Eine Konstante bleibt jedenfalls, dass die jeweils feindlichen Anführer vom Westen gerne irgendwie als blöd, irrational, senil, psychisch krank o.ä. dargestellt werden. Auf der einen Seite beweist man damit dann natürlich die Überlegenheit des eigenen Systems, das selbstverständlich nur rationale, abwägende, vernünftige Typen in Machtpositionen bringt, *hüstel*, und auf der anderen Seite ist dadurch die Bedrohung natürlich noch viel bedrohlicher, denn die anderen sind es ja, die jederzeit nur einen psychotischen Schub davon entfernt sind, den roten Knopf zu drücken und einen erweiterten Suizid mit Milliarden Opfern zu veranstalten.
Man sollte mal überlegen, ob das nicht alles ziemlicher Quark ist. Putins sicherlich komplett falsche Einschätzung der Verteidigungsfähigkeit der Ukraine, die ihn zu diesem Krieg verleitet hat, wurde doch auch von den „Experten“ im Westen weithin geteilt, und wird es ja auch in Deutschland zum Teil immer noch, von irgendwelchen Ex-Generälen o.ä., die damit durch die Talkshows tingeln.
Solche Fehleinschätzungen passieren aber auch im Westen, wenn man bspw. (zu Recht) annimmt, im Irak oder Afghanistan in wenigen Wochen einen Regime Change erzwingen zu können, aber dann davon ausgeht, ohne größere Konflikte innerhalb weniger Jahre dort westliche Satelliten-Gesellschaften hochziehen zu können.
Dass Putin diesen Krieg vom Zaun gebrochen hat, liegt jedenfalls nicht daran, dass er irgendwie durchgeknallt ist, sondern an einem anderen Wertegerüst als der Westen es im Großen und Ganzen vertritt. Da sind zum einen die vielzitierten „demokratischen Werte“, die Putin als schwach betrachtet, während für ihn (insbes. militärische, gewalttätige) „Stärke“ ein wesentlicher intrinsischer Wert ist, was man im Westen wiederum überwiegend als Mittel zum Zweck, aber nicht als wünschenswerte dominante Eigenschaft in der Weltpolitik ansieht. Wenn man ehrlich ist, stehen da aber einige westliche Gesellschaften gar nicht mehr so eindeutig dahinter, und ob Leute wie Orban, Erdogan, Trump oder die polnische PiS nun auf der Seite Russlands oder des Westens stehen, erscheint da eher zufällig historisch hergeleitet als ideologisch.
Was aber den Westen von Putins Motivation bzw. faschistischen Systemen generell absolut unterscheidet, weswegen viele hier sich auch bis zum Abend vor dem Einmarsch nicht vorstellen konnten, dass Putin wirklich ernst macht, ist dass hier wohl niemand für einen Krieg wissentlich den Zusammenbruch der eigenen und/oder der Weltwirtschaft in Kauf nehmen würde. Auf russischer Seite von Putin war das aber von vornherein eingepreist, mit der Aussicht, erst mittel- bis langfristig dann vielleicht von einer mächtigeren Stellung in der Welt zu profitieren.
Ich will die Gefahr gar nicht kleinreden, dass daraus eine gefährliche Eskalationsspirale resultieren könnte, aber das Szenario, dass Putin eines Tages aufwacht und sagt „Wisst ihr was? Scheiß drauf. Wir machen jetzt das mit dem Atomkrieg.“ halte ich doch eher für unwahrscheinlich.