Hallo zusammen,
ich habe heute diesen Artikel in der taz gelesen. Ich finde es bemerkenswert, dass es in diesem Bereich bisher weder Sanktionen gibt, noch dass dieser Aspekt im öffentlichen Diskurs ausreichend beleuchtet wird.
Während einige die Rückkehr zur Kernkraft fordern, um unabhängig zu werden, bleibt das Gegenargument meist unerwähnt: Man begibt sich damit sehr wahrscheinlich erneut in eine Abhängigkeit von Russland. Die massive Abhängigkeit Frankreichs ist hier wohl auch der Hauptgrund, warum Paris Sanktionen in diesem Sektor blockiert. Soweit ich das überblicke, wäre der wirtschaftliche Schaden hier um einiges größer als beim deutschen Verzicht auf russisches Gas. Meiner Meinung nach wäre das ein Thema, das auch in der Lage einmal besprochen werden sollte.
„Ich sehe das tiefenentspannt. Warum sollte man etwas sanktionieren, das sich bereits selbst zerstört? Es ist längst bekannt, dass Atomenergie die teuerste Energieform überhaupt ist – produziert mittels einer Hochrisikotechnologie. Die ruinösen Folgen werden nicht nur Rosatom, sondern auch Frankreich zu spüren bekommen. Halten wir es also mit Konfuzius – dessen Nachfahren uns ja verlässlich mit Windkraftanlagen versorgen: Wir müssen nur lange genug am Fluss sitzen, um zuzusehen, wie die vermeintlichen Verfechter einer vernünftigen Energiepolitik als Gescheiterte an uns vorbeischwimmen.“
Naja, zurzeit ist Strom in Frankreich billiger als in Deutschland. Auf lange Sicht ist das zwar teurer, aber kurzfristig scheint es sich zu rentieren. In Frankreich herrscht bezüglich dieser Energiequelle ein breiter Konsens, und auch im Vereinigten Königreich ist das meines Wissens nach der Fall. Daher sehe ich nicht, dass diese Energiequelle politisch oder wirtschaftlich vor dem Aus steht. Auch bei der CDU gibt es viele Befürworter dieser Technologie, vor allem mit Blick auf das Argument der Energiesicherheit.
Außerdem realisiert Framatome weiterhin gemeinsame Projekte mit Rosatom (auch außerhalb Europas). Daher verstehe ich nicht, warum dies nicht verboten wird, insbesondere vor dem Hintergrund, dass viele andere wirtschaftliche Aktivitäten sanktioniert sind.
So entspannt kann man das leider nicht sehen. Auch Fehlentwicklungen können sich sehr dauerhaft verfestigen, wenn die Weichen einmal falsch gestellt wurden.
Die Kernkraftbefürworter leben zur Zeit von zwei Hoffnungswerten:
Die SMR, kleine Kernreaktoren, die in Großserie (und damit kalkulierbar und preisgünstig) gebaut werden, und
Schnelle Brüter, die den Atommüll zu kurzlebigeren Isotopen schreddern und gleichzeitig das nicht spaltbare Hauptisotop des Uran (U238) in spaltbares Plutonium umwandeln.
Eines der weiteren Argumente ist noch beunruhigender: Wir brauchen mehr Kernwaffen, um Diktatoren wie Putin glaubhaft abzuschrecken. Ohne erbrütetes Plutonium aus Leistungsreaktoren kann man die nicht bauen.
Für mich die stärksten Argumente gegen die Kernkraftnutzung sind zur Zeit folgende:
Kernkraft ist zu teuer, wenn die Betreiber für die Folgen eines Super-GAUs (wie es ihn in Fukushima gab) in unbegrenzter Höhe haften müssen. Der Heimatverlust für einige zehntausend Menschen kann Kosten zwischen 100 und 400Mrd € nach sich ziehen. In den meisten Staaten ist die Haftung der Betreiber aber auf wenige 100Mio € begrenzt. Für die weiteren Kosten sind die Geschädigten dann auf die Gnade ihres Staates angewiesen.
Kernkraftwerke stellen im Falle eines Krieges (und es kann der frömmste nicht in Frieden leben, wenn’s seinem bösen Nachbarn nicht gefällt) ein unkalkulierbares Risiko für das Betreiberland dar.
Alle anderen Probleme scheinen mir lösbar. Selbst die Endlagerung wird zwar nicht billig, aber das Kostenrisiko ist Größenordnungen kleiner, als das aus einem Super-GAU.
Da muss man meines Wissens eher fragen, für wen es sich rentiert, denn in Frankreich wird der Strom einfach wirklich massiv subventioniert, u.a. dadurch, dass der Staatskonzern EDF, der Akw baut und betreibt, hoch verschuldet ist. Hier ein Einstieg: Ende der Billigstrom-Ära: Frankreich erhöht Atomstrompreise
Nicht, dass ich etwas gegen Subvention für Strom im Vergleich zu Gas und Benzin hätte, denn das würde Antriebs- und Wärmewende echt voranbringen. Aber die Kosten für den Atomstrom trägt zu einem guten Teil der frz. Staat.
Frankreich hat da eine ziemliche Pfadabhängigkeit geschaffen. Politisch dürfte die Atomkraft nicht vor dem Aus stehen, solange atomare Bewaffnung gewollt ist. Darin liegt, denke ich, der Hauptgrund im Betrieb von Akw, ob in UK, Frankreich oder Polen (Atomeinstieg in Arbeit). Wird nur selten öffentlich so diskutiert. Mögliche Vorteile bei der Energieversorgung laufen eher als nice to have (denn so groß sind die vielleicht gar nicht, wenn man Sicherheitsrisiken und die entsprechenden Schutzmaßnahmen, Kühlung und Beschaffung von Rohstoffen genau beleuchtet).
Weil der Preis des Atomstroms staatlich geregelt ist und die Atomkraftwerke staatlich betrieben werden. Der Spin der billigen Atomkraft ist ein Märchen, auch in Frankreich
die gedeckelten Preise für Atomstrom werden ab 2026 deutlich erhöht, und zwar um 67 Prozent. […] Hintergrund der Neufestsetzung ist, dass Ende 2025 das sogenannte Arenh-System ausläuft, in dem gegelt ist, dass EDF bis zu 100 Milliarden Kilowattstunden Strom an Wettbewerber zu diesem gedeckelten Preis verkaufen muss. Künftig soll der höhere Preis für die gesamte französische AKW-Produktion gelten.
Bei einem Jahres-Stromverbrauch von 4.000 kWh in einem Einfamilienhaus (EFH) war Frankreich schon vor einem Jahr teurer als bei Neuabschlüssen in Deutschland. Da sich nun die Steuern auf die Jahresgebühr vervierfacht haben, geht die Schere nun sogar weiter auf.
Die konservative Zeitung Figaro zitiert aus dem Bericht des Rechnungshofs. Der bezweifelt, dass [das neueste Kernkraftwerk in Flamanville] rentabel arbeiten könne. So müsste der Verkaufspreis, damit der Reaktor rentabel sein kann, bei mehr als 120 Euro pro Megawattstunde liegen. Aber, wie oben aufgezeigt, ist sogar über die Erhöhung um 67 Prozent nur ein Preis von 70 Euro ab 2026 vereinbart worden. Soll also der EPR rentabel werden, muss der Strompreis noch deutlich weiter steigen.
Atomkraft war niemals auf die kommerzielle Stromerzeugung ausgelegt, sondern auf Atomwaffen. Atomstrom war, ist und bleibt unwirtschaftlich
Übersicht BR:
„Wenn ich aus einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive auf die Kosten schaue, dann ist Atomenergie mit das Teuerste, was man bauen kann“, sagt Alexander Wimmers [TU Berlin].
Sorry, aber mittlerweile muss das doch bekannt sein. Ohne staatliche Subventionen wie staatliche Preisgarantien läuft für Kernkraft nichts, gar nichts. Es würde kein einziges Kraftwerk mehr gebaut.
Um es mit Katharina Reiche zu sagen:
Kernkraft ist eine etablierte Energietechnik. Wird Zeit, dass sie lernt zu laufen und ohne staatliche Subventionen auskommt.
Danke für die Verlinkung, auch des BR Artikels. Letzterer klingt allerdings deutlich differenzierter als die Take Aways, die hier daraus in den Vordergrund gestellt werden.
Zur Fraunhofer Studie, die ist in aller Munde und wird aktuell stetig durch die Medien getrieben im Rahmen der Atom-Diskussion. Da empfiehlt es sich sich auch mal mit der Kritik daran zu befassen, da kommen bspw. die folgenden Punkte auf hstl. der getroffenen Grundannahmen der Studie auf:
Bei erneuerbaren werden Kapitalkosten von 5%, bei AKWs von 10% unterstellt, was die Zahlen erheblich beeinflusst. Damit werden politische Kosten mit einbezogen, was den Vergleich der tatsächlichen Kosten, um die es gehen soll(te), verfälscht.
Für Wind/Solar und AKWs werden Laufzeiten von gleichermaßen 40 Jahren unterstellt. Das ist blanker Irrsinn, so liegen WK Anlagen eher bei 25 Jahren und AKWs auf der anderen Seite bei 40-100 Jahren, wenn man dem neuesten Stand und Ausblick folgt. Auch hier: Enormer Einfluss auf die Zahlen.
Die Studie unterstellt den AKWs für ihr Rechenexempel das diese zu 30% genutzt werden und die anderen 70% nur rumstehen. Ebenfalls eine kuriose Annahme, da AKWs potenziell eher zu 90% ihrer Zeit genutzt werden können.
Die Studie unterschlägt die gestiegenen Systemkosten, die Wind und Solar mit sich bringen, je weiter sie ausgebaut werden (aktuell immerhin 36 Mrd. Euro p.a.)
Und nicht zuletzt gibt es ebenfalls Studien, die bescheinigen, das kein Strom in der Erzeugung so billig ist als der eines AKW, das bereits steht.
Am Ende haben die Baukosten der AKWs einen immensen Einfluss auf die Gesamtrechnung. Und hier kann man das ganze denn auch “künstlich” schlechtrechnen. Da werden dann die Projekte in Frankreich und UK als mahnendes Beispiel hochgehalten, wie irrsinnig AKW-Projekte sind. Dabei fällt unter den Tisch, dass das innovative 1st-of-a-kind-Projekte sind, die nicht grundlegend für die Technologie insgesamt herangezogen werden können. Auf der anderen Seite bauen China und Südkorea AKWs praktisch in Serienfertigung binnen 5-7 Jahren, zu signifikant geringeren Kosten als wir im Westen. Eine interessante Anekdote dazu ist dann auch, dass Südkorea bspw. 4 AKWs für die UAE gebaut hat, obwohl die UAE geografisch doch prädistiniert für Solar sind. Solar haben sie natürlich ebenfalls, aber aus irgendeinem Grund sind sie zu dem Schluss gelangt das AKWs ein sinnvoller Bestandteil des Gesamtsystems sind.
Und abschließend noch ein interessanter Fakt, der auf den Beitrag von Frau Reiche zurückgeht: da wurde der Punkt schwer diskutiert das wir bis heute, trotz des ganzen Ausbaus, erst 20% der Primärenergie durch Erneuerbare decken und das dies ein falsches Bild bzgl. des Weges vermittelt, der noch vor uns liegt, aufgrund höherer Effizienzen. Dazu aber ein anderer Fakt aus anderer Perspektive: der Beitrag der Erneuerbaren ist trotz eines massiven Ausbaus innerhalb der letzten 10 Jahre gleich geblieben. How come?
Das weiß ich ja eben nicht und Vermutungen stelle ich nicht gerne an. Darum bin ich ja hier und stelle die Frage. Nicht um eine Meinung loszuwerden, sondern durch den Diskurs meinen Horizont zu erweitern. Das sollte (meiner Meinung nach - no pun intended) Sinn eines Forums sein.
Je nach Energieform liegen die gewichteten Kapitalkosten (WACC) bei Erneuerbaren zwischen 5,0 % (PV) und 7,9 % (Wind Offshore). Für Kernkraft werden 9,6 % angenommen. Das liegt aber nur zu einem kleinen Teil an den höheren Zinsen für das Fremdkapital, sondern an der höheren erwarteten Eigenkapitalrendite (12 % bei Kernkraft, 5 % bis 6,5 % bei PV, 10 % bei Wind Offshore). Ich sehe aber nicht, was die erwartete EK-Rendite mit politischen Kosten zu tun haben soll.
Im Gegenzug werden übrigens die Kosten der Endlagerung explizit nicht berücksichtigt, da diese externalisiert durch die Gesellschaft getragen werden.
Das ist falsch. Für Wind werden 25 Jahre angesetzt, für PV 30 Jahre und für Kernkraft 45 Jahre. Kann man im Detail sicherlich drüber streiten, aber im Groben kommt das schon hin. Würde mich mal interessieren aus welcher Quelle diese Falschbehauptung kommt?
Auch das ist in dieser Pauschalität falsch. Die Annahmen liegen zwischen 2.000 h/a (~ 23 %) für eine niedrige Auslastung in den Jahren 2035/2045 und 6.300 h/a (72 %) für eine hohe Auslastung im Jahr 2024. Vor dem Hintergrund zunehmender Phasen mit negativen Börsenstrompreisen ist es vermutlich nachvollziehbar, dass KKWs nicht ihr volles Leistungspotenzial ausschöpfen würden. Ob man dies als Problem der KKWs oder der erneuerbaren betrachtet ist wohl subjektiv, allerdings wäre es ökonomisch definitiv ein Problem der KKWs.
Dem stimme ich soweit zu, dass die Kosten nicht berücksichtigt werden. Die Thematik wird aber zumindest kurz angesprochen (S. 19), also nicht komplett unterschlagen.
Quelle?
Ich stelle die Gegenthese auf, dass kein Strom so billig ist, wie aus einer PV-Anlage die bereits steht.
Trotz dessen sehe ich den vorgezogenen Atomausstieg als Fehler an. Man hätte die KKWs bis zum Ende ihrer geplanten Laufzeiten betreiben und stattdessen die fossilen Kraftwerke vom Netz nehmen können. Finde ich traurig, ist aber nun nicht mehr zu ändern. Und der Wiedereinstieg in die Kernkraft ist in Deutschland sowohl ökonomisch, als auch politisch schlicht nicht darstellbar.
Mein Gott, sollen die in Deutschland eins bauen. Wie Frau Reiche gesagt hat, Solar ist den Kinderschuhen entwachsen, jetzt muss diese Form der Energieerzeugung nicht subventioniert werden.
Für AKW dürfte dies schon länger gelten.
Also, ein Kraftwerk, nichts staatlich übernommen (Bau, Betrieb, Versicherung, Abfall) und los geht’s. Es wird keinen Hersteller dafür geben. So einfach ist das.
Aber nur, wenn wir dann auch AKWs nicht subventionieren. D.h., die Betreiber für AKWs müssen für die Schäden im Fall von Unfällen aufkommen (oder sich versichern), einen Standort für die Endlagerung im Inland finden und auf eigene Kosten betreiben. Wenn wir dann einen Betreiber finden, der das noch machen will und das zu wettbewerbsfähigen Strompreisen hinbekommt, dann: Meinetwegen.
Naja, 40 Jahre sind bei Solar mindestens gegeben. Modulhersteller geben teilweise schon eine 40 Jahre Leistungsgarantie. Und viele Projektierer von Windkraftanlagen nehmen bei ihrer Wirtschaftlichkeitsberechnung eine 35-jährige Laufzeit an.
Wegen der Abfindung späterer Gewinne haben die Jahre ab 30 dabei eine geringe Auswirkung auf die Wirtschaftlichkeit. Von daher ist deine Kritik in diesem Punkt sehr zu relativieren.
Grüße von jemanden aus der Branche, der selber regelmäßig die Wirtschaftlichkeit von den Projekten bewertet.