Cancel culture LdN

Kleinere Anmerkung: Das Mundtot machen von Frauen und Minderheiten passiert auch durch reichweitenstarke Socialmedia-Accounts von vorwiegend Männern, die Widerspruch mit DrüKo ihrer Followerschaft zum Frass vorwerfen. Ich finde das Problem durchaus relevant, aber weiß nicht wie man damit umgehen soll. Follower = Macht => Verantwortung

Ich finde, die Straßenumbenennungen haben ein ganz anderes Gewicht, als diese Gedicht-Debatte. Es gibt ja ein großes Missverhältnis was die Benennung von Straßennamen angeht (habe glaube ich in einer Grafik der Zeit gesehen, dass nur zwei Straßen in Deutschland nach schwarzen Personen benannt sind während viele Straßen noch nach Rassisten mit Kolonial-Bezug benannt sind) und die Ressource „Straße, die benannt werden könnte“ ist nur begrenzt vorhanden, so dass man da ohnehin mal Namen auswechseln muss, wenn man anderen Leuten auf diese Weise Sichtbarkeit verschaffen möchte. Hässliche Brandmauern, die man mit Gedichten verschönern könnte, gibt es aber mehr als genug, so dass es nicht erforderlich ist, ein Gedicht, das aus der Perspektive männlicher Heterosexualität geschrieben ist, zu entfernen um anderen Perspektiven Raum zu geben.

Zudem halte ich es nicht für sinnvoll, das Avenidas-Gedicht als „sprachliche Diskriminierung“ zu framen. Für mich ist es ein Ausdruck eines männlich-heterosexuellen Blicks auf die Welt, der gute und schlechte Seiten hat und den manche mögen und manche nicht und mit dem sich manche mehr und manche weniger identifizieren können.

Und ich finde es tatsächlich traurig, wenn marginalisierte Menschen auf diese Art auf ein Gedicht reagieren. Wenn Menschen sich zu sehr über die eigene Marginalisiertheit definieren, besteht die Gefahr, dass diese Geisteshaltung der Überwindung ihrer Marginalisierung entgegen steht. Zwar ist „fake it till you make it“ wesentlich leichter, wenn man ein halbwegs wohlhabender heterosexueller weißer Mann ist, aber ein bisschen was ist da schon dran. Wenn frau durchsetzt, dass ein von ihr som wahrgenommenes diskriminierendes Gedicht (wobei frau da die Definition von Diskriminierung schon sehr weit fassen muss) entfernt wird, hat sie vor allem durchgesetzt, dass sie erneut als Objekt und Opfer einer Diskriminierung wahrgenommen wird. Über Gedichte von Frauen* ist damit noch kein einziges Wort gesagt.

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Hallo liebes LdN-Team und liebe Hörer,

ich möchte gern meine Gedanken zu dem bereits mehrfach erwähnten Beispiel aus „The Daily“, dem Konflikt zwischen einer weißen Frau und einem farbigen Mann, niederschreiben.

Um die nächsten Zeilen besser beurteilen zu können sei angemerkt, dass ich ein Student, kurz vor den 30. Lebensjahr bin und das zur Thematik genannte „Tat-Video“ nicht gesehen habe, die Situation also rein aus den Schilderungen der LdN-201 kenne.

Zunächst möchte ich nicht weiter auf das benannte Video, aus dem zuvor beschriebenen Grund, eingehen. Sehr wohl möchte ich mich aber zu den Folgen dessen, sowie auch zu, meiner Meinung nach, möglichen weiteren Folgen äußern.

Die Folge des öffentlichen Aufschreies war, dass die am Konflikt beteiligte Frau von Ihrem Arbeitgeber entlassen wurde. Ich persönlich fühle mich mit der Entwicklung und auch der Entscheidung des Arbeitgebers nicht wohl. Die Fragen, die ich mir stelle, sind, was will man damit erreichen und was ist die weitere Folge der Kündigung?

Im Optimalfall wird diese Frau, wie bereits in anderen Beiträgen genannt, ein Sabbatical einlegen. Sie wird sich in dieser Zeit selbstreflektieren und zur Einsicht kommen, wie falsch Ihr verhalten war. Während dessen wird sich die Öffentlichkeit beruhigen und Sie wird anschließend einen neuen Arbeitgeber finden. Ist das realistisch?

Ein anderer Fall wäre, dass die Frau sich schlicht unrecht behandelt fühlt, aufgrund eines einzelnen Fehlers. Sie findet nicht so schnell wieder eine neue Tätigkeit, möchte sich wegen der vergangenen Angriffe oder weiteren nicht mehr an öffentlichen Diskursen beteiligen. Sie wird zu einer Ausgestoßenen, einer Person, die von rechten Gruppen gerne aufgenommen wird, da diese Sie nicht nur nicht verurteilen, sondern in Ihren Gedanken bestärken. Ist das realistisch?

Unbeantwortet dessen, welches der zwei Szenarios, und es gibt sicher noch mehr Möglichkeiten, realistisch ist, frage ich mich, was die breite Gesellschaft möchte. Die Gesellschaft von Rassismus, Diskriminierung und Zweiklassen-Denken zu befreien, halte ich für absolut erstrebenswert. Aber wird man das mit der Diskriminierung von Diskriminierenden erreichen oder spielt man erst dadurch Menschen dem „rechten Spektrum“ zu und vergrößert damit das Problem? Mir kommt es so vor, dass wir zu schnell Menschen in Schubladen stecken und verurteilen/bestrafen, ohne uns Gedanken darüber zu machen, was wir wollen und ob wir das was wir wollen, am Ende auch erreicht haben. Die sozialen Medien helfen, meiner Meinung nach, nicht dabei einen gesunden Diskurs zu fördern.

Nun komme ich noch auf das Szenario der Videoaufnahme zurück ohne, wie bereits angegeben, das Video zu kennen. Ich frage mich nur, warum eine unbeteiligte Person dazu kommt einen Konflikt aufzuzeichnen anstatt schlichtend dazu zuschreiten. Man hätte also deeskalierend einschreiten können, beiden Personen die Möglichkeit gegeben sich zu beruhigen.

Um mit dem Beispiel aus dem Film „Die 12 Geschworenen“ heran zu gehen, ich hoffe der Film ist jedem Bekannt, ansonsten sei er wärmstens Empfohlen. Wäre es möglich, dass die Frau in einer ruhigeren Lage gar keine Rassistin ist, sondern nur aufgrund persönlicher Probleme und in dem Umstand einer hitzigen Auseinandersetzung etwas sagte, was Sie selbst im Moment nicht begriffen hat? Wäre das möglich? Im erwähnten Film wird ein solcher Konflikt an dem Satz: „Ich bringe dich um!“ dargestellt.

Soweit einige Gedanken, die ich zu Text bringen konnte. Auch nach dem Kontrolllesen denke ich selbst, dass einige meiner Anmerkungen sicher sehr naiv sind. Ich wünsche mir dennoch ein faires und konstruktives Feedback damit ich ein besseres Verständnis entwickeln kann.

Mit freundlichen Grüßen
Andreas

Ich finde der Aspekt der Ersetzung von problematischen Namen tatsächlich weniger wichtig als überhaupt den Aspekt der Entfernung dieser Namen.

Du hast zu erkennen gegeben, dass du dich von dem Gedicht nicht diskriminiert fühlst (eher sogar scheinst du die Betrachter*innen-Perspektive einzunehmen) – ich finde deshalb nicht, dass du über das Empfinden derer urteilen solltest, die sich davon diskriminiert fühlen. Marginalisierte Menschen wissen meist am besten wie sie ihre Marginalisierung überwinden und wenn sie dies äußern, ist das meiner Meinung nach anzuerkennen. Manchmal muss ein Problem dramatisiert werden, um es zu überwinden (die erneute Objektwerdung muss riskiert werden).

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Fühlst Du dich denn von dem Gedicht diskriminiert? (Tatsächlich halte ich diesen Aspekt im Rahmen dieser Diskussion für nicht ganz so wichtig wie du anscheinend, aber da du es angesprochen hast, würde es mich schon interessieren :wink: )

Gefühle beurteilen ist natürlich immer schwierig, vor allem von außen. (Gefühle hinterfragen kann aber trotzdem sehr lohnend sein) Allerdings führen die Gefühle ja in diesem Fall zu einer Handlung bzw. Diskussion und die Handlung sollte durchaus kritisch betrachtet werden bzw. die Diskussion geführt werden. Es müssen schließlich Lösungen gefunden werden, die nicht nur diejenigen Menschen betreffen, die sich diskriminiert fühlen. Außerdem sind marginalisierte Menschen auch nicht alle einer Meinung. Ich bin eine Frau und damit wahrscheinlich in sexistischer Hinsicht ähnlich marginalisiert wie diejenigen, die sich durch das Gedicht diskriminiert fühlen… (Zugleich bin ich aber auch Juristin und damit von meiner Denkweise her einer der am wenigsten marginalisierten Menschen in Deutschland, wenn man sich mal die Berufsbilder im Bundestag anschaut).

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Bevor ich auf „Cancel Culture“ eingehe, möchte ich auf einen größeren Zusammenhang skizzieren:

Nach meiner Wahrnehmung ist zuerst die grundsätzliche Frage, wie man/wir/ich mit der Gegenposition umgehen, zu klären. Grob gesagt, sollte es drei Kategorien geben: 1. Meinungen, die Deiner entsprechen; 2. Meinungen, die Deinen nicht entsprechen; 3. Meinungen, die wegen ihrer Menschen- oder Demokratiefeindlichkeit inakzeptabel sind.

Nun ist es nach meiner These dem Populismus in den letzten Jahren gelungen, Differenziertheit im gesamten Diskurs zu schwächen: Es gibt nur noch 1. oder 3., ein „dazwischen“ ist automatisch eine 3., also inakzeptabel. Es ist wahnsinnig schwer geworden zu sagen, „Ich bin zwar überhaupt nicht Deiner Meinung, aber das halte ich aus. - (weil es noch nicht menschen- oder demokratiefeindlich ist.)“

„Cancel Culture“ definiert als Erwartung, dass sich jemand aus dem Diskurs zurückzieht, ist auf jeden Fall da unangemessen, wo jemand einfach nur einer anderen Meinung ist, solange diese nicht menschen- oder demokratiefeindlich ist. Ähnlich hat Ulf es auch gedeutet, nämlich gemessen am Grundgesetz.

Insofern halte ich das Canceln der Vorlesung von Bernd Lucke für falsch, auch wenn ich Verständnis und Sympathie dafür habe, dass ihm sein Frankensteinmonster „AfD“ immer wieder vorgehalten wird. Seine Wirtschaftsprofessur aber hat mit dem AfD-Diskurs nichts zu tun, daher sollte er seine Vorlesung halten dürfen.

Eine Frage, die ich mir manchmal stelle ist, wie ich mit AfD-Abgeordneten umginge, wenn ich selber Abgeordnete:r wäre. Die Chance, dass die AfD-Person menschen- und demokratiefeindlich auftritt, ist groß. Ich denke, ich würde dieser Person nur den notwendigen Kontakt zugestehen und ansonsten - ja: ausgrenzen, denn Menschen- und Demokratiefeinde sollen spüren, dass sie nicht für die schweigende Mehrheit sprechen, die sie so gerne beschwören. Also Rederecht im Parlament und Einladungen in Talkshows entsprechend ihrer Sitze im Parlament: ja, das muss sein. Grüßen auf dem Flur und Einladungen in nette Sommerinterviews: eher nicht.

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Liebes Lage Team,

ich bin großer Fan Eures Podcast und bewundere Eure meist sehr differenzierte Darlegung der politischen und gesellschaftlichen Sachverhalte, aber, sorry dafür, die Behandlung des Themas cancel culture fand ich überhaupt nicht gut:

  • es ist mir unverständlich, wieso Ihr zur Einleitung zum Thema diesen wirren Welt Artikel und nicht z.B den m.E. wesentlich besser passenden Harper Artikel bringt, der von Euch ja dann auch gegen Ende des Beitrags zitiert wurde. Genauso gut hätte man dann auch die zahlreichen kontroversen Beiträge, die als Reaktion auf Harper in internationalen Qualitätsmedien erschienen noch besprechen können. Mir drängte sich der Eindruck auf, dass es Euch mehr darum ging den Begriff cancel culture zu diskreditieren, als sich mit dem Themenkomplex wirklich auseinanderzusetzen.

  • es ist durchaus üblich, dass sich abstrakte Begriffe für die Beschreibung gewisser kontroverser Themen im politischen Diskurs etablieren (in den letzten Jahren sicherlich zunehmend durch die Verlagerung der politischen Kontroverse ins Netz, Stichwort Hashtag). Natürlich können abstrakte Beschreibungen durch unterschiedliche Interpretationen oder auch bewussten Missbrauch verwässert werden (eben weil es abstrakte und nicht konkrete Begriffe sind). Natürlich ist es auch abzulehnen wenn abstrakte Begriffe wie cancel culture als Kampfbegriffe verwendet werden, insbesondere wenn dies durch rechte Spinner geschieht. Dies berechtigt m.E. jedoch nicht die Debatte abzuwürgen. Dass ein Nerv getroffen wird zeigt ja z.B. die große Resonanz auf den Harper Artikel. Es wäre schön gewesen wenn Ihr Euch in der Lage dem Themenkomplex auch inhaltlich und nicht tendenziös genähert hättet.

  • zum Parkvorfall in den USA: So verwerflich das Verhalten der Frau Moralisch zu bewerten ist, es ist nicht die Aufgabe einer wie auch immer gearteten Internetcommunity diese Frau in einer Form von Selbstjustiz öffentlich an den Pranger zu stellen und zu denunzieren. Das weckt bei mir Assoziationen zu diktatorischen Regimes. Es wirkt als ob Ulf so ein Vorgehen befürwortet. Als Richter so eine Meinung zu vertreten finde ich zumindest fragwürdig, auch wenn er später klarstellt, dass es seine Meinung als Privatperson ist.

  • Es wäre interessant herauszufinden ob die Kündigung der Firma anhand des dargelegten Vorgangs überhaupt zulässig war oder ob ggf. ein arbeitsrechtliches Verfahren anhängig ist. Wahrscheinlich ist es aufgrund der laxen Arbeitnehmerrechte in den USA sogar zulässig gewesen. Hypothetisch übertragen auf Deutschland könnte ich mir aber gut vorstellen, dass die Firma nicht so einfach hätte handeln können, insbesondere solange keine Straftat, Anzeige oder Verurteilung vorlag. Zumindest hätte die Frau wahrscheinlich um eine Abfindung kämpfen können. Auch hier finde ich es fragwürdig wie diese Form des ‚ein Exempel statuieren‘ gutgeheißen wird.

  • „soll die Frau halt ein Jahr Sabbatical machen dann findet sie schon was“ - sorry aber das ist Stammtischniveau und auch in gewisser Hinsicht echt nicht in die jetzige Zeit passend, wo sehr viele Menschen Ihren Job verloren haben bzw. in Angst sind ihn zu verlieren.

Ich fände es sehr cool wenn Ihr das Thema vielleicht in einer der nächsten Sendungen auch inhaltlich nochmal objektiv aufgreifen könntet.

Vielleicht könntet ihr ja auch politische Vertreter (gerne mit kontroverser Einstellung zum Thema) oder Wissenschaftler, z.B. Linguisten oder Kommunikationswissenschaftler zur Thematik zu Wort kommen lassen? Oder ein Interview mit angeblich von cancel culture Betroffenen oder der cancel culture bezichtigten Personen (im Rahmen der Begriffsdefinition von Obama, siehe den in einem Beitrag weiter oben verlinkten Artikel, oder in Bezug auf den Harper Artikel)?

Danke für Eure Arbeit!

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Hoffen wir das der Arbeitgeber das auf Basis einer irgendwie allgemein geteilten Wertvorstellung entschieden hat, und nicht einfach deshalb weil ein Unternehmen sich auf die Kunden und deren Wünschen einstellt.

Öffentliche Kritik an Xi Jinping, dem Islam, Mohammed bin Salman, Wladimir Putin, … sind ggf. dann auch Kündigungsgründe wenn das Unternehmen auf den entsprechenden Märkten unterwegs ist. Dürfen Sportler eigentlich noch eine politische Meinung haben? Auch wenn diese z.B. an den Austragungsorten der Wettbewerbe unerwünscht ist.

In diesem Fall hat es eine wirklich unsympathische Person die ein völlig unakzeptables Verhalten gezeigt hat erwischt. Das kann aber auch mal anders sein. Ich habe etwas Angst davor wenn man allgemein Arbeitgebern, Sportverbänden etc. überlassen möchte das Verhalten in der Freizeit zu sanktionieren.

Hi,

noch ein anderer Gedanke der im Zusammenhang mit der Cancel Culture Diskussion bei euch aufkam.
Ich konnte eure Überlegungen dazu weitestgehend nachvollziehen, fand aber speziell interessant dass ihr den Begriff gleich zu Beginn etwas abräumen wolltet da dieser als „Kampfbegriff“ verbrannt ist.

Man kann natürlich auch undifferenzierte „Kampfbegriffe“ diskutieren und ich fand dass ihr das auch wirklich überzeugend gemacht habt, würde mir aber wünschen das auch an anderer Stellt zu tun.

Nur zwei Beispiele die mir (nicht nur bei LDNR) hin und wieder auffallen wären „Neoliberalismus“ und „Konzern“. Beide Begriffe werden gern als stigma irgendwo rangeheftet ohne weiter problematisiert zu werden.
Neoliberal: betrifft die führende ökonomische Schule der frühen 2000er und wird gern mit Milton Friedman in Zusammenhang gebracht. Der Begriff wird als „kampfbegriff“ aber vor allem verwendet um Personen zu diskreditiern die staatliche Regeln in einigen Fällen ablehnen. Das kann man schon so machen, ist aber dann oft zu einfach und ich finde es wichtig auch hier differenziert zu schauen was die Person denn wirklich möchte. Geht es nur um eine Theorie die alles beim alten lassen soll oder hat die Person ggfs. auch den Wunsch etwas zu verändern (finden wir das dann besser oder schlechter?) und schlägt nur einen anderen Weg vor?

Konzern: einfach nur ein Unternehmen was aus mehreren Tochterunternehmen besteht. Wird aber gern implizit mit Dingen wie Steuertricks, Lobbyeinfluss/ gemauschel, Arbeitnehmerunterdrückung etc. gleichgesetzt. Keine Frage es gibt Konzerne die all das machen, aber nicht weil sie ein konzern sind sind sie ein Problem sondern weil sie das tun.

Wie dem auch sei - ich möchte nicht nörgeln, mir ist mit eurem Aufruf zur Differenzierung nur aufgefallen dass das in weiteren Bereichen hilfreich wäre als bei der Cancel Culture

VG
Andreas

Nein, ich fühle mich dadurch nicht diskriminiert, habe aber zu dieser Debatte mit einigen gesprochen denen das so geht und kann das doch sehr gut nachempfinden; der akademische Betrieb in Deutschland ist immer noch stark sexistisch vergiftet; unangemessenes Verhalten auf dem Campus gegenüber jungen frauisierten Menschen ist immer noch Alltag – in diesem Kontext finde ich die Positionierung des Gedichts als Ohrfeige zu empfinden keineswegs zu hoch gegriffen.

Ich wüsste nicht wen dieses Gedicht ähnlichrangig betrifft wie die Menschen, die sich dadurch objektifiziert fühlen…?

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Ich muss das jetzt mal auf die Metaebene heben und anmerken, dass ich es für keine gute Idee halte, in eine Diskussion eine langatmige Textwand zu werfen, ohne sich mit dem Gegenstand der Diskussion vertraut gemacht zu haben. Ich konnte jetzt auch nicht wirklich erkennen, dass es irgendeinen guten Grund gegeben hat, sich das sehr kurze, öffentlich verfügbare Video nicht zuvor kurz selbst anzusehen. Denn dann wäre dir sowohl aufgefallen, dass der Mann das Video selbst gefilmt hat und es überhaupt keinen unbeteiligten Dritten gab, als auch, dass zumindest er - wie man an der Tonspur merkt, denn man sieht ihn logischerweise nicht - ganz und gar nicht „beruhigt“ werden muss, sondern die ganze Zeit äußerst ruhig und friedfertig klingt, geradezu bemüht um Deeskalation.

Insbesondere letzteres spielt in meiner Wahrnehmung eine enorme Rolle bei der Bewertung des ganzen Vorfalls, und unter anderem deswegen stehe ich in diesem Fall ganz klar auf der Seite derer, die hier ganz und gar kein Mitleid mit der Dame haben. Das ist ein Fall von „wie man in den Wald ruft, kommt’s auch wieder heraus“ - sie kalkulierte bewusst mit einer Überreaktion der Polizei auf ihre Falschbehauptung und wollte aus dieser Kapital schlagen, bekommen hat sie jetzt halt eine Überreaktion der Gesellschaft und ihres Arbeitgebers gegen sich. Ich sehe darin in diesem speziellen Fall (und nur aufgrund der Umstände dieses Falls, das ist explizit nicht auf andere Fragestellungen von öffentlich ausgetragenen Konflikten übertragbar!) eine Form von Gerechtigkeit.

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Zum Central Park Video: Ich verstehe nicht, warum bei dieser ganzen Diskussion niemand mit der Originalquelle arbeitet. So schwer ist die nicht zu finden. Sie beinhaltet auch außer die Darstellung einer sich rassistisch betätigenden Person keine verrohenden Darstellungen:

youtube.com/watch?v=ODhNRyjJsl8

[…]
C Cooper: „Please don’t come close to me.“
A Cooper: „Then I’m taking your picture and calling the cops.“
C Cooper: „Please call the cops. Please call the cops.“
A Cooper: „I’m going to tell them there’s an African American man threatening my life.“ (sic!)
C Cooper: „Please tell them whatever you like.“
[…]
A Cooper (speaking into her phone): „I’m sorry, I’m in the Ramble, and there is a man, African American, he has a Bicycle helmet. He is recording me and threatening me and my dog.“
[…]

Damit zu den häufig geäußerten Missverständnissen:

  1. keine dritte Person filmt, sondern die betroffene Person Christian Cooper.
  2. durchaus ganz direkt strafrelevanter Inhalt: Amy Cooper bedroht Christian Cooper und Amy Cooper lügt gegenüber der Polizei.
  3. wenn man ihre Äußerung implizit nennt, dann ist das allermindestens eine Verzerrung durch Weglassen.

Außerdem hätte ich gern man von den Leuten die immer mit „man kennt ja nicht die gesamten Umstände“ kommen, gewusst, wie denn hierfür die mildernden Umstände aussehen sollten. Aber die finden dann vielleicht auch, dass sich die Ermordung von George Floyd durch eine gerade durchlittene Ehekrise seines Mörders entschuldigen ließe.

Dass ihr ehemaliger Arbeitsgeber Amy Cooper vermutlich tatsächlich gekündigt hat, um selbst keinen finanziellen Schaden durch einen schlechten Ruf zu entgehen, anstatt dies aus dem nötigen Respekt gegenüber allen von solchem Rassismus betroffenen Menschen zu tun, gehört sicher zum ganz normalen Zynismus unserer real existierenden Gesellschaft.

Ein Wort zur Gesamtdebatte zu Cancel Culture: Um auf eine weitere zentralen Quelle hinzuweisen, wäre der wahrscheinlich berühmtesten Einzelbeitrag der gesamten Debatte, der „Harper’s letter“ mit dem Titel „A Letter on Justice and Open Debate“, unterschrieben von Personen wie Noam Chomsky, Margaret Atwood, und weiteren Berühmtheiten, und mit ebenso hochkarätigen Kritkerinnen:


Es ist ziemliche Kleinstaatlerei, wenn wir nicht erstmal schauen, was für Debatten bereits geführt werden, und uns stattdessen alles ad-hoc aus den Fingern saugen. Ich hoff, dass wir da bei unseren Aufsätze in der Uni bessere Recherchen betreiben, bevor wir so drauflosschreiben.
[Ergänzung: Der letzte Satz ist mir etwas zu bissig geraten, hier muss ich mir auch an die eigene Nase fassen, da ich überhört hatte, dass der Harper’s letter immerhin im Podcast kurz erwähnt worden ist]
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Hallo Andreas,

gib doch einfach mal Amy Cooper in die Suchmaschine deiner Wahl ein. Dann kommst du sofort auf das Video. Man sieht in dem Video, dass die Frau ziemlich hysterisch wird - und dabei ihren Hund ziemlich übel an der Leine herumzerrt. Den musste sie übrigens deswegen mittlerweile abgeben.

Es gab keine dritte Person, Christian Cooper (Namensgleichheit ist Zufall) hat das selbst aufgenommen. Seine Schwester hat es später in den Social Media verbreitet. Hier dokumentiert er, was genau (auch vor dem Video) passiert ist:

Es gibt einen Abschnitt im Protokoll von Christian Cooper, der möglicherweise auf die Frau bedrohlich gewirkt hat:
“ME: Look, if you’re going to do what you want, I’m going to do what I want, but you’re not going to like it."
“HER: What’s that?"
“ME (to the dog): Come here, puppy!"
“HER: He won’t come to you."
“ME: We’ll see about that…” before adding, “I pull out the dog treats I carry for just for such intransigence."

Amy gab später an, sie hätte Angst gehabt, die Leckerli, die Christian aus der Tasche zog, seien vergiftet. Ich muss zugeben, den Satz „you’re not going to like it“ könnte man so deuten. Tatsächlich hat Christian nach eigener Angabe immer Hundeleckerli dabei, wenn er in der Park geht, weil er die Erfahrung gemacht hat, dass die Hundebesitzer ihre Tiere anleinen, sobald er die den Hunden anbietet. Und genau das will er erreichen.

Ab da fängt er an zu filmen und Amy zieht diese unsägliche Rassismus-Nummer durch. Man versteht nicht, warum sie nicht einfach weitergegangen ist, wenn sie sich bedroht fühlte. Der Hund war mittlerweile an der Leine und ihr war in keinster Weise irgendein Weg versperrt.
Amy muss sich mittlerweile vor Gericht verantworten. Ihr droht evtl. ein Bußgeld wegen falscher Beschuldigung. Christian hat es übrigens abgelehnt, dabei gegen Amy auszusagen. Er sagt, sie hätte mit der öffentlichen Reaktion und dem Verlust ihres Arbeitsplatzes schon genug durchlitten.

Viele Grüße,
Martin

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Aber es gibt doch ein gerichtliches Verfahren, verstehe hier die Argumentation nicht. Dass Leute wegen Videos oder Meinungen im Internet ihren Job verlieren ist bedenklich, da hier die Wahrheit sehr einfach nach gut Dünken durch Manipulation gedreht werden kann.
Darum ist eine Klärung durch Gerichte und die Unschuldsvermutung so wichtig.
Wird dann die jenige vor Gericht schuldig gesprochen, kann der Arbeitgeber sie immer noch feuern. Aber hier präventiv wegen einer Internetmeute Leute rauszuschmeißen erscheint mir doch sehr fragwürdig.
Die Frage ist auch, ob der Arbeitgeber sie wirklich wegen seiner moralischen Vorstellung gefeuert hat, oder nur damit die Firma nicht auch in den Fokus des Mobs kommt.

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Ich muss Bembel zustimmen. Der Kommentar zu „Sabbatical & neuen Job suchen„, war auch aus meiner Sicht unangemessen und vollkommen unnötig! Ulf hat seine Position erklärt und den Verlust des Arbeitsplatzes eingeordnet. Wenn er mehr Empathie den Personen entgegen bringt, die unter Rassismus zu leiden haben, als denen, die ihn leider praktizieren, so ist das verständlich. Im Sinne eines Dialoges mit Tätern oder denen, die ihnen nahe stehen, macht ein solches Nachtreten aber wenig Sinn. Ich vermute, dass Ulf etwas verändern will. Vor dem Hintergrund wäre aus meiner Sicht ein „der Verlust des AP ist hart und ggfs. wird es auch nicht leicht, schnell einen Neuen zu finden. Aber das ist die Konsequenz deines Handelns und denke in der Zukunft daran …“ zielführend.

Hallo Slartie,

zu deinem ersten Punkt. Du hast absolut recht, ich hätte mir das Video vorher ansehen sollen, was ich mittlerweile geschafft habe, bevor ich mich dazu äußere.

Mein eigentlicher Punkt, daher auch die „langatmige Textwand“, war: „Was hofft man am Ende erreicht zu haben?“. Dazu interessiert mich deine Meinung. Ich möchte nicht einordnen, was gerecht oder ungerecht ist. Ich kann mir auch noch nicht vorstellen wie groß die Tragweite der öffentlichen Steinigung sein wird. Aber wird diese Frau aufgrund der Strafen und dieser schlechten Zeit umdenken? Würde Sie sich bei Gelegenheit sogar entschuldigen? Oder wird Sie ab sofort verbittert durch Ihr Leben schreiten und sich mehr und mehr dem rechten Gedankengut hingeben? Was denkst du?

Wie geschrieben, nochmals vielen Dank für deine Antwort und ich hätte mich nicht vorher zu dem Video äußern sollen. Ich wünsche noch einen schönen Tag

Mit freundlichen Grüßen
Andreas

Liebe Lage,
nach der aktuellen Folge habe ich den Eindruck, dass Ihr dem Begriff „Cancel Culture“ leider nicht wirklich gerecht werdet. Wie immer mit solche Dingen ist das Konzept aus den USA entlehnt - wie so oft sind entscheidende Teile der Bedeutung lost in translation.

Der Begriff kommt dort vor allem aus dem Kontext der #metoo-Debatten und der radikalen öffentlichen Absage an Personen, die sich in der Hinsicht („sexual misconduct“) schuldig gemacht hatten - rechtlich dafür aber bislang nicht verfolgt wurden oder werden konnten: Harvey Winestein, Kevin Spacey, Louis CK, Matt Lauer, Aziz Ansari, Bill O’Reilly, Al Franken, Jeffrey Tambour etc. Diese wurden auf öffentlichen Druck als Personen „gecanelled“ - in dem Wortsinn, wie es das Absetzen von TV-Formaten bezeichnet. Prominente wurden von Sendungen und Produktionen entlassen und damit faktisch pauschal aus dem öffentlichen Diskurs ausgeschlossen.

Unter dem Begriff der „Cancel Culture“ wird nun, eher im Nachgang, diskutiert, in wie weit bei diesem Vorgehen eine Verhältnismäßigkeit gegeben war und ist. Vollkommen unterschiedliche Sachverhalte (Von Vergewaltigung bis zu doppeldeutigen Bemerkungen) wurden zunächst auf die gleiche Weise mit einer vollständigen Brandmarkung der Person in der Öffentlichkeit sanktioniert - fußend meist auf einer rudimentären Informationslage. Die „abgesetzten“ Personen stammen dabei bemerkenswerterweise politisch aus unterschiedlichen Lagern. Es ist mitnichten ein rechtes Phänomen - auch wenn es bisweilen auch von Rechts vereinnahmt wird. Comedian Iliza Shlesinger hat es schön zusammengefasst: Iliza Shlesinger on Cancel Culture (Jimmy Kimmel Live)

Ob und wie auf das Phänomen der Cancel Culture zu reagieren ist, ist freilich zu debattieren. Der Begriff an sich ist aber sehr trennscharf und nicht etwa „ausgefranst“. Er bezeichnet nicht etwa Kritik, die öffentlich an einer Aussage getätigt wird. Dafür haben wir „Shitstorms“, „Backlash“, „Hatespeech“ usw. Cancel Culture bezeichnet das neue Instrument der pauschalen Verbannung einer ganzen Person aus dem öffentlichen Diskursraum aufgrund von einzelnen Aussagen oder Taten - unabhängig davon, ob diese nachgewiesen, im korrekten Kontext wiedergegeben oder aktuell sind. Eine Art Plebiszit.

Das zur Begriffsklärung. Meine persönliche Haltung zu dem Fall um die Dame im Central Park (übrigens fasst das Internet solche Gestalten inzwischen unter dem Sammelbegriff #karen zusammen): Natürlich ist das, von allem, was wir wissen, von ihr eine ekelhafte Schweinerei. Aber es ist doch fragwürdig, wenn sie in der Folge eben nicht für die Aussage/Tag belangt wird, sondern als ganze Person in einem ganz anderem Umfeld, nämlich am Arbeitsplatz. So sehr sie mir freilich zuwider ist - hier ist die private politische Gesinnung Grund für die Kündigung, nicht ein Verhalten am Arbeitsplatz. Das ist für mich vergleichbar mit einer Kündigung aufgrund einer religiösen Überzeugung oder sogar einer sexuellen Orientierung.

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Hallo Andreas,

die Frau hat sich bereits entschuildigt:
„It was unacceptable, and I humbly and fully apologize to everyone who’s seen that video, everyone that’s been offended . . . everyone who thinks of me in a lower light. And I understand why they do.“

Aus meiner Sicht kann keiner vorhersagen, was der ganze Vorfall bei ihr persönlich jetzt für Auswirkungen hat. Aber die Veröffentlichung des Videos trägt vielleicht dazu bei, die Aufmerksamkeit der Gesellschaft gegenüber Rassismus zu schärfen.

VG
Martin

Tja, ich schon. Da meine Ansicht hier keine weitere Auswirkung hat - ich bin weder Richter noch Geschworener im noch zu verhandelnden Strafprozess - nehme ich mir das Recht raus, auf Basis der Kenntnis des Videos und der drumherum erschienenen Artikel (einige wurden hier ja auch verlinkt) mir eine Meinung bezüglich der Gerechtigkeit des vorläufigen Ergebnisses für die gute Frau zu bilden, mit der mein persönliches Gerechtigkeitsempfinden keine Bauchschmerzen hat.

Ich hoffe zwar, dass sie etwas draus lernt, aber ich steck da nicht drin. Einen Versuch der Entschuldigung hat sie übrigens so weit ich es mitbekommen habe gemacht, auch öffentlich. Eine gewisse Einsicht in die Fehlerhaftigkeit ihres Tuns scheint also zumindest vorhanden zu sein. Aber bezüglich der Bewertung des Falles ist es mir ehrlich gesagt egal, ob das Ergebnis für sie jetzt langfristig irgendeine Katalysator-Funktion haben könnte für irgendwelche bei ihr vielleicht latent vorhandenen rassistisch-rechten Gedankengänge - ob das so sein könnte oder nicht oder sonstwas ist wildes Herumtheoretisieren und übelste Küchenpsychologie, auf dieser wackligen Basis kann unmöglich irgendeine Art Annahme von „mildernden Umständen“ stehen, die meine persönliche Einschätzung bezüglich Schuld und Gerechtigkeit in diesem Fall nennenswert beeinflussen könnte. Auch kann ich eine Art „gnädigere Beurteilung“ aus rein utilitaristischen Gründen - dem Wunsch, zu verhindern, dass Menschen potenziell verbittern und irgendwann im rechten Sumpf landen - definitiv nicht mit meinem Gerechtigkeitsempfinden in Einklang bringen, da sich dadurch eine Art Erpressungsoption öffnet („Akzeptiere gefälligst, dass ich ein Arschloch bin, sonst werde ich verbittert und ein noch größeres Arschloch, und das willst du doch bestimmt nicht!?“). Daher ist jegliche mögliche Antwort auf diese Frage für mich irrelevant für meine Beurteilung.

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Ich finde deine Meinung durchaus legitim, aber dahinter steht die radikale Ansicht, dass moralische Bewertung deckungsgleich mit der Strafbarkeit einer Handlung deckungsgleich seien.
Aber viel mehr ist die Realität, und auch das was ich von meinem Rechtsstaat erwarte, im Zweifelsfall lieber ein problematisches Verhalten mehr durchgehen zu lassen, und nicht zu sehr „moralisch übergriffig“ zu sein.
Hingegen erwarte ich von gesellschaftlichen Akteuren, die nicht die staatliche Allmacht vertreten, mit weniger Passivität einen moralischen Standpunkt zu vertreten.

Diese Zurückhaltung des Justizsystems ist übrigens in den laizistischen USA stärker ausgeprägt als etwa in Deutschland.
In den USA ist vieles unmoralisches Verhalten juristisch durch Freedom of Speech gedeckt. Als Arbeitsgeber würde ich trotzdem (um einen Extremfall zu nennen) keinen Holocaust-Leugner dulden.

Deinen pessimistischen Verdacht bezüglich der Beweggründe des Arbeitsgebers teile ich. Im Finanzsektor ist jedenfalls ein ausgeprägter moralischer Kompass eher ein Alleinstellungsmerkmal.