CO2-Zertifikatehandel

Hallo liebes Lage-Team,

ich habe den Artikel ‚Grün getarnt‘ aus der aktuellen Zeit (04/2023) gelesen. Auch wenn ich mir vorher bewusst war, dass ein solches System Schwachstellen haben wird, war dieser Artikel doch sehr ernüchternd.

Wie die gemeinsamen Recherchen der ZEIT, der britischen Tageszeitung The Guardian und des britischen Reporterpools SourceMaterial zeigen, wurden über Jahre offenbar Millionen CO₂-Zertifikate verkauft, die es nicht hätte geben dürfen. Die Recherchen legen nahe, dass zahlreiche Waldschutzprojekte ihre Kompensation um ein Vielfaches überbewerten, weil die Regeln des wichtigsten Zertifizierers auf dem Markt das zulassen – und die Aufsicht versagt.

Vielleicht wäre das Thema ‚Zertifikatehandel auch mal einen Block, ein Experteninterview oder gar eine Sonderausgabe wert. Es wird in vielen Diskussionen als wesentliches Steuerungselement angebracht - der Artikel zeichnet allerdings ein sehr ernüchterndes Bild über die Funktionsfähigkeit.

Grüße
Tobias

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Hier gerät massiv etwas durcheinander!

Es gibt zwei komplett verschiedene, voneinander unabhängige Sachverhalte:

  1. Verpflichtender internationaler Zertifikathandel als Steuerinstrument
    Hier geht es darum, dass die EU sich z.B. darauf einigt, dass nur eine bestimmte Menge an CO2 ausgestoßen werden darf und dafür Zertifikate ausgegeben werden oder gekauft werden können. Wenn also eine Einigung ist, dass nur 100 Einheiten CO2 ausgestoßen werden dürfen, werden nur 100 Zertifikate ausgegeben. Der Wert dieser Zertifikate ändert sich je nach Angebot und Nachfrage, aber da nur CO2 ausstoßen darf, wer über das Zertifikat verfügt, wird der CO2-Ausstoß faktisch begrenzt. Das ist ein wünschenswerter und auch relativ gut funktionierender Mechanismus.

  2. Freiwillige Zertifikate als „Kompensationsmaßnahme“ für Unternehmen und Privatpersonen
    Bei diesen Zertifikaten geht es einfach nur darum, dass Unternehmen und Privatpersonen ihren CO2-Ausstoß ausgleichen wollen, indem sie Unternehmen oder andere Initiativen dafür bezahlen, an anderer Stelle CO2 einzusparen - Privatpersonen tun das für ihr Gewissen, Unternehmen i.d.R. aus Marketinggründen (damit sie dann z.B. „Wir produzieren CO2-Neutral“ auf ihre Verpackungen drucken können). Quasi ein moderner Ablasshandel. Wie gut das funktioniert hängt natürlich davon ab, wie gut diese Zertifikate auch kontrolliert werden - und da diese Zertifikate im Gegensatz zum Internationalen Zertifikatshandel nicht von Staaten unabhängig kontrolliert werden, wird da natürlich sehr viel Unsinn verzapft.

Beide Systeme sind völlig voneinander unabhängig und dürfen auf gar keinen Fall durcheinander gebracht werden. Leider ist das regelmäßig der Fall. Die Recherche von Zeit und co. hat sich mit dem Thema der Kompensationszertifikate beschäftigt, nicht mit dem Thema staatlich koordinierter Internationaler Zertifikathandel.

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Stimmt, da bin ich völlig bei dir.

Dennoch finde ich es wichtig, sich vor Augen zu führen, dass dieses greenwashing, dass mit freiwilliger Kompensation bei Flügen usw. stattfindet, nicht nur moralisch fragwürdig ist, sondern mangels Kontrolle eben auch betrugsanfällig.

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Absolut, da haben wir keinerlei Dissens.

Beim Threadersteller geraten halt nur die beiden Arten der Zertifikate durcheinander, da er die Recherche über die Kompensationszertifikate damit begründet, dass diese in „vielen Diskussionen als wesentliches Steuerungselement“ genannt würden.

Die beiden Themen werden leider auch in den Medien nicht hinreichend auseinandergehalten und ich gehe davon aus, dass ein Großteil der Bürger hier auch eher Unsicher ist. Daher würde ich mir fast wünschen, das noch Mal in den Fokus zu rücken.

Letztlich würde ich mir wünschen, dass man die Kompensationsteile einfach nicht „Zertifikate“ nennen würden, um eine klarere thematische Trennung zu erreichen. Aber natürlich werden die Kompensationsmaßnahmen (z.B. Erhalt eines Stückes Wald) „zertifiziert“, wodurch dieser Ausdruck immer wieder zurück kommt.

Und dass diese Kompensationsanbieter mehr als fragwürdig sind… naja, diese Recherche hat es uns noch einmal vor Augen geführt, aber die Bezeichnung „CO2-Ablasshandel“ hatte das Ganze ja auch vorher schon, kritisiert wurde es auch vorher schon aus vielen Richtungen…

Mich würden hier auch politische Aspekte interessieren. Man hat doch gesehen, wie im Zuge der Ukraine-Krise schnell Gewissheiten keine Gewissheiten mehr waren und Kohle-Verstromung sowie Gas-Einkauf bei (anderen) autoritären Regimes als in Kauf zu nehmendes Übel wahrgenommen wurden. Niemand möchte die Wirtschaft lahmlegen oder die Menschen frieren lassen.

Nehmen wir einmal ein, eine Umwelt-Stiftung (oder ein konkurrierender Staat) würde einfach alle CO2 Zertifikate vom Markt weg-kaufen und Unternehmen der EU dürften kein CO2 mehr in Atmosphäre entlassen. Der Aufschrei wäre groß (Arbeitsplätze! Kalt im Winter!). Oder nehmen wir an, irgendwann sind die letzten Zertifikate verkauft und es kommen keine neuen mehr auf den Markt, eine Verknappung ist ja schliesslich der Punkt. Würde die Politik wirklich die Zertifikate umsetzen wenn der Leidensdruck sehr groß ist oder gäbe es ganz schnell Ausnahmen und Sondergenehmigungen? Käme es unter Umständen nicht zu politischen Protestbewegungen und Regimewechsel, wenn die Kosten zu hoch werden? Ich denke solange die Emissionszertifikate verkraftbar sind, sind sie auch umsetzbar, aber am Ende der Verteilung?

Das Funktionsprinzip, die Limits und Chancen sowie die Bedeutung des ETS für die Erreichung der Klimaziele wären m.E. ein sehr gutes Thema für eine der nächsten Lage-Folgen.

Insbesondere nach der Folge zur Kohle unter Lützerath und ihres Einflusses auf den Zertifikatspreis, sind doch einige Fragezeichen übrig geblieben. Es gab den Wasserbett-Effekt früherer ETS-Phasen, der jetzt mittels Stabilitätsreserve durch einen Badewannen-Effekt ersetzt wurde. Und was nun insgesamt die Auswirkungen eines „Kohle-Limits“ auf den ETS angeht, gibt es widersprüchliche Aussagen, von Felix Matthes und Claudia Kemfert. Letzteres führt zum einen zu viel Verwirrung – zum anderen zu der vermehrt geäußerten These, hier im Forum, dass ja ein Ausbau erneuerbarer Energien nichts bringe, weil sie Emissionen nur verschieben, aber nicht reduzieren würden. Solche Mythen sollten dringend mal z.B. mit einem Experteninterview (Ottmar Edenhofer o.ä.) aufgeklärt werden.

Hier nur mal die jüngsten Diskussions-Threads dazu hier im Forum:

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Danke für den Vorschlag, MarkusS! Ich würde mich auch über eine nähere Beleuchtung in der Lage, idealerweise mit einem anerkannten Experten, freuen. Insbesondere die Funktionsweise und Wirksamkeit der Stabilitätsreserve ist für mich nicht klar.

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