel der territorialen Erweiterung ist, wozu auch gehört, Unabhängigkeitsbewegungen nicht zuzulassen, weil sonst internationale Konflikte zu „ausländisch unterstützten Bürgerkriegen mit anschließender Eingliederung“ werden würden, wie im Donbass aktuell zu sehen ist).

Diese Vorkriegs-Beispiele sind daher in der Diskussion tatsächlich nicht hilfreich, weil die Einigung zur Wahrung der territorialen Integrität erst mit der UN-Charta von 1945 festgeschrieben wurde und erst ab dann völkerrechtlich gilt.

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Nach dem Völkerrecht treten neu gegründete Staaten grundsätzlich in die Rechte und Pflichten der zuvor bestehenden staatlichen Strukturen ein. Daher zahlt Deutschland auch bis heute noch Millionen an die katholische Kirche für Dinge, die im Zuge des deutschen Kulturkampfes im Deutschen Reich stattgefunden haben. Und deshalb entschädigt Deutschland auch noch die Opfer der NS-Diktatur, obwohl die 1949 gegründete Bundesrepublik natürlich nicht das Dritte Reich ist.

Gleiches gilt auch für China. Die Volksrepublik China als moderner Staat ist zwar erst 1949 durch Mao erfolgt, aber sie ist der Rechtsnachfolger der vorherigen chinesischen Dynastien, ebenso wie die Bundesrepublik Deutschland der (indirekte) Rechtsnachfolger der zahlreichen deutschen Fürstentümer ist.

Nebenbei: Zwar wurde die Republik China (die heute gleichbedeutend mit „Taiwan“ ist) tatsächlich 1912 ausgerufen, aber sie wurde auf dem chinesischen Festland in Nanking im Rahmen einer Revolution ausgerufen und umfasste ganz China nach Ende der letzten Dynastie. Dann kam irgendwann der Bürgerkrieg, den die „Republik China“ verloren und hat und 945 nach Taiwan geflohen ist. Damit war die „Republik China“ nach dem verlorenen Bürgerkrieg eben eine ehemalige Herrschaftspartei, die den Bürgerkrieg verloren hat, aber dennoch auf ihr Alleinvertretungsrecht ganz Chinas beharrte.

Die Gewinnerseite des Bürgerkrieges hat natürlich ebenso ganz China für sich beansprucht und ebenfalls gesagt, dass sie die Rechtsnachfolge der „Republik China“ sei. Kurzum: Wir haben einen Bürgerkrieg und beide Seiten, die 2 Mio Kuomintang auf Taiwan und die 50 Mio vom Festland, haben sich zum legitimen Nachfolger des ganzen Landes erklärt.

Natürlich kann man nun argumentieren, dass es vor diesem Hintergrund ein Fehler der UN war, erst Taiwan das Alleinvertretungsrecht Chinas einzuräumen und dann, in Anerkennung der Realität, dass Taiwan das Alleinvertretungsrecht Chinas faktisch gar nicht wahrnehmen kann, auf China gewechselt ist. Natürlich wäre es sinnvoller gewesen, schon 1945 zu sagen: „Wir akzeptieren beide Chinas mit ihrem jeweiligen faktisch beherrschten Territorien“.

Das Problem dabei ist:
Beide Chinas waren dagegen, denn beide Chinas hatten wie gesagt den Anspruch, ganz China zu vertreten. Und die UN kann hier kaum sagen: „Ihr wollt es zwar beide nicht, aber wir akzeptieren jetzt beide von euch nur mit einem Teil dessen, was ihr vertreten wollt!“. Das funktioniert halt nicht.

Und das ist die Krux an der Sache:
Sowohl die Republik China (=Taiwan) als auch die Volksrepublik waren sich in dem Punkt einig, dass es nur „Ein China“ geben soll. Es war nicht so, dass nur die Volksrepublik das wollte. Und die UN musste sich danach richten. Erst im Sinne Taiwans, dann aber (in Anbetracht der Tatsache, dass die Volksrepublik 99,8% der Chinesen repräsentierte und Taiwan nur 0,2%) im Sinne der Volksrepublik.

So hat sich Taiwan letztlich selbst ein Bein gestellt. Hätte Taiwan schon früh gesagt: „Wir sind Taiwan und nicht ganz China, wir sind ein eigener Staat auf der Insel Taiwan“ hätte die UN anders reagieren können, dann hätte man in der Nachkriegsordnung 1945 Taiwan als eigenen Staat akzeptieren können. Aber da beide Chinas für eine Ein-China-Politik waren war das eben nicht möglich.

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Ich lese deine Beiträge in anderen Threads normalerweise sehr gerne, aber hier finde ich das beharren auf deiner Position (aber das Völkerrecht sagt doch…) geradezu verbohrt.

Roseman62 hat hier einige sehr gute Punkte gemacht, wohingegen du dich in einen seltsamen Rechtspositivismus und in eine auch historisch sehr dünne Argumentation, Taiwan gehöre seit dem 17. Jahrhundert zu China (was war eigentlich davor?), verrannt hast.

Ärgerlich finde ich es aber, weil du unkritisch hier die chinesische Staatslinie übernimmst.

Nein! es gibt überhaupt keine Pflicht in der UNO zu sein!

Nein! Es gab 1682 keine VR China!

Das ist leider eines der typischen Themen, bei denen eine zu differenzierte Meinung keine Sympathiepunkte einbringt.

Ich gebe im Prinzip den völkerrechtlichen Status Quo wider, daher den Grund, warum Taiwan von keiner einzigen Industrienation anerkannt wird und die juristische Geschichte dazu. Ich habe auch mehrfach gesagt, dass ich mir auch ein anderes Ergebnis wünschen würde, das aber unter Einhaltung der aktuellen völkerrechtlichen Dogmatik nicht möglich ist.

Die Ansätze von rosemann62 und anderen sind letztlich genau das: Sie wollen die alte völkerrechtliche Dogmatik, auf deren wackligen Beinen unsere aktuelle globale Friedensordnung nun einmal steht, ändern. Auch hier habe ich ja mehrfach gesagt, dass ich da gar nicht unbedingt gegen wäre, ich aber das Problem sehe, dass die Konsequenzen letztlich negativ sein werden.

Mit anderen Worten:
Ja, ich bin auch für Rechtstaatlichkeit und Demokratie. Ich würde mir auch wünschen, dass die ganze Welt von Rechtstaaten und Demokratie geprägt wäre und kein Mensch in einer Diktatur wie China leben müsste. Die Frage ist nur, wie wir realistisch da hin kommen, ohne dabei in einen dritten Weltkrieg zu schlittern.

Natürlich könnte ich es mir hier im Forum leicht machen und die von roseman62 und anderen vorgeschlagene neue völkerrechtliche Dogmatik unterstützen, weil wir das letztlich alle wollen. Aber das wäre der „easy way out“ aus der Diskussion. Denn der Grund, warum die neue völkerrechtliche Dogmatik, nach der eine Demokratie wie Taiwan natürlich im Recht gegenüber einer Diktatur wie China wäre, sich in der Realpolitik nicht durchsetzt, ist eben gerade, weil die Realpolitik die Konsequenzen fürchtet.

Nochmal:
Völkerrecht ist immer ein zwischenstaatlicher Minimalkonsens. Zu diesem Konsens gehört aktuell die Ein-China-Politik. Wir können diesen Konsens aufkündigen, aber dann wird China den gesamten Minimalkompromiss des Völkerrechts aufkündigen - und die Konsequenzen dessen können in der Tat im schlimmsten Fall in den dritten Weltkrieg führen.

Daher argumentiere ich hier nicht die populäre, moralisch überlegene Richtung und übernehme die Argumente deren Vertreter, sondern vertrete die unpopuläre, moralisch problematische, aber pragmatische, realpolitische Richtung. Das tue ich übrigens auch, weil ich es wichtig finde, dass in Foren wie diesem hier ein Diskurs stattfindet, der nicht völlig innerhalb einer idealistischen Bubble liegt. Daher ein Diskurs, der eben nur nicht ein „wie schön es sein könnte“ beinhaltet, sondern auch das Element „warum es aktuell nicht so schön ist und welche realpolitischen Gründe dafür sorgen, dass es sich auch nicht so schnell ändern wird“.

Wie gesagt, mir ist bewusst, dass ich damit keine Sympathiepunkte erziele, aber ich finde es halt wichtig - und ja, auch weil meine persönliche, idealistische Meinung ganz anders gelagert ist als meine juristische Meinung, wie gesagt, ich persönlich bin schon recht klar dafür, Sezessionsbewegungen innerhalb eines klar definierten juristischen Rahmens zuzulassen. Aber die Realpolitik sagt hier halt ganz klar: Nö! Und ich fürchte, die Realpolitik tut dies nicht, weil sie „böse“ ist, sondern weil sie versteht, dass die Konsequenzen zu negativ sein könnten.

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Genau das tust du nicht. Realpolitik hieße sich bewusst zu machen, dass wir uns schon jetzt in einem Systemkonflikt mit China, Russland und seinen Verbündeten befinden. Realpolitik würde sich verpflichtet fühlen, alles zu tun um diesen Konflikt zu gewinnen. Und sich gerade nicht auf die Seite der Gegner zu stellen, indem man dessen Rechtsverständnis übernimmt. Realpolitik heißt Werte zu verteidigen und eine entsprechende Haltung einzunehmen.

Ich empfinde diese Aussage als höchst problematisch.

Mit anderen Worten wir kündigen den Frieden auf weil die Zeichen auf Krieg stehen und wir „ALLES tun um zu gewinnen“.

„Werte zu verteidigen“ Welche Werte sollen denn da verteidigt werden?

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Sollte das wirklich jemanden interessieren, empfehle ich dieses Video: 🇹🇼 The History of Taiwan: Every Year - YouTube Das fängt mit der letzten Eiszeit an und endet 2022. 1600 ist irgendwo in der Mitte.
Kurz gefasst:
Ab 1683: Eroberung durch China (Qing-Dynastie)
Ab 1662: Königreich Tungmin (Exilreich der Ming-Dynastie, Ende der europäischen Kolonien)
Ab 1620: teilweise Eroberung durch Niederlande und Spanien, Bildung des indigenen Königreichs Middag
Vor 1620: Verschiedene einheimische, austronesische Stämme. Deren Nachfahren machen heute etwa 2,5% der Bevölkerung Taiwans aus.

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Übertragen auf die deutsche Geschichte bedeutet Deine Argumentation doch:
Vor 1949 gab es keine BRD
Vor 1990 hat die DDR nie zur BRD gehört.
Folglich gab es 1990 keine Grundlage für einen Zusammenschluss beider Länder.

Was habe ich falsch verstanden?

??? Grundlage für den Zusammenschluss ist der 2+4-Vertrag. Wenn die DDR nicht gewollt hätte (siehe Taiwan), hätte es keinen Zusammenschluss gegeben!

Russland hat den Frieden schon aufgekündigt und China wird wahrscheinlich früher oder später dasselbe tun.

Ganz allgemein und ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit: Demokratie, individuelle Freiheitsrechte, unabhängige Justiz, freie Presse.

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Umm, also das Verteidigen von Werten „um jeden Preis“ ist der Inbegriff dessen, was man als Ideologie oder auch Idealismus bezeichnen würde - und das ist das exakte Gegenteil von Realpolitik, denn diese sagt ja gerade, dass man die eigenen moralischen Ideale zu Gunsten einer tragfähigen, wenn auch schmerzhaften, Kompromisslösung zurückstellt.

Es geht Norbert um das völkerrechtliche Faktum, dass neue Staaten, die das Territorium alter Staaten übernehmen, als rechtliche Nachfolgerstaaten in deren Rechte und Pflichten eintreten - wie ich auch oben schon schrieb.

Und das ist genau das Problem in der Taiwan-Situation:

Nach dem Bürgerkrieg gab es zwei Nachfolgestaaten, die beide für sich in Anspruch genommen haben, Rechtsnachfolger der „Republik China“ zu sein - zum einen die Volksrepublik China, die das „Volks-“ im Hinblick auf ihre politische Ideologie an den Namen gehängt haben (was keinesfalls bedeutet, dass deren Anspruch geringwertiger ist) und auf der anderen Seite Taiwan, die weiter den Namen „Republik China“, also den Namen des Vorgängerstaates, beanspruchen.

Und hier hat sich die UN - und damit die höchster völkerrechtliche Instanz - nun einmal darauf verständigt, dass die „Volksrepublik China“ die Rechtsnachfolge der alten „Republik China“ antritt - eben weil die Volksrepublik über 99% der Chinesen repräsentiert und Taiwan unter 1%.

Wie gesagt, es wäre schöner gewesen, wenn man hier schlicht beide Staaten mit als partielle Nachfolgerstaaten auf ihrem jeweiligen Territorium akzeptiert hätte, aber das wollten damals weder Taiwan noch China.

Das Argument, dass man hier immer wieder hört, dass „die Insel Taiwan ja nie Teil der Volksrepublik China“ gewesen sei, ist ein rein propagandistisch-politisches, denn dieses Argument ist juristisch beim besten Willen nicht haltbar, ohne die gesamte völkerrechtliche Rechtsdogmatik zum Thema „Rechtsnachfolge von Staaten“ über den Haufen zu werfen.

Ja, pessimistisch betrachtet läuft es in diesem Fall darauf hinaus, dass sich nur die Frage stellt, wer den Konsens des Völkerrechts zuerst vollständig aufkündigt: Der Westen oder China. Und wenn das passiert sind die Auswirkungen des Ukraine-Krieges eine absolute Kleinigkeit. Die Auswirkungen eines (Wirtschafts-)Krieges mit China sind für die Volkswirtschaften beide Seiten, den Westen sowie China, absolut vernichtend. Und das weiß sowohl China als auch der Westen.

Und genau deshalb bleibe ich bei einer optimistischen Betrachtungsweise, daher: Ich will nicht, dass wir den Konsens des Völkerrechts aufkündigen und ich will China jede Brücke bauen, die zu mehr internationaler Kooperation führt. Und das ist eben Realpolitik: Zu akzeptieren, dass Chinas Werte (siehe Uiguren, Freiheitsrechte der Bevölkerung allgemein) unseren diametral gegenüberstehen, aber dennoch versuchen zu wollen, eine friedliche Koexistenz zu ermöglichen. Eben weil die Alternative - das Kämpfen für Demokratie und Menschenrechte überall auf der Welt (einschließlich China) - zwar moralisch aus unserer Sicht besser wäre, aber realistisch betrachtet der Preis dafür viel, viel zu hoch ist.

Daher plädiere ich dafür, dass wir uns weitestgehend unabhängig von China machen müssen, damit die potentiellen Schäden im Falle einer Eskalation akzeptabel werden. Denn uns darf nicht wieder das gleiche passieren, wie mit Russland: Dass der Konflikt eskaliert, während wir abhängig und damit nicht vorbereitet sind.

Daher bin ich dafür, die Taiwan-Politik so wie die letzten Jahrzehnte zu belassen: Wir (vor allem die USA) rüsten Taiwan weiter maßgeblich auf (Taiwan hat jetzt schon eine absolute High-Tech-Armee) und unterstützen Taiwan ökonomisch, damit Taiwan sich gegen China behaupten kann. Damit versuchen wir, einer Eskalation entgegenzuwirken. Eine Anerkennung Taiwans würde das Gegenteil bewirken, es würde China unter Zeitdruck für eine Eskalation setzen.

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In den Punkten stimme ich dir zu. Es ist auch möglich, aus unterschiedlichen Gründen zu ähnlichen Schlussfolgerungen zu kommen. Danke für deine Ausführungen.

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