Corona Warn-App Kosten

Hallo zusammen.

ein Thema zur App, was auch allgemein medial leider viel zu geringe Beachtung bekommen hat, sind die ausufernden Kosten dieser App. Ohne den Sinn der App in Frage zu stellen muss man auch darüber diskutieren:

"[…]Demnach entfallen auf den Softwarekonzern SAP rund 9,5 Millionen Euro für die App-Entwicklung, zuzüglich Umsatzsteuer, plus zwei Millionen für die Wartung der Software in den Jahren 2020 und 2021.[…] "

Ich bin selbst Software-Entwickler und kann auch einschätzen welche Kosten so anfallen bzw. wie solche Projekte meistens abgerechnet werden und ich habe mir auch den Code angeschaut.

Bei 9,5 Millionen (!) nur für die Entwicklung der App (!) fallen mir die Augen aus dem Kopf. Ich frage mich wie sich das zusammensetzt.

Technologie/Code:
Das Backend ist purer Java Code (Spring Boot), nix kompliziertes dabei. Sehr minimalistisch und verständlich gehalten. Die App(s) an sich sind, meiner Meinung nach, auch kein Hexenwerk. Technologisch native IOS bzw. Android Apps. Die Bluetooth-Schnittstellen kommen von Apple und Google und werden lediglich angezapft. Damit hat SAP nichts zu tun. Ich denke jedes einigermaßen gescheite IT Unternehmen hätte das auch hinbekommen. Der Tracing Prozess an sich ist natürlich nicht ganz so trivial. Ich habe anfangs gedacht, dass die Betriebskosten am meisten veranschlagen und nicht die Entwicklung an sich.

Normale IT-Projekte Kosten:
Ich kenne die Abrechnung der Entwicklungskosten, auch aus größeren Projekten, so:

Firma XY stellt ein Team zur Entwicklung. Die Abbrechnung erfolgt in dem aller meisten Fällen auf Basis von Tagessätzen, D.h. pro Personen-Tag. Bspw. 10 Entwickler, 1000 Euro pro PersonenTag(PT), pro Entwickler. Erstmal unabhängig vom Projektzweck. Man rechnet so ca. 212 PT pro Mitarbeiter in einem Jahr(!). Das macht dann für 10 Entwickler, pro PJ, ca 2 Millionen Euro (Tagessatz 1000 Euro). Die Entwicklung hat jetzt bis zum ersten Release maximal 3 Monate gedauert und dafür sollen schon 9,5 Millionen geflossen sein. Wartung wird ja extra abgerechnet.

Der Tagessatz hängt, hauptsächlich vom Know-How der Entwickler ab. Ein Senior ist teurer ein Junior-Entwickler etc. Die eingesetzten Technologien kommen natürlich auch noch dazu. Brauche ich einen COBOL-Entwickler, kann dieser natürlich höhere Tagessätze erzielen als ein Java-Entwickler, die man viel häufiger findet. Es gilt natürlich wie überall, wenn die Konkurenz höher ist, kann man natürlich die Preise drücken. SAP Experten/Berater haben normalerweise recht hohe Tagessätze (2000+ pro PT), wir reden hier aber von SAP Produkten, nicht von Standard App Entwicklung.

Ich sehe natürlich auch den ernomen Druck diese App möglichst schnell auf den Markt zu bringen.

Wenn ich alle Argumente zusammen nehme, finde ich keine Rechtfertigung für 9,5 Millionen Euro. Darüber sollte man zumindest mal diskutieren. Normalerweise gibt es für solche öffentlichen Projekte auch Ausschreibungsverfahren. Meines Wissens ist bei behördlichen Projekten immer zu 50% der Preis ausschlaggebend. Das wurde jetzt, begründet durch die Pandemie, natürlich alles ausser Kraft gesetzt, trotzdem halte ich den Preis für ziemlich überzogen. Ich denke damit wird sich auch, spätestens nächstes Jahr, der Bundesrechnungshof auseinandersetzen. Vielleicht kann mir aber noch jemand Argumente liefern was die Kosten rechtfertigt.

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Ich leider nicht. In den knapp 20 Jahren, in denen meine kleine Firma mit 5 Leuten individuelle Softwarelösungen entwickelt hat, habe ich ein Dutzend öffentliche Projekte miterlebt, bei denen Phantasiepreise für höchstens mittelmäßige Lösungen ausgegeben wurden. Wir haben ab und zu geschätzt, wieviel Zeit wir dafür gebraucht hätten und wieviele zusätzliche Jahre unser Unternehmen dann voll durchfinanziert hätte CounterStrike oder WoW spielen können.

Bei allem Respekt vor SAP und Telekom für die zügige und offenbar von Anfang an funktionale Lösung für App und Backend: Selbstverständlich muss das anständig bezahlt werden und auch einen Risikoaufschlag für die öffentliche Exponierung der Unternehmen finde ich vertretbar. Aber wie von dir genannt: Ein Tagessatz von 1.000 € für einen Entwickler ist realistisch, ermöglicht ein wirklich anständiges Gehalt und einen guten Unternehmerlohn. Auch deine 212 PT/a sind sehr realistisch.

Dass 4-5 Entwickler ein Jahr Vollzeit für die Wartung der App anzusetzen sind, halte ich für sehr zweifelhaft. Ich denke, da wurde genommen „was geht“ und den Entscheidern müssen 2 Mio. angesichts der Beträge, die sonst so für solche Projekte verbrannt werden (s.o.) wie ein Schnäppchen vorgekommen sein.

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