Der Begriff "Mullah-Regime" ist unseriös, unpräzise und unzutreffend

In der Lage wurde in der Vergangenheit häufig der Begriff “Mullah-Regime” verwendet oder von den Herrschenden salopp als “Mullahs” gesprochen. Es gibt einige Probleme mit diesem Begriff.

  1. “Mullah” ist kein präziser religiöser Titel. Ursprünglich ein umgangssprachlicher Ausdruck für einen einfachen religiösen Gelehrten fasst er keinen präzisen Rang, wie etwa Ayatollah.
  2. Der Begriff ist politisch aufgeladen und dient zumeist dazu, das Gemeinte als rückständig und religiös-fanatisch zu markieren. Unabhängig davon, ob das zutrifft (s.u.) sollte in sachlichen Analysen von solch polemisierten Begriffen abgesehen werden.
  3. Das politische System des Irans ist komplexer. Insbesondere setzt es sich aus einem Gefüge verschiedenster Insitutionen und Akteure zusammen, sodass nicht von einer “Herrschaft der Mullahs” gesprochen werden kann. Sicherheitsapparate, Bürokratie, Industrie, Militär und auch gewählte Institutionen spielen ebenfalls eine Rolle.
  4. Daran anschließend ist es zudem so, dass insbesondere in den vergangenen Jahren der Einfluss etwa der Revulotionsgarden und anderer Institutionen, die eben nicht primär theokratisch-klerikal fundiert sind, an Einfluss zugenommen haben. Wenn Iran also jemals ein “Mullah-Regime” war, so bewegt es sich also eher davon weg.

Wer also sachlich, präzise und objektiv kommunizieren will, sollte andere Begriffe wie “Islamische Republik Iran”, “iranische Herrschaftselite” oder einfach “Regime” verwenden.

Ich will mich nicht zum Moralapostel aufschwingen und bin selbst kein Experte auf dem Gebiet, sondern vielmehr selbst über dieses Thema gestolpert (s.u.) Ich freue mich über Rückmeldungen und Anregungen.

Auf das Thema gestoßen bin ich über dieses Interview mit Azadeh Zamirirad:
https://www.youtube.com/live/068X9r7blKQ?si=x4MpFsSayDu_ZGCU&t=11099

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Die Kritik an dem Begriff wird tatsächlich in zahlreichen Podcasts laut - und je mehr ich von dieser Kritik höre, desto eher bin ich geneigt, sie zu teilen.

Insbesondere, da seit dem Tod des Ayatollah nun eine eher klassische Militär-Junta an der Macht ist, ist der Begriff heute noch unpassender, als er es eh schon immer war. Es ist einer dieser polemischen Begriffe, die wir eigentlich grundsätzlich meiden sollten, weil sie einen deskriptiven Charakter vorheucheln, aber letztlich rein präskriptiv sind.

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Kann man machen. Ich finde aber, dass ein Podcast im Vergleich zur Tagesschau sich ein bisschen Saloppheit erlauben darf. Es ist eben mehr ein Gespräch unter Freunden und guten Bekannten als Nachrichtensendung.

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Das finde ich nicht. Sprache ist verräterisch. Für mich ist der Begriff “Mullah-Regime” negativ und arrogant konotiert. Das mag vom Verwender genauso gemeint sein, hat aber m.E. nichts in einem öffentlichen Podcast zu suchen, der versucht, politische Entwicklungen sachlich zu beurteilen. Auch der Begriff “Regime” wird in den deutschen Medien oft bei Regierungen verwendet, die eine andere Politik als die hiesige vertreten (Russland, China, Iran, Nordkorea). Damit werden diese Regierung per se abgestempelt. Ich kann allerdings nicht erkennen, wie es zu diesen Zuschreibungen von Begriflichkeit kommt, d.h. was muss geschehen, bevor eine Regierung zu einem “Regime” wird und nicht mehr Regierung genannt wird. Wird aus dem ungarischen Regime jetzt eine Regierung oder muss die USA inzwischen ein Regime genannt werden? Vielleicht nur Oberflächlichkeiten aber für mich sind diese wichtig.

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Wikipedia schreibt

In der gemeinsprachlichen Verwendung des Terminus bezeichnet ‚Regime‘ eine diktatorische oder eine nicht demokratisch legitimierte Form der Herrschaftsausübung ohne scharfe Abgrenzung von der klar institutionalisierten Regierung mit einem Regierungschef an der Spitze.

Der Iran hat keine freien Wahlen, die Regierung tritt diktatorisch auf und sie hat einen Regierungschef an der Spitze.
Die USA haben zumindest noch freie Wahlen und würde der Kongress nicht Arbeitsverweigerung betreiben auch ein Korrektiv das den Regierungschef einhegen könnte. Auch die Justiz ist dem Regierungschef, im Gegensatz zum Iran, nicht direkt unterstellt.

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Du hast eine sinnvolle und notwendige Kritik formuliert. Aber:

Der Begriff hat durchaus auch eine sachliche Seite, drückt z.B. einen höheren Grad Permanenz im Herrschaftspersonal aus. Aber so wird er in der politischen Kommunikation ja nicht gebraucht. Da drückt er Feindschaft aus. Vielleicht nicht das beste Beispiel für objektive Kommunikation :smiley:

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Nun würde mich in dem Kontext aber doch interessieren, worin hier die Problematik einer negativen Konnotation liegt? Es ist ein menschenverachtendes, verbrecherisches und mörderisches Regime - der eigenen Bevölkerung gegenüber, da muss man nicht einmal über das Staatsgebiet des Iran hinausblicken. Da gibt es rein gar nichts, was man positiv sehen könnte.

Zum Begriff Mullah: Ich verstehe die Kritik; das Regime beruft sich aber ja zumindest in seiner ganzen Existenz auf Allah und den Islam, basiert auf der islamischen Revolution (nicht auf der militärischen, bürokratischen, industriellen…) - daher nicht verwunderlich, dass ein Begriff aus dem religiösen Kontext zur Beschreibung genutzt wird. Aber interessante Infos, ich persönlich habe den Begriff Mullah nie groß hinterfragt und würde dann wohl eher soetwas wie “iranisches Regime” nutzen.

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Der Versuch, gegen die Bezeichnung Mullah-Regime zu schießen, passt für mich ein allgemeines Muster, das ich, gerade im Netz, immer wieder sehen muss.

Ein gewisser Teil des politischen Spektrums schreit bei jeder Kritik an negativen Zuständen oder Ereignissen, die aus dem Islam erwachsen, laut “Das hat nichts mit der Religion zu tun!”. Der Verweis darauf, dass das sehr wohl etwas mit der Religion zu tun hat, wird dann gerne mit Begriffen wie Arroganz oder Ignoranz bezeichnet, im fortgeschrittenen Stadium kommen gerne auch mal Keulen wie Islamophobie, Koloniales Denken oder gleich die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit raus.

Ich finde den Begriff sehr passend, er verdeutlicht die selbst verstandene Legitimation des Regimes, seine Rückständigkeit und Brutalität. Den Islambezug zu verschweigen, blendet ein riesiges Problemfeld einfach aus.

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Hat das hier irgendjemand getan?

Es wird hier im ersten Beitrag als Alternative „Islamische Republik“ genannt, was die offizielle Beschreibung des Staates ist. Wie kann man das als Verschweigen des Islambezugs auslegen? Alternativ wurde auch „Iranisches Regime“ genannt, ebenfalls keine Bezeichnung, die die Kritikpunkte am Staat vertuscht und eine zu positive Interpretation nahelegt.

Außerdem ist die Bezeichnung Mullahregime allein schon deshalb schwammig, weil wahrscheinlich kaum jemand weiß, was ein Mullah eigentlich ist. Und scheinbar trifft sie ja noch nicht mal wirklich zu, weil Mullah kein präziser Begriff ist und der Iran eher eine Militärdiktatur.

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Ist der islamische Staat auch eine Militärdiktatur gewesen?

Das politische System im Iran gründet offiziell auf der Welāyat-e Faqīh, der Herrschaft des islamischen Rechtsgelehrten (Mullah).

Dass die Islamisten auch Macht über und durch Militär ausüben, macht es nicht zu einer Militärdiktatur. Die IRGC sind dem religiösen Führungssystem untergeordnet und dienen als Machtapparat, sie sind aber nicht der Kern.

Es geht nicht um “Saloppheit”. Der Begriff “Mullahregime” trägt massive unterschwellige Botschaften mit sich. Die Regierungen in Israel und den USA sind inzwischen mindestens genau so religiös fanatisch, aber komischerweise reden wir über die nicht so. Den Begriff zu verwenden, kondensiert die Geschichte Irans mit dem Westen auf die 79er Revolution und blendet zufälligerweise jegliche westliche Beteiligung an der heutigen Regerung Irans komplett aus.

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Die Regierungen in den USA und Israel sind mindestens so religiös fanatisch wie die Mullahs? Meinst du das ernst? Worauf begründet sich diese Äußerung?

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Naja, wenn der selbsternannte Kriegsminister der USA das Wappen des Königreichs Jerusalem als großflächiges Tattoo auf der Brust trägt, bei jeder Gelegenheit demonstrativ in’s Beten verfällt, und seine Bibelfestigkeit durch das Zitieren von sonst kaum bekannten Textstellen unter Beweis stellt; wenn der Vizepräsident der USA den Papst auffordert, sich bei Äußerungen zu theologischen Fragen zurückzuhalten; und wenn der Präsident der USA sich als wiedergeborenen Jesus inszeniert, dann fällt es schon schwer, da nicht zumindest die Ansätze eines Willens zu theokratischer Herrschaft zu erkennen.

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Und wenn eine israelische Regierung ihre Ansprüche auf ganz Palästina damit begründet, dass Gott ihnen das Gebiet gegeben hätte, ist das auch zumindest sehr problematisch.

In allen drei Fällen - ja, auch im Falle des Iran - muss man aber hinterfragen, inwiefern Religion von der Regierung insgesamt eher als Vorwand und Kontrollinstrument genutzt wird oder tatsächlich aus fanatischem Glauben gehandelt wird. Und da sind in allen drei Ländern die Regierungen sehr divers, daher: Es gibt sowohl religiöse Hardliner, die tatsächlich den Murks glauben, den sie verkünden, als auch typische Machtpolitiker, denen Religion im Prinzip völlig egal ist, sich aber natürlich die Religion zum Kontrollwerkzeug machen. Trump ist z.B. exakt dieser Fall - er lässt keine Chance aus, sich mit einer Bibel in der Hand abzubilden, sich als Jesus abzubilden oder sogar nach dem gescheiterten Attentats-Versuch als „von Gott auserwählt, um Amerika wieder groß zu machen“ zu bezeichnen. Tatsächlich religiös ist Trump dabei aber nie gewesen. Ähnliche Biographien wird man selbst in der iranischen Regierung bzw. bei den Revolutionsgarden finden, wobei die Mitglieder dort sehr bemüht sein dürften, den Anschein besser zu wahren, als Trump es tut (dh. die werden den Koran zumindest richtig herum halten…).

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