Hier ein ganz interessanter Spiegel-Artikel, der sich mit der Frage beschäftigt warum psychische Auswirkungen der Pandemie und ihrer Gegenmaßnahmen erst so spät in den Blick gerieten. Dafür nutzt er im Grunde RKI-Mitarbeiter, die Protokolle des Corona Krisenstabs des RKI und Insider wie Hajo Zeeb, Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen und Beiratsmitglied der Abteilung 2 (Fachbereich Psychische und körperliche Gesundheit) am RKI.
Im Artikel wird herausgearbeitet, dass psychische Fragestellungen tatsächlich anfangs deutlich unterrepräsentiert waren. So seien Mitglieder der Abteilung 2 im ersten Pandemiejahr nur sporadisch zum Krisenstab eingeladen gewesen. Mitglieder des Fachbereichs Infektionsepidemiologie dagegen oft mit 7 oder 8 Personen.
Zwar hätte es vereinzelt dennoch Berichte im Krisenstab zu psychosozialen Themen gegeben, aber da die Politik die Informationen kaum nachgefragt hätte, sei das folgenlos geblieben.
Die Krankheit ab August 2020 und der spätere Tod des Abteilungsleiters des Fachbereichs 2 hätte den Bereich darüber hinaus innerhalb des RKI geschwächt. Unter kommisarischer Leitung hätte der Abteilung das starke Standing innerhalb des RKI gefehlt, berichtet ein RKI Mitarbeiter, der während der Pandemie in leitender Position gearbeitet hätte, aber anonym bleiben möchte.
Stattdessen hat man laut Bericht Mitarbeiter aus dem Bereich abgezogen um andere Fachbereiche und die Pressearbeit zu unterstützen.
Und grundsätzlich seien auch die Daten ein Problem gewesen. Zu psychosozialen Problemen gab es keine vernünftige Datenerhebung. Als man die Cosmo-Studie begann hätte man übersehen Fragen zur psychischen Gesundheit einzubauen. Erst auf Anregung der WHO hätte man hier nachgebessert. Mittlerweile baue man aber ein regelmäßiges Panel aus 40.000 Personen auf, die dann gesundheitlich monitored würden.
Der Bundesgesundheitsminister hat derweil aus dem Desaster um die fehlende Wertschätzung der psychosozialen Folgen Konsequenzen gezogen. Doch statt den Fachbereich 2 innerhalb des RKI gegenüber den anderen zu stärken, gliedert er ihn einfach in ein neues Institut, das Bipam, aus. Dieses soll sich eigentlich mit der Prävention von Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Leiden, Krebs oder Adipositas beschäftigen.
Die Lehre aus dem Desaster scheint nicht mehr Zusammenarbeit zwischen Epidemiologie und Psychologie, sondern eher weniger. Well done Herr Lauterbach.