Ich wende quasi für jede Entscheidung, in der es mehr als 2 Optionen gibt (also mehr als Ja/Nein), die Konsensierung an und sie hat uns schon oft viele Diskussionen erspart und schnell Akzeptanz geschaffen. Als konkretes Beispiel kann ich aus meiner Arbeitsumgebung die sogenannten „Code Conventions“ bei der Programmierung nennen. Etwa die Frage, nach welcher Logik leere Zeilen oder Zeichen im Programmcode akzeptiert werden sollen. Das klingt jetzt vielleicht nach einer Kleinigkeit (wie Leerzeichen gesetzt sind ist nämlich für die Computer irrelevant), aber erstaunlicherweise gibt es unter Entwicklern schon bei solchen Fragen immer viele Diskussionen, da es starke Meinungen gibt.
Im Titel steht die Bundestagswahl, weil ich genau für die Sonntagsfrage der Bundestagswahl eine Konsensierung erstellt habe. Aber wo genau man im demokratischen System später die Konsensierung sinnvoll einsetzen sollte, das kann man ja dennoch vom Titel unabhängig diskutieren, die Ergebnisse sollen (sofern noch mehr Leute teilnehmen) nur bei den Überlegungen unterstützen.
Ich bin in Bereich Wahltheorie kein Experte, mache mir aber meine Gedanken. Ich möchte aber klarstellen, dass es sich beim Konsensieren weder um eine Vorzugswahl handelt (da es keine Platzierung gibt), noch um eine Punktewertung für die Zustimmung. Es geht beim Konsensieren eben nicht um die Zustimmung, sondern um die Frage, wie sehr einen eine bestimmte Option stören würde. Diese umgekehrte Fragestellung legt den Fokus klar auf die Fragestellung: „Was wäre denn eigentlich, wenn wirklich die Option X für alle gelten würde?“ Meiner Erfahrung nach führt das einfach zu für die Gesamtgruppe akzeptableren Gesamtergebnissen. Ob das jetzt auch für die Bundestagswahlen gelten würde, das weiß man erst, wenn man es mal probiert hat.
Also ich finde die Bundestagswahlen schon ultra komplex. Gerade weil man nur ein einziges Kreuz machen darf, macht es das viel schwieriger sich zu entscheiden, wen man eigentlich unterstützen soll, selbst wenn man ganz genau weiß, wofür die Parteien stehen und auch ganz genau weiß, was man selbst für Interessen hat. Man fragt sich, welche Koalitionen entstehen könnten. Man fragt sich dann natürlich auch, welche Parteien bei welchen Punkten nachgeben würden.
Ich persönlich fände es einfach, man gibt jeder Partei eben einen Widerstandswert und am Ende regiert die Partei, die die größte Akzeptanz hat. Das würde vermutlich auch zu einer ganz anderen Art von Politikdenken unter den Politikern führen. Jede Partei wäre dann besonders interessiert daran, für möglichst viele wählbar zu sein und würde viele verschiedene Interessen berücksichtigen anstatt nur auf ihre eigenen Interessensgruppen zu zielen. Zumindest wäre es ein interessantes Projekt, das mal im Kleinen zu verifizieren.
Das verstehe ich nicht. Die Formel sollte natürlich gesetzlich festgelegt sein und den arithmetischen Mittel zu nehmen als ersten Ansatz liegt mathematisch und menschlich nahe, oder nicht?
Grundsätzlich ist es beim Konsensieren ja so, dass der Mittelwert an sich ja schon viel aussagt. In meiner Ergebnistabelle habe ich etwa die gesamte „Akzeptanz“ einer Option berechnet, indem ich den Mittelwert genommen habe und umgekehrt auf eine Prozentskala übertragen habe. Ein Widerstands-Durchschnitt von „3,5“ wären demnach äquivalent zu 65% Akzeptanz. Ein Kandidat, der einen Widerstands-Durchschnitt von „9,0“ erhält hat somit nur 10% Akzeptanz. Man könnte in einem Gesetz also analog zum Prinzip von „mind. 50% der Stimmen“ für Gesetze im Bundestag etwa fordern, dass die Akzeptanz mind. 50% sein muss.
Übrigens gibt es im Systemischen Konsensieren auch die Idee des „Passivvorschlags“. Dabei geht es darum, dass man feststellen möchte, ob überhaupt eine Änderung nötig ist und ob die verfügbaren Optionen überhaupt besser sind als wenn man „nichts tut“. Was „nichts tun“ im Kontext von Bundestagswahlen aber sein könnte, da war ich mir nicht sicher (weder „niemand regiert“ noch „die aktuelle Partei regiert weiter“ erscheint mir als sinnvoll). Wenn es so eine Option gibt, dann kann auch diese gewinnen oder aufzeigen, welche Optionen auf keinen Fall in Frage kommen, weil sie eindeutig schlechter sind als „nichts zu ändern“. Wenn man sie weglässt ist die Orientierung jedoch die 5,0 (oder 50% Akzeptanz). Ein Durchschnittswert über 5,0 für eine Option ist ein Hinweis darauf, dass bei dieser Option hohes Konfliktpotenzial vorliegt.
Das sind alles interessante Fragestellungen und ich habe zu ihnen keine finale Meinung. Ich sehe das so, dass es letztlich davon abhängt, wie die Menschen in so einer Konsensierung wählen würden. Und auch, wie die Parteien auftreten würden. Ich könnte mir – wie oben schon angedeutet – vorstellen, dass Politik bei Konsensierungswahlen ganz anders gemacht wird. Gerade weil man eben nicht mehr nur von der eigenen Zielgruppe „gewählt“ wird, sondern weil man von jedem einzelnen Wähler und jeder Wählerin in der Akzeptanz „gewertet“ wird. Allein schon deshalb müssten die Parteien weniger Interesse haben, Konflikte zu schüren und inhaltlich mehr auf andere Gruppen zugehen.
Das hätte langfristig vermutlich eine ganz andere Art von Parteienlandschaft zur Folge.