Details zum schwedischen Rentensystem

Aktuell wird in Deutschland (und hier im Forum) ja eine Aktienrente z.B. nach schwedischem Vorbild diskutiert. Da man in der Presse gefühlt fast immer nur liest, wie viel Rendite der schwedische Staatsfond AP7 so abwirft, habe ich mich mal etwas mit dem schwedischen Rentensystem auseinander gesetzt.

Da das schwedische System auch abseits der Kapital-bildenden, sogenannten Prämienrente interessant ist, habe ich hier mal ein paar Punkte und Statistiken zusammengefasst, die vielleicht auch anderen Lesern bei der Diskussion um Aktienrenten und Altersvorsorge allgemein vielleicht weiterhelfen können.

Eine Bitte dazu:
Das hier soll nur als Fakten- und Quellensammlung dienen, nicht als Diskussionsthread. Ich habe deswegen auch versucht möglichst neutral zu schreiben. Daher bitte nur Antworten, wenn ihr Fehler, falsche Zitate oder ähnliches findet, was ich bestimmt irgendwo eingebaut habe ^^.
Diskutieren kann man über das Thema Aktienrente in Deutschland z.B. hier:
FDP Vorschlag Aktienrente

I. Rentensystem in Schweden [1],[2],[3],[4]:

Rentner in Schweden haben im heutigen System, das seit 1999 gilt, Anspruch aus verschiedenen „Rentensäulen“ eine Altersrente zu erhalten für die sie, zum Teil dort eingezahlt haben müssen oder die aus Steuern finanziert werden[1].

  1. Säule: die staatliche Regelaltersrente (im Folgenden Allgemeine Rente genannt)

    1.1. Einkommensrente:
    16 % des Einkommens und einiger anderer Einkünfte werden in ein staatliches Umlagesystem eingezahlt [1]. Aus diesem System und einem staatlichen Ausgleichsfond werden die laufenden Einkommensrenten-Ansprüche bezahlt. Die 18,5 % der Einkommensrente und Prämienrente zusammen, werden zu 11,5 Prozentpunkten vom Arbeitgeber und 7 Prozentpunkte vom Arbeitnehmer gezahlt [2]. Steuerzuschüsse gibt es nicht. Stattdessen werden die ausgezahlten Renten und die Rentenkonten der aktuell einzahlenden Arbeitnehmer gesenkt, wenn „zu wenig Geld in der Kasse“ ist.

    1.2. Prämienrente(„Aktien-Rente“):
    2,5 % des Einkommens und einiger anderer Einkünfte werden über das Jahr zunächst vom Staat in festverzinslichen Anlagen „zwischengelagert“ und am Jahresende, nach Steuer-Festsetzung, an einen der, vom Staat zertifizierten, Fonds eigener Wahl oder dem staatlicher Fond AP7 Såfa überwiesen.

    1.3. Zusatzrente:
    Spezielle Rente als Übergang für ältere Schweden, die bei der Umstellung 1999 noch nicht genug Einkommens- und Prämienrente eingezahlt hatten. Wer vor 1938 geboren wurde bekommt komplett diese Rente, statt der Einkommensrente. Bei Jahrgängen zwischen 1938 und 1953 wird anteilig gemischt, ab Jahrgang 1954 wird nur noch die Einkommensrente gezahlt [3]. Entsprechend wird die Zahl der Empfänger immer kleiner. Diese Renten werden noch nach dem alten System (vor 1999) berechnet aber werden bereits aus dem Umlage-Topf des neuen Systems gezahlt. Der Name „Zusatzrente“ stammt ebenfalls noch aus dem alten System.

    1.4: Garantierente:
    Mindestrente, ähnlich der Grundsicherung in Deutschland. Kann anteilig mit anderen Renten bezogen werden. Wird ausschließlich aus Steuern finanziert [3].

    1.5: Weitere Absicherungs-Rententeile:
    Witwenrente, Erziehungsrente und Wohngeld für Garantierentenempfänger sowie weitere soziale Rententeile, die alle aus Steuern finanziert werden.

  2. Säule: die Betriebsrente:
    Eine betriebliche Zusatz-Rente, in die nur vom Arbeitgeber eingezahlt wird. Alle öffentlichen und tariflich gebundenen Arbeitgeber zahlen dort ein (etwa 90% der Schweden) [2].

  3. Säule: Private Ansparungen:
    Private Ansparungen auf die Rente, also alles Geld was man eigenverantwortlich spart. Beispiele sind Investitionen in einen Fond-Sparplan, Einzahlungen in eine Kapitallebensversicherung oder die Tilgung von Immobiliendarlehen und Hypotheken.

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(Fortsetzung)

II. Wie Einkommens- und Prämienrente berechnet und ausgezahlt werden [4],[5]:

  • Einkommensrente (Umlage-Rente)
    16 % vom Gehalt wandern auf ein virtuelles Rentenkonten, auf dem jede Krone festgehalten wird, eingezahlt. Das Guthaben auf diesem Konto wird jedes Jahr mit der Reallohnentwicklung „verzinst“. Das gilt aber nur, solange die Kosten des Systems nicht die Einlagen übersteigen. In diesem Fall werden sowohl die Einlagen der Arbeitenden als auch die laufenden Rentenzahlungen jährlich verringert, bis das System wieder ausbalanciert ist.
    Beim Eintritt in die Rente, wird der gesammelte Betrag auf die zu erwartende Lebensdauer verteilt und damit die monatlichen Rentenbezüge errechnet. Personen, die früh versterben gleichen die Zahlungen der länger Lebenden aus [4]. Sinken die Reallöhne jedoch zu stark, können die Auszahlungen im Vergleich zum Vorjahr auch verringert werden.

  • Prämienrente („Aktien-Rente“)
    2,5 % vom Gehalt werden bei einem zertifizierten Anbieter oder dem staatlichen AP7-Fond angelegt. Beim Renteneintritt kann das angesparte Geld
    – in eine garantierte staatliche Zusatz-Rente umgewandelt werden oder
    – die Fond-Gesellschaft verkauft monatlich die notwendigen Anteile um die Rente zu auszuzahlen.
    In beiden Fällen errechnet sich die Höhe der monatlichen Rente auch hier nach der durchschnittlichen Lebenserwartung. Man kann erwirken, dass für seinen Ehe- oder Lebenspartner die Rente nach dem eigenen Ableben weitergezahlt wird, wodurch sie aber sinkt wgn. der längeren Auszahldauer.

III. Aktuelle Wirkung der Prämienrente („Aktien-Rente“) [5],[6]

Wie oben beschrieben gibt es aktuell noch 3 Teile der Rente, die Einkommens-finanziert sind. 16 Prozent des Einkommens gehen in den Umlage-Teil, aus dem dann die neue Einkommensrente, sowie teilweise noch die Zusatzrente des alten Systems bezahlt werden. 2,5 % des Gehaltes gehen in den Kapitalgedeckten Teil, die Prämienrente. Das entspricht also ca. 13,5 % (2,5 geteilt durch 18,5) der
gesamten Einkommens-finanzierten Rente.
Genauso lassen sich die jährlichen Rentenauszahlen (siehe Kap. V) der Prämienrente denen der Umlage-Renten gegenüberstellen [5]:

Dabei wird klar, dass die Prämienrente bei den Gesamtauszahlungen der Einkommens-finanzierten Rententeile (Alle im obigen Bild, außer der Garantierente) erst einen deutlich kleineren Anteil als bei den Einzahlungen hat, (eigene Zusammenstellung aus [6]):

Praemienrente

Man muss hierbei allerdings berücksichtigen, dass es sich bei der Prämienrente quasi um ein individuelles Ansparen handelt. Entsprechend haben Schweden, die z.B. 2020 in Rente gehen erst seit 1999 in die Prämienrente eingezahlt aber schon viel länger gearbeitet.
Beispiel: Ein Schwede fängt 1979 an zu arbeiten. Ab 1999 zahlt er 2,5 % in die Prämienrente ein. 2019 geht er in Rente. Dann hat er theoretisch, bei konstantem Gehalt, auf seine Lebensarbeitszeit gerechnet, nur 1,25 % seines Gehaltes in der Prämienrente eingespart.

Dementsprechend sehen die jährlichen Rentenbezüge pro Person aus der Prämienrente, nach Altersgruppen aufgeschlüsselt, 2020 so aus [6]:

  • 62 - 64 Jahre: 13.328 kr pro Jahr
  • 65 - 69 Jahre: 13.779 kr pro Jahr
  • 70 - 74 Jahre: 8.794 kr pro Jahr
  • 75 - 79 Jahre: 4.247 kr pro Jahr
  • 80 - 84 Jahre: 1.808 kr pro Jahr

Die jüngeren, Rentner, die erst vor kurzem in Rente gegangen sind und entsprechend länger in die Prämienrente eingezahlt haben, erhalten also deutlich höhere Auszahlungen.

Die heutigen schwedischen Rentner hätten, würden die 18,5 % der heutigen Arbeitnehmer komplett in die Umlage-Rente fließen, wohl eine höhere Rente.

Ob die Prämienrente also wirklich einen Netto-Gewinn für den die Einzahler bringt, lässt sich vermutlich wohl erst sagen, wenn es ausreichend Schweden gibt, die ihr ganzes Arbeits-Leben sowohl in die Einkommensrente als auch in die Prämienrente eingezahlt haben.

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(Fortsetzung)

IV. Wichtige Punkte der schwedischen Altersvorsorge

Obwohl es mir eigentlich um die Wirkung der Prämienrente ging, sind mir beim Einlesen in das Thema einige Eigenschaften der schwedischen Rente aufgefallen, die ich für erwähnenswert halte. Und zwar nicht nur in Bezug auf die vermutlich baldige Einführung einer „Aktienrente“ in Deutschland, sondern generell für die Frage, wie man die Rente besser ausgestalten kann:

  1. Quasi alle Angestellten und Selbstständigen zahlen in das­sel­be System ein.
  2. Die Einkommens-finanzierte Rente (Umlage+Prämie) ist komplett Steuer-unabhängig.
  3. Sinken die Einzahlungen zu stark werden sowohl Auszahlungen an die Rentner als auch die eingezahlten, fiktiven Rentenpunkte reduziert.
  4. Das Anpassen (Heben wie Senken) der Umlage-Rente geschieht durch einen automatischen Mechanismus und ist vom politischen Tagesgeschäft unabhängig.
  5. Steuer-finanziert sind lediglich soziale Maßnahmen im Alter (Garantierente, Wohngeld, Witwenrente usw.).
  6. Etwa 90 % aller Schweden haben eine Arbeitgeber-finanzierte Betriebsrente, die in Tarifverträgen geregelt ist.
  7. Die Schweden legen im Schnitt ca. 28 % ihrer Einnahmen in den Rentensystemen an [3].
  8. Nach der Umstellung des Rentensystems 1999 befindet sich das schwedische Rentensystem immer noch in einem Übergangszustand. Das äußert sich vor allem in den vielen Rentner, die noch anteilig die „alte“ Zusatzrente bekommen und den geringen Guthaben in der Prämien-Rente.
  9. Schweden hat seit den 1960er über einen großen Rentenpufferfond, der zu 50 % in Aktien und zu 45 % in Obligationen außerhalb Schwedens angelegt ist. Mit diesen rund 1150 Milliarden Kronen (122,9 Mrd. Euro, Stand 2015), werden Defizite bei der Einkommensrente ausgeglichen werden [7].

V. Ausgezahlte Renten in 2015 und 2020 der einzelnen Rententeile [6]

Im Folgenden sind exemplarisch für 2015 und 2020 die ausgezahlten Renten der 3 oben genannten Säulen angegeben. Die 1. Säule der Staatlichen Renten (Allgemeine Rente) ist nochmal in die wichtigsten, einzelnen Teile aufgeschlüsselt. Da die Tabelle soviel Platz einnimmt, habe ich sie an das Ende gesetzt, obwohl die Zahlen oben schon genutzt werden.

Hinweise:
Es sind immer die Zahl der Empfänger, die durchschnittlichen Auszahlungen (Ø) pro Person (gemittelt über Alter und Geschlecht)
und die Gesamtsumme (Σ) in Millionen Kronen und Millionen Euro für das jeweilige Jahr angegeben.
Die Angaben in schwedischen Kronen (kr) stammen direkt vom Statistik-Portal der schwedischen Renten-Behörde,
die Angaben in Euro sind mit dem aktuellen Kurs von 0,097 €/kr von mir berechnet.
Ein schwedischer Rentner kann aus mehreren der genannten Quellen Altersbezüge erhalten.

Quellen:
[1] „Das Rentensystem in Schweden - Schwedische Rentenbehörde (deutsch)
[2] „Wie andere Länder die Rente organisieren - mdr.de
[3] „Orange report 2020 Der Jahresbericht des Vorsorgesystems (schwedisch)
[4] „ORANGE REPORT Annual Report of the Swedish Pension System 2019 (pdf, english)
[5] „ALTERSSICHERUNGSPOLITIK UND ORGANISIERTE INTERESSEN IN SCHWEDEN, WSI (Hans-Böckler-Stiftung)
[6] „Schwedische Rentenbehörde - Statistiken (schwedisch)
[7] „Pensionssystem abgekoppelt vom Staatshaushalt - diepresse.com

Insbesondere kann ich jedem, der sich weiter in das Thema einlesen will, die Quelle [5] vom WSI empfehlen, die ist nebenbei sehr aktuell (von Okt '21). Details zu Finanzierung findet man am besten in den „Orange Report“-Quellen [3] und [4] und Statistiken zu den Auszahlungen am besten bei [6].

Weitere Quellen zu dem Thema:

Was wäre wenn wir Schweden wären? Ist das Schwedische Rentensystem auf Deutschland übertragbar? - Max Planck Institut

Schwedens Rentenreform 1998, Entstehung und Motive - Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen Bundestages

Die Alterssicherung in Schweden als Reformmodell für Deutschland? - Seminararbeit, 2005

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