Es gibt wirklich kaum eine Ausbildungsstelle, auf die sich gar keiner bewirbt. Die Klage ist immer „Es bewerben sich zu wenig geeignete Kandidaten“, und die Definition von „geeignet“ ist dann quasi „Können wir gefahrlos ausbilden, ohne das es uns zu viel Aufwand beschert oder ein großes Risiko des Ausbildungsabbruchs vorliegt“. Und da fallen aus Sicht der meisten Ausbildungsbetriebe die 4er-Schülerr dann raus, leider. Es wäre meine Hoffnung, dass der Fachkräftemangel dazu führt, dass mehr Kindern mit problematischer Schullaufbahn eine Chance gegeben wird, aber aktuell befürchte ich, dass die meisten Betriebe dann weiterhin lieber rumjammern und die Stellen unbesetzt lassen.
Aber sind individuelle Bewertungen im Fließtext (siehe die von Hardtware angesprochenen Arbeitszeugnisse!) nicht oft noch Interpretationsbedürftiger sind und auch noch viel weniger objektiviert daher: Gerade bei ausformulierten, individuellen Leistungsbeschreibungen droht doch das Risiko, dass sachfremde Erwägungen die Note beeinflussen. Es würde sich ohnehin schon aus juristischen Gründen (Klagen gegen die Bewertungen) ganz schnell ähnlich wie bei Arbeitszeugnissen entwickeln, sodass die Noten aus fest definierten, einheitlichen Blöcken bestehen würden. Und dann können wir auch direkt bei Noten im Zahlenformat bleiben.
Die Frage ist, ob es sinnvoll wäre, Dinge wie Prüfungsangst, Motivation, Schüchternheit und co. in Zeugnissen mit positiver Intention zu erwähnen (z.B. als „Kopfnoten“). Zum Beispiel in der Form von „Ist im Unterricht sehr stark“ (=Prüfungsangst erklärt schlechtere Noten) oder „Hat großes Potenzial“ (=Motivation erklärt schlechtere Noten) oder „Zeigt in Klausuren hervorragende Leistungen“ (=Schüchternheit erklärt schlechtere Noten). Das könnte Noten zwar ein Stück weit erklären und die Stärken und Schwächen der Schüler besser darstellen und damit viele der von Margarete vorgebrachten Kritikpunkte beheben, hat aber auch wieder seine eigenen Probleme. Ich bin jedoch skeptisch, ob das die Notengebung wirklich verbessern würde und den zusätzlichen Aufwand lohnen würde…
Wie gesagt, die Notengebung wird nie perfekt sein, sie ist ein notwendiges Übel. Sich Gedanken um die Optimierung zu machen ist sicherlich richtig und wichtig, aber wir werden kein System finden, das perfekt ist - denn gäbe es ein solches System, würde es schon irgendwo auf der Welt verwendet (es haben sich vermutlich schon tausende Menschen in Generationen vor uns die Köpfe über das Thema zerbrochen…)
Mike
106
Das mit den Kopfnoten wäre ja schon der Ansatz, der es präzisiert.
Was ich beim Thema Noten nur etwas schräg finde, das wir einerseits ja pädagogische Fachkräfte (=Lehrer) für unverzichtbar halten hinsichtlich der individuellen Förderung (statt KI), aber als Resultat alles pädagogischen Tuns auf eine Zahl mit vager Definition reduzieren, was ja eine KI noch viel „neutraler“ machen könnte.
Für mich als Pädagoge widerspricht sich das etwas.
Derartige Widersprüche liegen i.d.R. daran, dass es viele, sehr verschiedenartige Interessenlagen gibt. Hier u.a. die Interessen…
a) … der Kinder an einem System, das sich „gut anfühlt“ und motiviert
b) … der Eltern an einer möglichst aussagekräftigen Mitteilung über die Leistungen ihrer Kinder
c) … der Lehrer daran, ein möglichst wenig arbeitsintensives Notensystem zu haben
d) … der Wirtschaft daran, einen möglichst einheitlichen Vergleichsmaßstab zu haben
… und vermutlich noch ein paar mehr, die ich vergessen habe.
Also als Diplom-Sozialpädagoge kann ich nachvollziehen, das man beim Notensystem mehr Wert auf die pädagogischen Aspekte legen will, aber man muss eben berücksichtigen, dass da noch viele andere Interessen reinspielen.
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Um auf das hier im Thread auch diskutierte Thema der „Lohngleichheit von Grundschul-, Haupt/Realschul- und Gymnasiallehrer“ zurück zu kommen:
Mit Hamburg hat gerade ein weiteres Bundesland den wichtigen und richtigen Schritt beschlossen, Grundschullehrer genau so zu entlohnen wie Gymnasiallehrer. Diesen Trend sehen wir in immer mehr Bundesländern, daher: Hier ist zumindest Bewegung drin.
Der Vorteil ist:
Desto mehr Bundesländer ihre Grundschullehrer wie Gymnasiallehrer entlohnen, desto schwerer wird es für die konservativen Länder, die Lohnungerechtigkeit weiter Aufrecht zu erhalten, weil die Bundesländer letztlich ein gutes Stück um die Lehrkräfte konkurrieren. Bundesländer, die weiterhin Grundschullehrer schlechter bezahlen, werden diejenigen sein, die am stärksten unter Lehrermangel an den Grundschulen leiden werden…
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Mike
109
Ich denke eher, allgemein auf das Thema Bildung bezogen, liegt es eher an der Denkweise „Das haben wir die letzten hundert Jahre so gemacht, hat doch funktioniert, als warum was ändern?“. Diese Einstellung haben wir ja in vielen Bereichen, und das bringt eine Gesellschaft selten vorwärts…
Dezenter Widerspruch: Für die meisten Lehrer:innen, die ich kenne, stehen die Kinder im Mittelpunkt.
pitus
111
Ich glaube dem widerspricht niemand (hoffe ich). Aber würden sich alle freuen, wenn sie unter jede Arbeit eine halbe Seite differenzierte Bewertung schreiben müssen, bzw. auf den Zeugnissen jeder einzelne Fachlehrer nochmal eine halbe Seite?
Der Arbeitsaufwand wäre dafür schon enorm. Und das will keiner den Lehrern zumuten.
Du wirst lachen: Ich mache das tatsächlich und schreibe auch viele Briefe an die Kinder (Grundschule halt. Echter Lese- und Schreibanlass). Aber mir ist auch klar, dass Vollzeitlehrer:innen das aus Zeitgründen nicht oder nicht so oft machen können. Ich wollte nur ergänzen, dass den Lehrer:innen meistens auch die Kinder sehr wichtig sind, damit die Liste vollständig ist.
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faust
113
Wie hilfreich für die Diskussion, wenn man manchen Menschen einfach von vornherein die Qualifikation absprechen kann. Macht das Leben sicher einfacher.
Zum Beispiel haben Wissenschaftler:innen ja schon negative Effekte von Benotung auf Schüler:innen nachgewiesen, etwa hier:
https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/02680939.2019.1686540
Aber denen kann man wohl einfach die Qualifikation absprechen. Schließlich ist es wichtiger, dass Unternehmen ein einfaches Auswahlsystem an die Hand bekommen, als dass die Schüler:innen psychisch gesund bleiben.
Mike
114
Ich glaube beim Thema Noten prallen hier einfach wirtschaftliche Erwägungen (Effizienz, Vergleichbarkeit, Standardisierung,…) auf pädagogische Ziele (Individualität, Förderung, Chancengleichheit).
Passen selten unter einen Hut.
Bitte lies erstmal (in Ruhe) die zugrundeliegenden Beiträge in dem Thema. Ich habe niemandem von vorneherein die Qualifikation abgesprochen, sondern spreche Personalern und Führungskräften dann die Qualifikation ab, wenn diese sich bei Bewerbern ausschließlich auf die Noten fixieren. Das war meine Antwort auf den Beitrag von
Und wenn Du es dann in Ruhe gelesen hast und richtig einordnest, bitte ich Dich Deinen unzutreffenden, sarkastischen Kommentar
zu löschen.
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Hier Beispiele für Schule der Zukunft.
Die beiden Schulmodelle sind erfolgreich und kindgerecht.
[Die Alemannenschule - eine gelebte Utopie Alemannenschule - Wie Schule in Zukunft aussehen kann - ZDFheute](Die Alemannenschule - eine gelebte Utopie Alemannenschule - Wie Schule in Zukunft aussehen kann - ZDFheute)
Das wäre in jedem Fall ein Schulkonzept, auf das ich auch meine Kinder schicken würde, wenn ich welche hätte 
Problem an der Sache ist ein wenig, dass genau das die Statistik verzerrt, wenn der Artikel darauf verweist, dass die dortigen Schüler im Schnitt ein besseres Abi als der Durchschnitt ablegen: Denn die Kinder dieser Schule dürften überwiegend aus Familien kommen, die man dem Bildungsbürgertum zuordnen würde - würde ich tippen. Die Schüler dürften - ähnlich wie bei Waldorf- oder Montessori-Schulen - wohl nur aus Familien kommen, die sich explizit für diese Schulform entscheiden - und das alleine bedeutet schon eine stark eingeschränkte Aussagekraft der Stichproben.
Das heißt nicht, dass ich nicht glauben würde, dass dieses Schulsystem funktioniert - ich bin lediglich skeptisch, ob es als „System für alle“ funktionieren würde und fürchte, dass ein derartig freies System bei Schülern aus Familien, die ihre Kinder weniger unterstützen können und weniger zur bildungstechnischen Selbständigkeit erzogen haben, auch funktionieren würde.
Und das führt dann wieder zur Frage, ob diese Art von Schule die ohnehin bestehende Ungleichheit im Bildungssystem sogar noch verschärft, weil durch die verstärkte Einführung solcher Schulmodelle eine größere Segregation erzeugt wird, daher die Kinder aus dem Bildungsbürgertum noch stärker vom Rest getrennt werden.
Ich hoffe wirklich, dass die Zukunft der Schule in diese Richtung geht, welche die Alemannenschule einschlägt. Aber die Zusammenhänge sind eben komplex und ich fürchte, um von der Freiheit dieser Schulform zu profitieren, müssen die Kinder schon eine gewisse Prägung aus dem Elternhaus mitbringen. Das Problem im Bildungssystem sind aber vor allem die Kinder aus bildungsfernen Familien, bei denen diese Prägung leider i.d.R. nicht erwartet werden kann.
Soweit ich mich erinnere, wurde mindestens bei der ersten (Grund?)Schule gesagt, dass es viele Migrantenkinder und auch min. ein Kind mit Handicap in jeder Klasse gibt.
Bei der letzten vorgestellten Schule handelt es sich um eine Gemeinschafts- also Gesamtschule. Meiner Erfahrung nach schicken Bildungsbürger:innen ihre Kinder lieber auf ein Gymnasium. Auf der Alemannenschule dürften deshalb eher wenige privilegierte Kinder sein. Der Direktor erwähnte ja bereits zu Beginn, dass vor den Neuerungen in der 8. Klasse der Teufel los war, wenn der Lehrer kurz die Klasse verließ. Deutet auch eher auf eine bunte Mischung hin.
Waldorf und Montessori sind Privatschulen, oder? Die Alemannenschule nicht.
Die Schule lebt nicht nur von einem neuen Lernmodell, sondern auch von adäquaten, schönen Lernräumen, die Lernmotivation fördern und Lernen positiv umrahmen. Die Schüler:innen kommen gern.
Dann hoffen wir mal, dass sich das System durchsetzt. Ich würde mich wie gesagt darüber freuen.
Ich bin nur immer etwas skeptisch, wenn Dinge zu gut klingen, um Wahr zu sein 
pitus
120
Das war bei uns in der 8. Klasse am Gymnasium mit künstlerisch-kulturellem Schwerpunkt, aber auch nicht anders. Es sind Teenager im pubertären Alter. Da erwarte ich nichts anderes als Chaos.
Und Gesamtschulen sind mittlerweile auch nicht mehr so verpönt bei Bildungsbürgern (mein Eindruck). Da hängt es eher daran welche Freunde des Kindes aufs Gymnasium oder an die Gesamtschule gehen. Man verliert ja nichts denn auch an der Gesamtschule wird die Sekundarstufe 2 unterrichtet.
Vor allem bei Schulen mit tollem avangardistischen Konzept findet im Zweifel außerdem eine soziale „Bereinigung“ statt, so dass man nach einiger Zeit wieder ein bildungsbürgerliches Klientel auf der ehemaligen Problemschule hat. Das macht es dem Schulleiter dann auch wieder leichter sein Konzept als Erfolg zu framen.
Visionen braucht das Land. Nicht immer so skeptisch bitte. So erreicht man nichts.
Der Direktor der Alemannenschule hatte gegen sehr viel Ärger und Gegenwind vor allem aus der Hierarchie zu kämpfen. Er hat es trotzdem geschafft und etwas erreicht.
pitus
122
Ich bin nicht skeptisch. Ich finde das Konzept gut und würde es sofort nutzen.
Ich halte die Vermutung von @Daniel_K nur für stichhaltig, dass dort eher kein Querschnitt der Gesellschaft beschult wird, sondern eine soziale Segregation einsetzt.
Deswegen muss das Konzept ja nicht falsch sein.
War vor allem eine Reaktion auf
Mag sein, dass diese Gemeinschaftsschule jetzt auch privilegierte Familien anzieht, nachdem die guten Ergebnisse bewiesen sind, aber bis dahin haben diese sicher das Gymnasium bevorzugt. So zumindest meine anekdotische Erfahrung in Familie und Bekanntenkreis. Wer das Abitur anstrebt, wählte bisher meistens das Gymnasium und der Kampf um die Gymnasialempfehlung in der 4. Klasse ist ausgeprägt.
Ich höre oft das Argument, das Fähigkeiten besser auf dem Gymnasium unter ebenso „Intelligenten“ gefördert würden als auf einer Gesamtschule, wo alle zusammenlernen. Ich meine, dieses Argument auch schon hier in einem anderen Thread gelesen zu haben. Die Gymnasiallobby ist stark.
Ich halte dagegen: Das muss nicht so sein und benachteiligt Kinder aus bildungsfernen Schichten wie ich selbst eins war. Die Alemannenschule beweist: Gemeinsam lernen funktioniert. Alle Kinder nach ihren Talenten und Möglichkeiten zu fördern und zu unterstützen funktioniert. Viel Selbstständigkeit und Vertrauen in die Kinder funktioniert. Man muss es nur wollen. Nur fehlt oft der Mut.
Mike
124
Denke da krankt es grad oft. Zwar sauber vorbereiten, aber einfach mal machen.
Wir streben zu sehr nach Perfektion im Vorfeld, statt durch praktische Erfahrungen dazulernen.