Hallo an alle Vorredner,
hier sind schon viele gute Punkte erwähnt worden, die Ulf und Philipp hoffentlich nochmal klar stellen. Denn in der Summe erreicht ihr Podcast bestimmt eine Menge Hörer*innen, die sich nicht ganz so tief in die Materie eingearbeitet haben.
Das Thema netto wird schon sehr lange kontrovers diskutiert. Ursprünglich war es ein Lobby-Trick der fossilen Industrie, inzwischen leider traurige Realität. Fast kein Szenario des IPCC kommt auf 1,5°-2°C, ohne eine Form der Kohlenstoffspeicherung. Es gibt hier auch, teilweise dramatische, Aufrufe von Wissenschaftlern. Letzten Endes zockt man hier mit den Lebensgrundlagen von uns allen. Im besten Fall geht die Rechnung gerade so auf (zumindest kurzzeitig), im schlimmsten Fall werden die geplanten Ziele nicht erreicht, mit den bekannten Folgen.
Aufforstung, was hier von Philipp und Ulf erwähnt wird, ist sicherlich eine Möglichkeit, allerdings stellen sich hier eine Reihe von Problemen, die hier im Forum auch schon richtig erwähnt worden sind.
Was mir, neben der zeitlichen Auflösung der Reduktion noch fehlt, ist die Überprüfbarkeit von tatsächlich realisierten Reduktionen. Hier kann ich auch einen Artikel empfehlen, wie das teilweise in der Realität gehandhabt wird: ZEIT ONLINE | Lesen Sie zeit.de mit Werbung oder im PUR-Abo. Sie haben die Wahl.
Zudem kommt es, wie bei versch. Anrechnungsmechanismen im EU-ETS immer wieder zu Mehrfachanwendungen, Schummeleien und Mitnahmeeffekten.
Die Technologie, auf die sich in den meisten Energiesystemmodellen bezogen wird, um Emissionen zu reduzieren, ist BECCS, bioenergy with carbon capture and storage. Diese Technologie ist, zusammen mit DACCS, Direct Air Capture with Carbon Storage, die einzige Technologie außer der Aufforstung, die tatsächlich in derLage sein wird, in relevanten Mengen tatsächlich auch sog. negative Emissionen zu erzeugen.
Das Problem mit DACCS ist letztlich der hohe Energieverbrauch und die hohen Kosten. Die Energie muss natürlich aus Erneuerbaren Energien kommen, aber gerade für Energiesystemmodelle ist das nicht sonderlich attraktiv. In der Realität werden in Zukunft wahrscheinlich Anlagen gebaut werden, da wir die anvisierten Ziele massiv überschießen werden.
BECCS ist zwar potentiell attraktiv, aber bringt massive Probleme mit der Landnutzung mit sich. Manche Studien bescheinigen der Aufforstung deswegen eine bessere Klimawirkung.
BECCS wird in vielen, vielen Studien spätestens ab 2035 eingesetzt, ist aber bisher noch technisch nicht ausgereift. Das macht mir erhebliche Sorgen, da man damit den wirklich wichtigen Punkt, die Reduzierung von Emissionen, unterschätzt.
Aus meiner Sicht sieht es wie folgt aus. Man ist dem Konzept der negativen Emissionen so lange auf den Leim gegangen und hat mit ernsthaften Maßnahmen so lange gewartet, das man eigentlich nicht mehr ohne auskommt. Dabei stehen die Chancen, dass diese Technologien wirklich ein Game Changer sind, wirklich schlecht.
Das ist umso trauriger, da wir im Moment in vielen Bereichen echte technologische Durchbrüche in vielen Bereichen sehen, in denen vor 10 Jahren noch nicht viel Hoffnung bestand: E-Mobilität, Wärmepumpen, PV und Wind auf dem Vormarsch. Wenn man jetzt mutig handeln würde, könnte es noch möglich sein, die Ziele ohne negative Emissionen zu erreichen. Aber in 10 Jahren definitiv nicht mehr.