Ich möchte auch mal meinen Senf dazu geben, da ich momentan in Vorpommern die gleichen Erfahrungen wie @Philipp_K in Sachsen mache. Auch ich beobachte hier eine verbreitete Impfskepsis, übrigens auch bei (teilweise ehemaligem) medizinischen Personal. Und ich beobachte auch, wie der Versuch, die eigene Position mit wissenschaftlichen Argumenten zu untermauern, immer wieder abprallt.
Wir, die wir hier in diesem Forum mitlesen und Podcasts hören, haben eine grundsätzliche Vorstellung davon, wie Wissenschaft funktioniert, wie wissenschaftliche Erkenntnisse zustande kommen und wo man belastbare Informationen findet. Wir bewegen uns damit aber auch in unserer Blase. Diese Position ist nicht selbstverständlich.
Viele Menschen haben solche Erfahrungen nicht gemacht. Als Wissenschaft wird das wahrgenommen, was in zwei Sätzen in der Zeitung oder Fernsehen gesagt wird. Wissenschaft ist das, was mal bestimmte Nahrung als gesund, dann krebserregend und dann wieder doch nicht so schlimm deklariert. Wissenschaft ist das was Masken erst für schädlich dann für notwendig erklärt. Wissenschaft ist das was alle paar Monate eine neue zweite Erde findet. Und im politischen Diskurs wird ja doch immer nur der Wissenschaftler zitiert der die eigene Position stärkt. Für viele Menschen sind wissenschaftliche Fakten nicht von Meinungen einzelner Wissenschaftler unterscheidbar. Wenn dann auch noch in der Talk Show der eine so sagt und der andere was anderes, dann kann man ja gar nichts mehr glauben. Um es nochmal klarzustellen: Ich versuche hier, das (Nicht-)Verständnis vieler Menschen darzustellen.
Und unser Bildungssystem war da in der Vergangenheit keine Hilfe. Man konnte sehr gut glänzen, wenn man nur den Lehrbuchinhalt und die Aussagen der Lehrkraft möglichst präzise rezitiert hat. Da war es dann auch egal, ob da Fakten oder eine Bewertung der Fakten stand. Der Unterschied zwischen Fakt und Meinung ist für viele Menschen nicht so leicht erkennbar, wie es manchem Mitforisten hier erscheinen möchte. Wie wissenschaftliches Arbeiten funktioniert, lernen die wenigsten in der Schule. Dafür ist es schick, beispielsweise mit Unkenntnis der Mathematik zu kokettieren. Und Politiker gefallen sich auch noch in der Rolle des Ahnungslosen. Das aktuelle Beispiel von NRW-Gesundheitsminister Laumann wurde hier schon angesprochen.
In den Augen dieser Menschen ist ein Glaubensbekenntnis an die Wissenschaft nicht unterscheidbar vom Glauben an Homöopathie, Esoterik, Religion, ewiges Wirtschaftswachstum, die schwarze Null oder dass man nur das Internet lückenlos überwachen muss damit alles wieder so ist wie früher. Übrigens fällt uns jetzt auf die Füße, dass Homöopathie und Schulmedizin in der allgemeinen Öffentlichkeit quasi als gleichwertig betrachtet werden.
Man braucht auch nicht mit Argumenten wie Milliarden von Impfdosen in unterschiedlichsten Ländern zu kommen. Das ist nur eine abstrakte, kaum vorstellbare Zahl. Die anderen Länder sind weit weg. Auch hier teile ich die Beobachtung von @Philipp_K: Die Maßnahmen werden nach den unmittelbaren Auswirkungen in der unmittelbaren Umgebung beurteilt. Da haben die teils widersprüchlichen Regelungen viel Vertrauen verspielt.
Und noch eine Anmerkung hierzu:
Dieses Land ist nunmal zutiefst konservativ. Angela Merkel und nun Merkel 2.0 aka Olaf Scholz wurden ja immer wieder gewählt, weil ihr Versprechen war, dass sich nichts verändern würde. Die Menschen wollen keine Veränderung. Sie sträuben sich dagegen. Und auf Veränderungen ablehnend zu reagieren, ist mindesten genauso gesellschaftlich anerkannt wie Unkenntnis in wissenschaftlichen Belangen.
Daher möchte ich mich auch dem Fazit von @Philipp_K anschließen. Für einen Umbau des Bildungssystems oder die Ächtung von Homöopathie ist es zu spät. Aber vielleicht lässt sich bessere Kommunikation noch etwas verändern. Was nicht hilft ist: „Jetzt schau dir die Zahlen an und dann reiß dich mal zusammen!“