Das ist immer das Dilemma beim Demonstrationsrecht.
Auf der Seite der Demonstranten reicht das Spektrum von wahrhaft friedlichen Demonstranten, die sich mit Plakaten und Rufen versammeln und Forderungen aufstellen, bis zu organisierten Gruppen, die Autos in ganzen Straßenzügen anzünden, brennende Barrikaden errichten und Molotovcocktails auf Polizisten werfen. Zu allem Überfluss gibt es dann noch eine dritte Partei in dem Konflikt: Kriminelle, die das Chaos nutzen, um zu plündern (ich sage ausdrücklich, dass dies in aller Regel nicht die gleichen Leute sind, die legitim protestieren!).
Die Aufgabe des demokratischen Rechtstaates ist es nun, gleichzeitig:
a) den friedlichen Demonstranten zu ihrem Demonstrationsrecht zu verhelfen
b) den Rechtstaat (und das eigene Personal) gegen die unfriedlichen Demonstranten zu verteidigen
c) die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten, daher Plünderungen zu verhindern
Und das ist die Situation, in der sich ein Staat wie Frankreich dann befindet.
Auf der Seite der Polizei und der politischen Verantwortlichen reicht das Spektrum ebenfalls von völlig gesetzestreuen Menschen, die einfach nur diesen Clusterfuck lösen wollen, über autoritäre Hardliner, die diese Chance nutzen wollen, die Macht des Staates zu demonstrieren bis hin zu geradezu kriminellen Elementen, die das Chaos gezielt nutzen, um rassistisch motivierte Straftaten zu ermöglichen.
Das ist die komplexe Gemengelage, in der sich die Situation in Frankreich abspielt. Wir tun uns in der Debatte keinen Gefallen, wenn wir bei den Demonstranten nur den friedlichen Teil und bei der Polizei nur die Fälle übertriebener Gewaltanwendung sehen wollen und davon ausgehend Forderungen formulieren.
Es klingt immer doof und gewaltapologetisch, aber man muss schon anmerken, dass es zu keiner Gewalt gegen die Demonstranten kommen würde, wenn die Demonstrationen durchweg friedlich verlaufen würden. Aber das tun sie halt nie. Leider. Es schaukelt sich immer hoch, weil es auf beiden Seiten Menschen gibt, die ein Interesse daran haben, die Eskalationsspirale weiter zu drehen.
Natürlich ist der Staat hier in einer stärkeren Verantwortung, natürlich darf der Staat gewalttätige Demonstranten nicht als Rechtfertigung benutzen, um friedliche Demonstranten mit unangemessener Gewalt zu behandeln. Aber in der Praxis wird es immer zu solchen Fällen kommen, weil die Gemengelage eben so unübersichtlich und unbeherrschbar ist. Es ist wie gesagt ein klassisches Dilemma, für das es keine einfachen Lösungen gibt.