Das sollte man nicht überbewerten - ja, der Trend in der CDU war im Rahmen der großen Koalition natürlich eher in Richtung Sozialdemokratie, ebenso wie die SPD sich in der großen Koalition natürlich ein Stück weit in Richtung der CDU bewegt hat. Das ist halt das Resultat von 12 Jahren „Großer Koalition“.
Aber solche Entwicklungen innerhalb von Parteien erfolgen i.d.R. in Wellen. Daher: Gerade weil die CDU in der langen Zeit mit der SPD etwas nach Links gerückt ist, haben sich Organisationen wie die „Werteunion“ gebildet, die versuchen, die CDU wieder deutlich nach Rechts zu rücken.
Letztlich gibt es in einer Partei immer zwei Möglichkeiten, wie auf eine Richtungsverschiebung reagiert wird: Parteiaustritt (Erika Steinbach, Gründung der REPs aus der CSU heraus…) oder ein verschärfter Kampf um die Richtung innerhalb der Partei (wie z.B. bei der „Werteunion“).
Die Gefahr, dass eine „Korrektur“ des Linksrutsches in der CDU dazu führt, dass die CDU danach weiter Rechts steht als vor Beginn der Großen Koalition, ist jedenfalls ein absolut denkbares Szenario - und wegen des Status der CDU als „Volkspartei“ eine beträchtliche Gefahr für die Demokratie.
Das Problem ist, dass jede Partei für sich in Anspruch nimmt, für „das Volk“ bzw. „eine Mehrheit im Volk“ zu kämpfen. Das gilt für Sozialisten, aus deren Sicht die Mehrheit des Volkes halt die Arbeiter sind, das gilt für Nationalisten wie die AfD oder NPD, die meinen, sie würden für eine „schweigende Mehrheit“ stehen, das gilt für die CDU ebenso wie für die SPD und die Grünen. Selbst die FDP, die von allen Parteien im Bundestag die krasseste Klientel-Partei ist, nimmt für sich in Anspruch, eine Mehrheit der Bürger zu vertreten.
Jeder will „Mitte“ sein. Kaum eine Partei verortet sich selbst an den politischen Rand.
Genau deshalb sind diese Selbstbezeichnungen, vor allem von CDU und FDP, als „bürgerliche Mitte“ oder schlicht „Die Mitte“, einfach völlig daneben.
Inwiefern das Schema von „Rechts, Links, Mitte“ sinnvoll ist, ist dabei natürlich eine weitere Frage. Häufig stellt man in Diskussionen fest, dass verschiedene Diskussionspartner gänzlich andere Definitionen von Rechts und Links haben. Historisch z.B. heißt rechts „den Status Quo wahrend“ und links „den Status Quo ändern wollend“. Demnach war die NSDAP vor der Machtergreifung Links - und danach Rechts. Ebenso wie demnach die Bolschewiki nach der Gründung der Sowjetunion klar Rechts waren. Diese Definition ist natürlich nur für eine konkrete Zustandsbeschreibung sinnvoll, aber nicht für eine Diskussion über Ideale und Ideologien von Parteien.
Im allgemeinen Sprachgebrauch verwenden wir in der Regel links für „progressiv“ und rechts für „konservativ“ bis „regressiv“. Aber was „progressiv“ ist, darüber kann man natürlich auch streiten. Eine sozialistische Diktatur z.B. hat sowohl starke progressive Elemente in der Sozialpolitik, aber stark regressive Elemente im Hinblick auf das Verhältnis von Staat zu Bürger. Daher stimme ich Ihnen insoweit zu, dass „rechts, links, mitte“ problematisch ist, weil selten jeder Diskussionsteilnehmer das Gleiche unter diesen Begriffen versteht.
Die Frage ist aber: Was sind bessere Bezeichnungen, ohne zu sehr auf die Mikro-Ebene zu gehen?