Axel

Keynesianische Modelle sind Makro, Rentenmarkt ist Mikroökonomik. Das tut also nichts zur Sache. Über die marxistische Forschung weiß ich nicht Bescheid.

Was hält Picketty vom Mietendeckel? Explizit was dazu publiziert hat er nicht, aber er ist ja auch Makroökonom. Ansonsten habe ich extra nochmal beide Bücher durchgeschaut: Er erwähnt „Rent control“ nur beiläufig, und vermutet, dass es zu einer Verringerung des Kapitals/Einkommens-Quotienten führt. Hier nimmt er allerdings auch Mietpreisbremse und Mietendeckel zusammen* (Rent Control of First and Second Generation). Explizit was positives zum Mietendeckel sagt er nicht. Ich glaube, wenn Picketty den Mietendeckel toll fände, dann hätte er das irgendwo geschrieben. (*Das kann allerdings auch der Übersetzung ins Englische geschuldet sein. Das französische Original habe ich nicht, und kenne auch nicht den französischen Sprachgebrauch.)

In diesem Interview wird Picketty nach seiner Meinung dazu gefragt. Er weicht der Frage aber aus (vielleicht unabsichtlich). Rock Star Economist Thomas Piketty Knows What NYC Can Do About Inequality - Gothamist

Danke noch für die Unterfütterung der These, die ich oben auch aufgestellt hatte. Ich sehe das - selbst aus Berliner Sicht - auch so.

Ok, du hast Recht: „Überbieten“ ist hier eher Jargon, der der Einfachheit halber eine Auktion für die Findung der Marktpreise annimmt. Am Marktmechanismus selber ändert das nichts.

Naja, wenn es nicht verboten wäre könnte man ja den Preis erhöhen, dann gäbe es vielleicht nur noch eine Handvoll Kandidaten. Anekdotische Evidenz habe ich übrigens auch. In den deutschen Großstädten in denen ich Wohnungen gesucht habe, hat immer ein Bekannter mich vermittelt. Die Vermieter hätten die Wohnung auch öffentlich anbieten können – aber warum, es gibt doch sowieso überall den gleichen Preis? In unvollständigen Wohnungsmärkten entscheiden die Präferenzen der Vermieter! Die Theorie sagt das ganz klar voraus.

Inwieweit Rassismus eine Rolle spielt, das ist erstmal nicht klar.
Damit beschäftigt sich diese Doktorarbeit, auch empirisch. "THE DISTRIBUTION OF TENANT BENEFITS UNDER RENT CONTROL" by ELIZABETH ANNE ROISTACHER
Tatsächlich habe ich sonst relativ wenig empirische Daten gefunden.

Die Gesellschaft für Freiheitsrechte, deren Vorsitzender Ulf im Übrigen ist, hat eine Stellungnahme im BVerfG-Verfahren abgegeben:

Von daher halte ich es nicht für verwunderlich, wenn in diesem Podcast eher die Mieter:innen-Sicht bzw. die Rechtsauffassung des Berliner Landesgesetzgebers vertreten wird.

Wenn die Geschichte des Immobilienmarktes in Berlin eines zeigt, dann dass die Rechtslage die Eigentümerstruktur bestimmt. Im Prenzlauer Berg hat sich diese innerhalb von 20 Jahren dreimal fast komplett umgekrempelt. Zuerst kamen Unternehmen, die darauf spezialisiert waren, Fördermittel aus Sanierungssatzungen abzurufen. Nach Ablauf dieser wurden durch die Sonder-AfA vermehrt vermögende, westdeutsche Privatleute angezogen. Nach der Jahrtausendwende gingen die Immobilien dann zu Investoren, die mittels Modernisierung und Entmietung massive Mietsteigerungen realisierten. Es hielten also überwiegend immer diejenigen Immobilien, für die die gegenwärtige Rechtslage am profitabelsten war. Wer vermietet, ist nicht starr, sondern hoch dynamisch und gut beeinflussbar.

Vor diesem Hintergrund ist interessant, dass bei ökonomischen Argumenten hier quasi ausschließlich die Mikroökonomie herangezogen wird. Innerhalb dieses Denkgerüstes mag es stimmen, dass regulatorische Eingriffe wie ein Mietendeckel „negative Effekte“ hat. Die Mikroökonomen und auch der hier zitierte Beitrag von Prof. Rieck, betrachten den Mietendeckel aber als singuläres Instrument. Für die gegenwärtigen Eigentümer mögen „negative Anreize“ durch den Deckel entstehen. Dabei könnten wir die Rechtslage doch so gestalten, dass die Häuser denjenigen gehören, die damit vorwiegend bezahlbaren Wohnraum für alle und keinen hohen Profit realisren wollen.

Die Ökonomie als neutral hinzustellen, finde ich fatal. Sie kann innerhalb bestimmter wirtschaftlicher Spielregeln Prognosen abgeben, die mal mehr, mehr weniger Nahe an der Realität liegen. Aber diese Spielregeln lassen sich ändern. Das ist die Aufgabe von Politik. Und wie alle hier haben auch Ökonomen politische Interessen. Auch Prof. Rieck hat seine politische Ausrichtung, die man in seinen anderen Videos und seinen Beiträgen auf „Tychis Einblick“ gut heraushören kann.

Wenn Investoren verschreckt werden, dann ist das meines Erachtens kein Horrorszenario, sondern genau der gewünschte Effekte. Phillip und Ulf haben ja richtig ausgeführt, dass die Bodenpreise inzwischen der Haupttreiber für die Mieten, insbesondere im Neubau sind. Der Bodenpreis für ein gegebenes Grundstück spiegelt einzig und allein die Renditeerwartung für eben dieses Grundstück wieder. In Kreuzberg sind die Bodenpreise zwischen 2010 und 2019 um 1578% gestiegen. Wie soll in einem Bezirk, wo der Quadratmeter vor 10 Jahren noch 1€ gekostet hat, bei jetzt 15,78€/qm noch frei finanziert irgendetwas bezahlbares entstehen?

Nur wenn die Renditeerwartung sinkt - was gleichbedeutend mit der Abschreckung von Investoren ist - können überhaupt bezahlbare Neubauten realisiert und Bestandsmieten abgesenkt werden. Langfristige Deckel/Mietpreisbremsen, einhergehend mit anderen regulatorischen Eingriffen, könnten die Eigentümerstruktur wieder zugunsten von Privatleuten, kommunalen Wohnungsbaugesellschaften und Genossenschaften verändern. Diese kann man ja auch besonders fördern.

Was wir gerade in der Bundespolitik erleben, ist eine weitgehende Entpolitisierung der Wohnungswirtschaft. Umso bedauerlicher ist die Entscheidung des BVerfG, die - und das ist hier bereits ausgeführt worden - juristisch nicht zwingend und darüber hinaus hochpolitisch war. Der Mietendeckel hat gezeigt, dass Politik die Macht hat, wirtschaftliche Verhältnisse zu verändern und das der stetige Anstieg der Mieten in Großstäden nicht als gottgegeben hingenommen werden muss. Das Instrument „Markt“ hat sich als ungeeignet herausgestellt. Neubau ist in der gegenwärtigen Lage ungeeignet, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. „Bauen, bauen, bauen“ hat Hamburg gemacht. Bezahlbar sind die Angebotsmieten auf dem freien Markt dort trotzdem nicht.

Und ein Kommentar noch zum Argument der „Altersvorsorge“ mit Immobilien. Ich kenne in Berlin Vermieter, die mit dem Besitz eines einzigen Haus ihren (sehr hohen) Lebensstandard finanzieren. Man muss sich fragen: Sollte so etwas gehen? Auch das ist eine politische Frage. Ich finde: Nein.

Viele Grüße!

PS:
Vor 10 Jahren wurde der Wohnungsmarkt in Deutschland über Transferleistungen (KdU, Wohngeld) mit alleine 50 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt subventioniert, inzwischen dürfte es nochmal deutlich mehr sein. Wer jetzt noch mehr Wohngeld fordert, der fordert noch mehr Subventionierung von Vermietern und damit eine Verzerrung der Preise nach oben.

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Ich stimme dir ja zu, dass das Thema Mieten auf dem Land nicht die große Rolle spielt, aber:

https://www.zeit.de/feature/deutsche-bevoelkerung-stadt-land-unterschiede-vorurteile

Und am Ende wirst du sowieso niemals alle deine wichtigen Punkte in einem einzigen Wahlprogramm wiederfinden.

Und Mieten sind halt in mehreren Großstädten und Regionen einen heißes Thema mit viel Wählerpotential

Wohin bauen?

Das ist immer das tolle Argument bauen, bauen, bauen nur hat niemand von den Argumentführern einem passenden Vorschlag wohin gebaut werden soll.

In Berlin gibt es schon ein Haus was über die Autobahn gebaut wurde. Gut das war zu West-Berliner Zeiten, aber sicher wird niemand von den „Bauen ist die einzigste Lösung“ direkt über einer Autobahn wohnen wollen.

Dann kommt noch Tempelhofer Flugfeld als Angebot.
Ich wundere mich meistens, dass nicht noch der Grünewald und der Spandauer Forst abgeholzt werden sollen, kann aber auch sein, dass ich diese Forderungen nur nicht mitbekomme.

Und natürlich die berühmte Nachverdichtung ohne auch nur einen Ansatz an Idee, was man mit den Bewohnern/Nutzern der Gebäude macht solange man baut.

Hinzu kommt daß alle jammern, man könnte ja Neubau gar nicht so preiswert gestalten, das da sinkende Mieten bei rauskommen, aber auch darum schert sich die Fraktion „bauen ist die einzigste Lösung“ keinen Deut.

Wenn Neubau nur zu 15€ kalt pro qm geht, dann nützt dir noch so viel Neubau nichts wenn der Markt bei 13€ kalt stöhnt und das kaum gestemmt bekommt.

Moin Pia,

Ganz so einfach war und ist es dann doch nicht. Es war eben erheblich umstritten, ob der Mietendeckel überhaupt Bürgerliches Recht iSv. Art. 74 I Nr. 1 GG ist. Es gab durchaus Stimmen (und auch gewichtige Argumente) dafür, dass das Ding zum „Wohnungswesen“ gehört, das in die Kompetenz der Länder fällt. Gut nachlesen kann man das in den Gutachten hier: Landeskompetenzen für Maßnahmen der Mietpreisregulierung - Rosa-Luxemburg-Stiftung und hier: Bundesländer dürfen Mieten deckeln - Fraktion DIE LINKE. im Bundestag

Im Gegenteil ist es sogar so, dass sich das BVerfG viel Mühe gibt, zu erklären, warum der Mietendeckel nicht (mehr) unter das „Wohnungswesen“ fällt. Das sieht man gut in den Rn. 180 ff. und den Rn. 116 ff.

Klar war die Sache also keinesfalls. Umso mehr finde ich die Berichterstattung über das Urteil teilweise etwas befremdlich. Mir scheint, dass sich ein gewisser Spin durchgesetzt hat, von dem auch die Lage nicht unverschont geblieben ist, nach dem das Urteil eine „Klatsche“ oder zumindest eine „glasklare Entscheidung“ sei. Das ist natürlich nicht völlig falsch, weil das Ergebnis am Ende nunmal glasklar ist. Aber das liegt bei Kompetenzfragen nunmal in der Natur der Sache. Eine „bisschen verfassungswidrig, bisschen i.O.“-Entscheidung war eben nur dann denkbar, wenn man über die Kompetenzfrage hinwegkommt. Aber dieses Framing insinuiert mE, dass auch der Weg zu diesem Ergebnis von Anfang an „glasklar“ war (und damit die RRG-Leute einfach ein bisschen deppert). Und das ist eben, auch wenn man das Urteil liest, nicht der Fall. Die Sache war nicht einfach und das Urteil spiegelt das auch wider, eben nur in dem Rahmen in dem Urteile in Kompetenzfragen das vom Stil her überhaupt tun. Deswegen frage ich mich, ob man da nicht in gewisser Hinsicht denjenigen auf den Leim geht, die das Urteil nutzen wollen, um das Projekt selbst ein für alle mal zu erschlagen. Vielleicht ist das aber auch ein bisschen zu kleinlich: Bitter ist die Sache am Ende natürlich schon.

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Sehr geehrtes Lage-Team, gerne höre ich Eure Beiträge und finde insbesondere erfrischend, dass Ihr die jeweilige Rechtslage juristisch verständlich erläutert. In Bezug auf den Mietendeckel habe ich jedoch eine gewissen Differenziertheit vermisst. Dabei meine ich jetzt nicht, dass der Mietendeckel wegen der fehlenden Gesetzgebungskompetenz nicht haltbar war (was mich nicht überrascht hat). Ich hätte es allerdings für sinnvoll gehalten, inhaltlich (stichpunktartig) auf den Mietendeckel einzugehen, der nicht nur einen Mietenstop vorsah (was ja noch irgendwie verständlich gewesen wäre), sondern auch die Absenkung der Miete auf die Tabellenmiete und das Verbot von Mieterhöhungen überhaupt (mit kleinen Ausnahmen bei Barrierefreiheit und Klimaschutzmaßnahmen). Das hat bei nicht wenigen Kleinvermietern dazu geführt, dass sie für ihre kreditfinanzierten Eigentumswohnung keine Anschlussfinanzierung erhalten haben. Verständlich ist auch nicht, dass ein Mieterhöhungsverbot galt, sogar wenn die Mieten deutlich unter der Tabellenmiete lagen (was Sanierungen verhindert hat). Ich hätte mir hier gewünscht, dass die gute Absicht, die sicherlich hinter dem Gesetz stand, nicht als Rechtfertigung dafür diente, dass ein in Teilen wirklich ungerechtes Gesetz (s.o.) so hochgelobt wurde. Und ich habe in Eurem Beitrag den Hinweis vermisst, dass es durchaus ein Bundesgesetz gibt, dass es Vermietern verbietet überzogene Mieten zu verlangen, nämlich die Mietpreisbremse. Diese funktioniert - anders als in Funk und Fernsehen immer wieder behauptet - nämlich durchaus, jedenfalls da wo es Mietspiegel gibt.
Ich werde weiterhin Eurem Podcast zuhören und auch weiter empfehlen.

Ich finde, dass die Inhalte des Gesetzes in der Lage ausreichend dargestellt wurden. Das Thema kam ja nicht aus dem nichts, sondern begleitet das politische Geschehen seit inzwischen über zwei Jahren und wurde dementsprechend auch immer wieder in der Lage aufgegriffen. Stammhörer:innen sollen ja auch nicht gelangweilt werden, indem die gleichen Inhalte immer wiederholt werden. In Verweis auf eine ältere Folge mit detaillierter Erklärung in den Shownotes, wäre vielleicht eine Lösung.

Zu der inhaltlichen Kritik:

Die Eigentumswohnung wird in diesem Fall nicht selbst genutzt. Das sich die Marktsituation ändern kann und damit auch mögliche Kreditkonditionen muss jedem Käufer klar sein. Wenn sich die eigene Investition nur durch hohe Mieten rentiert, dann ist man „Teil des Problems“. In diesem Fall muss dann das individuelle Gerechtigkeitsempfinden hinter dem gesamtgesellschaftlichen zurückstehen. Das hat auch das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil zur Mietpreisbremse so gesehen. Und für diejenigen, bei denen die Deckelmiete Substanzgefährdung oder anhaltende Verluste bedeutet hätten, gab es ja immer noch eine Härtefallregelung.

Eine Erhöhung kam für eng gefasste Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen ja durchaus in Betracht. Zudem war es ja gerade die Idee des Mietendeckels, dass die Preisentwicklung für einige Jahre „eingefroren“ wird. Deshalb auch die Befristung auf fünf Jahre. Bei ernst zu nehmender Substanzgefährdung hätten ebenfalls Ausnahmen gegriffen.

Bei andauernder Regulierung wäre es sicher sinnvoll, moderate Erhöhung zu erlauben. Meines Wissens nach wollten mindestens Teile der R2G-Koalition das sogar wurden aber von Jurist:innen mit Verweis auf den Gleichheitsgrundsatz ausgebremst. Ob zurecht oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Erlaubt man aber die Erhöhung auf die Tabellenmiete, so kann im Bestand eine relativ hohe Mietsteigerung realisiert werden. Damit hätte der Deckel eines der Probleme, das die Mietpreisbremse ebenfalls hat.

Es ist gerade ein elementarer Bestandteil der Mietpreisbremse, dass sie nicht verbietet, überhöhte Mieten zu nehmen. Die dürfen nämlich auch dann bei Neuvermietung bleiben, wenn die ortsübliche Vergleichsmiete überschritten wird (Bestandsschutz). Die durchschnittliche Angebotsmiete für Berlin auf Immobilienportalen liegt bei > 14€/qm. Die Mieten sind hier nach Einführung der Mietpreisbremse im Schnitt genau so weitergestiegen wie vorher. Wie man bei dieser Entwicklung von einem „funktionierenden Instrument“ sprechen kann, ist mir unerklärlich.

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Zumal die Mietpreisbremse keinerlei Einfluss auf Staffelmieten hat, die aber wiederum schön den Mietspiegel treiben und so die Bremse ad Absurdum führt.

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Deutlich Unterkomplex …

Mieten sind nicht nur ein Ausdruck für relative Knappheit, damit fängt es schon an, ansonsten hätte meine alte Heimatstadt nicht abreißen müssen, oder aber die Leute hätten alle umsonst wohnen können.

Wohnraum gibt’s genug wenn eine Stadt um fast 50% schrumpft.

Und wer als einzigste Antwort auf die Problematik bauen schreit muss auch sagen wohin.

Abgesehen davon habe ich woanders hier im Forum gelesen, dass Hamburg genau diese Antwort versucht, seit vielen Jahren mit dem Resultat, dass die Mieten steigen.

Da ist nämlich das nächste Problem: gebaut wird hochpreisig und nicht sozialverträglich und an Mieten wird aufgerufen, was der Markt hergibt egal ob Knappheit oder nicht, einfach weil die Investoren Rendite sehen wollen und die muß irgendwo her kommen.

Du kannst es drehen und wenden wie du willst, ein Mietmarkt nach freien Marktgesetzen wird immer dazu führen, dass es Wohnraummangel gibt und die Mieten steigen.

Die so gerühmte Mietpreisbremse macht alles nur nicht bremsen und falls sie doch irgendwas bremst, dann einen LKW der auf Vollgas läuft mit Trabantbremsen.

Menschen sind bereit dafür Geld auszugeben nicht obdachlos zu sein? Und das auch wenn die Preise eigentlich viel zu hoch sind. Das ist ja eine Überraschung!

Im Ernst: Nur weil bestimmte Preise bezahlt werden, heißt dass noch lange nicht, das die Haushalte sich diese Mieten leisten können. Ein Dach über dem Kopf muss nunmal sein.

Es ist inzwischen keine Ausnahme mehr, dass Haushalte in Berlin 50% ihres Einkommens alleine für das Wohnen ausgeben. Andere Ausgaben für z.B. Gesundheits, Vermögensbildung, Altersvorsorge fallen dann weg. Inzwischen hat ein Viertel der Deutschen überhaupt keine Ersparnisse. Jedes kaputte Gerät oder jeder noch so kleine Unfall kann diese Menschen völlig aus der Bahn werfen. Aber ja, diese Menschen zahlen trotzdem Mondpreise um nicht Obdachlos zu werden. Sehr richtig erkannt.

Vor diesem Hintergrund muss man diese Aussage als Mythos abtun. Zumindest was die Knappheit an Wohnraum betrifft.

Woran derzeit durchaus eine Knappheit besteht, ist eine langfristige, stabile und trotzdem einigermaßen rentable Anlagemöglichkeit für das viele Geld, das sich im Umlauf befindet. Immobilien sind so eine Möglichkeit und entsprechend werden absurde hohe Kaufpreise bezahlt. Dann steigen natürlich auch die Mieten, denn diese Rendite muss ja auch realisiert werden.

Aber wieso sollte jetzt die Stadtgesellschaft für dieses Luxusproblem zahlen? Die Idee des Mietendeckels war doch gerade auch den Kapitalzufluss in die Stadt zu stoppen und damit auch die Preisentwicklung. In Zukunft könnte man dann tatsächlich Neubau realisieren, der für alle bezahlbar ist. Das wird jetzt nicht passieren. Eine Studie in 80 deutschen Städten hat 2018 gezeigt, das Neubautätigkeit im freien Segment tendenziell zu steigenden Mieten führt. Bauen, Bauen, Bauen führt also zu steigenden Preisen, nicht zu sinkenden.

Sozialer Wohnungsbau ist sicherlich wichtig, aber keine Subvention. Subventionen sind eher Subjektförderung, wie z.B. das Wohngeld - für die Ausweitung wurde weiter oben ja schon plädiert.
Mit solchen Maßnahmen schaffen wir aber noch höhere Mieten, weil ja jetzt die absolute Schmerzgrenze weiter verschoben wird. Schon jetzt haben wir eine gigantische Marktverzerrung durch diese Maßnahmen.

Zusammengefasst ist Wohnraum keine Ware wie jede andere. Die Produktionszyklen sind lang, sie ist nicht unendlich vermehrbar, nicht beweglich und absolut lebensnotwendig für Menschen. All dies macht es unmöglich, ausschließlich ökonomische Modelle von Angebot und Nachfrage anzuwenden. Es wäre schön wenn wir endlich davon weg kommen würden, damit man über zielführende Ideen sprechen kann. Einfach nur Bauen ist keine Lösung, dass zeigen genügend Beispiele.

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Eine gewagte These, und „deutlich unterkomplex“. Da war die Diskussion hier vor Wochen schon deutlich weiter. Z.B. bzgl. der Frage, warum es nicht möglich zu sein scheint, Wohnraum zu einem Preis zu bauen, der bezahlbare Mieten erzeugt, welchen Einfluss die Bodenpreise haben etc.
Jetzt mit so einer ökonomisch völlig unsinnigen und argumentativ auch in keiner Weise gestützten Aussage zu kommen, ist echt ermüdend.

Kannst Du diese Studie bitte mal verlinken. Das ist ja ein ziemlich kontraintuitiver Befund.

Das ist bestimmt richtig. Aber ohne Bauen wird es ja wohl auch nicht gehen - bzw. eben nur um den Preis dauerhafter Wohnungsnot, mit starken regulativen Eingriffen und den entsprechenden Nebenwirkungen, die wir beim Mietendeckel beobachten durften.

Unterkomplex ja sicher, hast du völlig Recht, aber es ändert ja nichts daran, dass der freie Markt nicht zu sinkenden Mieten führen wird, selbst wenn alle Regularien zu Mieten und Bauen wegfallen würden.

Denn auch in der Diskussion die du angesprochen hast, kam ja raus, das es hauptsächlich die Bodenpreise sind die zur Mietsteigerung führen, also würde nicht Mal Abriss und Bau von mehr Wohneinheiten auf demselben Platz zu preiswerteren Mieten führen, da zum einen dadurch der Bodenpreis steigt und zum anderen die Baukosten anfallen.

Was zumindest kurzfristig zu einer Entlastung führen würde, wäre die Herausrechnung amortisiert er Modernisierungserhöhungen und Umstellung der Sanierungskosten auf einen Fondsparmodell, so dass eine Modernisierung/Sanierung/Instandhaltung nicht zu neuen niemals zurück genommenen Mieterhöhungen führen.

Wir haben mal eine solche bekommen, weil der Eigentümer die Fassade und die Treppenhäuser hat neu malen und ausbessern lassen. Die dadurch entstandenen Kosten sind längst durch die Mieterhöhung eingespielt. Beim nächsten mal Malern gibt’s dann die nächste Erhöhung …

Also erklär du doch mal an welcher Stelle ein freier Markt an sinkenden Mieten interessiert wäre?
Zumal die Angebotssteigerung durch Neu- oder Ausbau auch reichlich Zeit schluckt und keiner der Investoren an sozialbau interessiert ist, also nur Angebot im hochpreisigen Segment oder Eigentum entsteht.

Wieso ist der Befund kontraintuitiv? Selbst landeseigene Neubauwohnungen im Berliner Zentrum werden (ohne nenneswerte Gewinnerzielungsabsicht) für 18€/qm erstvermietet. Darunter geht es halt nicht. Natürlich steigen dann die Durchschnittsmieten. Das ist genau die Entwicklung, die man in Hamburg sehen kann. Anyway, die Studie gibts hier.

Das ist richtig. Aber wenn man für bezahlbare Mieten bauen möchte, dann muss man es richtig machen. Wohnraumgemeinnützigkeit, eine günstige Vergabe von Grund und Boden, an bezahlbaren Mieten interessierte Akteuer:innen. In Hamburg hat man das versäumt und die Entwicklung der Angebotsmieten spricht eine klare Sprache. Die steigen seit der Neubauoffensive stärker als vorher.

Den so genannten Angebotsrückgang? Die Wohnungen haben sich nach der Verabschiedung des Gesetzes nicht in Luft aufgelöst. Ein Angebotsrückgang auf Immobilienportalen könnte z.B. auch bedeuten, dass Wohnungen schneller vermietet werden, weil sich jetzt mehr Menschen potentielle Angebote leisten können. Andererseits ist es super auffällig, wie viele Wohnung auf wundersame Weise plötzlich wieder dem Mietmarkt zur Verfügung stehen und vor der Gerichtsentscheidung leer standen. Das ist in Berlin und anderen Städten zwar verboten, Mangels eines Mietenkatasters aber kompliziert zu sanktionieren. Ich hab hier diverse hochpreisige Neubauten um mich rum. Bei vielen Wohnungen ist innerhalb von inzwischen zwei Jahren nach Fertigstellung noch nie die Jalousie oben gewesen.

Bei der Bewertung der Daten muss man außerdem die rechtliche Unsicherheit mit einkalkulieren. Natürlich ziehe ich nicht um, wenn einerseits der Preisdruck nachlässt, andererseits ich nicht einmal weiß wie hoch die Miete in einer neuen Wohnung sein wird. Schattenmieten waren ja der absolute Standard. Hier wäre es spannend gewesen die Effekte nach einer positiven, rechtlichen Klärung zu beobachten. Das bleibt uns jetzt fürs erste verwehrt.

Die andere Nebenwirkung wäre, dass mehr Wohnungen in Eigentum umgewandelt werden? Okay, mag sein. Aber auch Eigentumswohnungen müssen irgendwann bewohnt werden. Im übrigen standen die Kaufangebote doch relativ lange bei Immoscout drin, die Nachfrage scheint also deutlich geringer zu sein.

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Zu der Angebotsundnachfragethematik würde ich noch kurz die Dimension einwerfen wollen, dass „Die Nachfrage Steigt“ nicht unbedingt heißt „mehr Menschen suchen“ an einem gewissen Ort Wohnraum sondern auch einfach: Menschen wollen mehr Wohnraum pro Mensch:

Das treibt natürlich das Angebot an Wohnraum un dist natürlich regional noch differnzierter.

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Ich mache die gegenteilige Beobachtung. Wohne auch auf dem Land, aber viele Leute sind entsetzt über den Mietwucher (der ja in München noch ärger ist als in Berlin). Sie sind selbst nicht betroffen (wenige Leute hier wohnen zur Miete), aber sie sind wütend auf die gnadenlosen BWLer, die von der Politik gehätschelten Investoren, die nur kommen um abzugrasen. Viele meiner Bekannten fürchten eine Art Destabilisierung durch diese Umverteilung von den Vielen zu den Wenigen, und deren dynamische Entwicklung, die den Gesetzen des „freien Marktes“ nach ja wohl nicht von selbst sich begrenzen wird.

Eine Begrenzung der Mieten, und vor allem der Bodenpreise, ist nicht nur ein Argument für den Wahlkampf sondern einfach eine Notwendigkeit. Um das zu erkennen, muss man nicht „links“ sein, sondern einfach nur mehr als 4 Jahre vorausdenken.

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