Die demokratische Mitte blickt rat- und orientierungslos auf die Wiederwahl Donald Trumps, aber auch die Wahlergebnisse in Deutschland. Ezra Klein und Derek Thompson geben in ihrem neuen Buch „Abundance“ eine interessante Erklärung für das Erstarken populistischer Kräfte.
In aller Kürze: Sie stellen die These auf, dass liberale Kräfte in den letzten Jahren eine „politics of scarcity“ verfolgt hätten. Im Vordergrund hätten Verzicht und Verteilungskämpfe gestanden, insgesamt habe es an einer positiven Vision der Zukunft gefehlt, die sich die Erweiterung von Optionen und Chancen zum Ziel setzt.
Mein Eindruck war, dass sich viele der Probleme, die wir heute diskutieren, aus dieser Perspektive analysieren lassen: Umweltschutz, Wirtschaftswachstum, Entbürokratisierung, aber auch kulturelle Themen wie Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit („cancel culture“), die sog. „Krise der Männlichkeit“ etc.
Das Buch wird in linken Kreisen in den USA gerade viel diskutiert und als vielversprechende und vor allem anschlussfähige Antwort auf den backlash der letzten Jahre gesehen. Würdet Ihr die Autoren in Euren Podcast einladen oder alternativ das Buch besprechen (vielleicht auch mit einem Experten / einer Expertin zum Thema Autokratisierung)? Vielleicht ist es ja auch in Deutschland und Europa anschlussfähig. Allzu viel Zeit haben wir wohl nicht mehr, um zu verstehen, was gerade passiert und welche Lösungen es geben könnte …
Ich würde das Thema auch begrüßen. Ich teile auch die Herleitung, die sich ja nicht substanziell geändert hat seit dieser Post erstellt wurde und auch für uns in Deutschland (wenn auch mit AfD statt Trump) gilt. mMn fehlen insgesamt ein wenig die Visionen im progressiven Lager und die hier im Buch angedachte halte ich für pragmatisch und anpassbar genug um mal frischen Wind reinzubringen. Gleichzeitig ist sie weit genug weg vom “Zurück” der AfD, dem Stillstand der GroKo und den Degrowth-Rändern bei Grünen und Linken.
Nachdem jetzt ein Jahr schon ins Land gezogen ist, kann man sich ja mal fragen, was und wieviel man da aus den US-Diskursen mitnehmen kann, würde mich im Sinne eures konstruktiven Journalismus sehr freuen. Alternativ muss ich doch einen eigenen Podcast aufmachen
So wie ich das mitbekommen habe, wird das Buch in liberalen* Kreisen gefeiert, in linken Kreisen aber eher skeptisch gesehen. Deregulierung ist ja auch eher ein liberales als ein klassisch linkes argument. Ezra Klein würde sich selbst wohl auch nicht als Linken bezeichnen. Interessant ist es aber sicherlich trotzdem.
*liberal im US-Sinne, sprich tendenziell progressiv, wirtschaftlich sozialliberal bis Realo-sozialdemokratisch
Ja, stimmt da haben sich auch einige „Lager“ herausgebildet, die das Buch aus unterschiedlichen Perspektiven (zB corporate power) kritisch sehen oder befürworten. Insgesamt finde ich den Ansatz aber sehr interessant und diskussionswürdig. Finde auch, dass sie sich gut und kritisch mit ihren eigenen Positionen auseinandersetzen.