Demnach arbeiten 59 Prozent der Befragten nur noch oder hauptsächlich des Geldes wegen. Das sind 17 Prozentpunkte mehr als vor einem Jahr, zugleich liegt der Wert fast doppelt so hoch wie vor der Coronapandemie im Jahr 2019.
Das scheint mir eine wirklich massive Verschlechterung zu sein. Eine Verdopplung, bei welcher Umfrage auch immer, innerhalb von 7 Jahren, ist krass.
Und das Ganze deckt sich mit meiner persönlichen Erfahrung. In meiner Altersgruppe macht der Begriff der Millennial Carreer Crisis breit und kaum jemand mit dem ich spreche, verliert aktuell viel gute Worte über seinen Job. Diejenigen weiter unten berichten von der Angst ihren Job zu verlieren, die weiter oben vom Druck Teams verkleinern zu müssen, mehr Drittmittel einwerben zu müssen, oder schlicht davon, wie KI nur zu noch mehr Arbeitsverdichtung führt. Ältere Arbeitskolleginnen zählen die Tage/Monate/Jahre.
Mich würde eine Thematisierung des Phänomens und eine Suche nach den Gründen interessieren.
Ich denke solche Umfrageergebnisse hängen oft auch mit der allgemeinen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage zusammen (wie die genannte Quelle im letzten Satz auch andeutet).
Was ich oft von (meiner) Generation 50+ höre:
mangelnde Wertschätzung
Man sei zu alt, zu wenig flexibel, zu teuer
Schlechte Führung hat großen Einfluss auf die Arbeitsmotivation
Mehrarbeit wird nicht vergütet oder gewürdigt, sondern geschieht ehrenamtlich
Aber auch:
hohes Engagement gepaart mit Berufserfahrung
Hohe Lernbereitschaft
Wille zu arbeiten, aber auch altersgerecht (z.B. weniger Stunden)
Kein Bock mehr auf Nonsense (ständige Kurswechsel, dauernde Besprechungen, unklare oder keine Entscheidungen)
wer mehr leistet, wird mehr belastet, wer nur „da“ ist, kann unbehelligt ruhige Kugel schieben (wieder Führungsproblem)
Nur mal aus persönlichen Erleben einige Eindrücke.
Ist ja offensichtlich ein fast rein emotionales Thema. Auf etwas keine Lust zu haben, könnte emotionaler kaum sein.
Ich denke, dass hier noch der Umstand hinzukommt, dass das Leben immer unbezahlbarer wird und gleichzeitig von einem verlangt wird, man müsse endlich wieder mehr arbeiten und sich die Ärmel hochkrempeln, um den Wohlstand zu erhalten.
Welcher Wohlstand, fragen sich Leute dann völlig zu recht. Besser noch: WESSEN Wohlstand soll ich mit meiner schlecht bezahlten Arbeit weiter erhalten und warum sollte ich das tun? Die Lohnentwicklung hat sich von der Produktivität längst entkoppelt. Vom immer angesprochenen Wohlstand kommt bei der Masse nichts, mindestens aber viel zu wenig an.
Dass man vor diesem Hintergrund immer weniger Lust hat zu arbeiten, finde ich absolut plausibel.
Danke für die Einschätzung aus der Alters-Etage eine Nummer über mir. Der Befund, dass die älteren besonders wenig Bock haben, hat mich nämlich besonders irritiert. Schließlich sind da bei den meisten die Kinder aus dem Haus, das heißt die Doppelbelastung ist deutlich weniger gegeben, die Eigentumsquote besonders hoch und damit die Unsicherheit besonders niedrig.
Ist das jetzt ein Clickbait-Race? Da erscheint eine Studie mit sehr differenzierten Ergebnissen zur Wahrnehmung von Deutschen zu ihrer Arbeitswelt, zu Teilzeit, Einfluss von KI etc. unter dem Titel „Künstliche Intelligenz erhöht die Arbeitsproduktivität stark“. Der Spiegel macht daraus dann " Deutsche haben weniger Lust zu arbeiten" und ein User hier spitzt das noch weiter zu und titelt „Die Deutschen haben keinen Bock mehr (zu Arbeiten)“ (Hervorhebung von mir), was mit den Ergebnissen der Studie endgültig nichts mehr zu tun hat, da je nach Altersgruppe bis zu 50 Prozent der Befragten genau das sagen.
Ganz abgesehen davon: Der Deal im real existierenden Kapitalismus ist nun mal: Ich verkaufe meine Arbeitsleistung, dafür bekomme ich Geld. Was ist jetzt der große Skandal daran, dass genau das für viele Menschen die hauptsächliche Motivation ist, ihrer Lohnarbeit nachzugehen? Die Studie erwähnt beispielsweise Menschen über 54 Jahren, von denen viele (aber längst nicht alle) sagen, dass sie lieber nicht mehr lohnarbeiten würden, wenn sie sich das finanziell leisten könnten. Und ganz ehrlich: Ich kann diesen Wunsch verdammt gut verstehen und daran nichts Falsches finden.
Die Webseite ist an dieser Stelle überraschend unkonkret:
Noch auffälliger ist – auch bezogen auf die vergangenen acht Jahre – der gestiegene Anteil derer, die nach eigenen Angaben „primär nur wegen des Geldverdienens“ ihren Beruf ausüben.
Mehr habe ich dort bezüglich der konkreten Fragestellung nicht gefunden.
Direkt im Anschluss aber die folgende Grafik zu einer Fragestellung, mit einer ähnliche Stoßrichtung:
„Seit 2019 gestiegen“ ist nicht falsch. Aber ist doch hier irgendwie eine recht verkürzte Darstellung, falls die Entwicklung bei beiden Fragstellungen vergleichbar war.
Das scheint dem Spiegel auch aufgefallen zu sein:
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung hieß es, Deutsche hätten immer weniger Lust zu arbeiten. Tatsächlich gab es laut HDI-Berufestudie in der Vergangenheit auch Jahre, in denen der Anteil an Menschen sank, die ihren Beruf aufgeben wollen
Der Ochse, der den Pflug über’s Feld zieht, beginnt zu hinterfragen, warum er das überhaupt tun muss, statt den Wert seiner Existenz darin zu sehen, jeden Tag den Pflug über’s Feld ziehen zu dürfen. Was soll der Bauer bloß machen, wenn alle Ochsen plötzlich mehr als Wasser und Getreide fordern - oder sich gar weigern, zu arbeiten.
Ernsthaft, dem Menschen einzureden, dass sein Selbstwert durch seine Arbeit bestimmt wird, ist der größte Erfolg des Kapitalismus - und das größte Hindernis auf dem Weg zu einer Post-Work-Gesellschaft. Ich gehöre zu den Menschen, die klar sagen, dass es eine Utopie wäre, wenn alle produzierenden und instandhaltenden Jobs irgendwann automatisiert wären, so lange der Staat den Gewinn dieser Automatisierung abgreift und umverteilt - sodass wir alle genug Zeit für das haben, worin wir uns wirklich selbst verwirklichen wollen (Kunst, Ehrenamt, Soziales (Pflege, Erziehung)). Für andere Menschen ist das eine Horrorvorstellung, weil dann jeder von Transferleistungen abhängig wäre und die Selbstverwirklichung über den Job fehlen würde. Das wiederum kann ich nicht nachvollziehen.
Mich freut daher jede Statistik, die darauf hindeutet, dass mehr Menschen „arbeiten, um zu leben“, statt „zu leben, um arbeiten zu können“. Und ich sehe wirklich nicht, warum man das als Problem framen sollte.
Die eigentliche Frage ist doch, wie Arbeit sein muss, damit sie mehr ist als ein „Brot-Job“, und was sich daran gerade so verändert.
Ich kann das Wort „Selbstwirksamkeit“ zwar kaum noch hören, aber es ist das erste, das mir dazu einfällt. Dort, wo ich Gestaltungsspielraum habe und das Ergebnis meiner Tätigkeit als meine eigene Leistung sichtbar ist, habe ich auch Spaß an meiner Arbeit.
Wenn ich jedoch nur noch das ausführen kann, was ein Computersystem zulässt, was durch die Versicherung abgedeckt ist, was der Gesetzgeber vorgibt… (Wer kennt diese Situationen nicht?) und der „gesunde Menschenverstand“ keine Chance mehr hat, wird die Arbeit beliebig, der Mensch austauschbar, das gute Gefühl verschwindet.