Brauchen wir eine ÖR Social Media Plattform?

Wir haben ein massives Demokratieproblem: Die politische Debatte (gerade auch der Bürger:innen) findet maßgeblich auf Plattformen statt, die reichen, ausländischen Privatpersonen (noch dazu mit massiven politischen Eigeninteressen, siehe Elon Musk) gehören. Diese Plattformen bestimmen im Endeffekt, was und wie überhaupt diskutiert wird und welche Meinung welche Reichweite bekommt. Fake News, Desinformationen etc. grassieren seit Jahren, das Thema ist altbekannt.

In der Lage gab es ja neulich den Aufruf, alternative Netzwerke wie Mastodon (oder Signal als Messenger) zu unterstützen. Bei aller Sympathie sehe ich hier wenig Erfolgsaussichten, da der Markt nun mal durch die global player dominiert wird und ein Netzwerk maßgeblich davon lebt, dass alle anderen “schon da” sind.

Was könnte die Antwort sein?

Ich will mal ein bisschen Utopie loswerden und frage mich, was ihr darüber denkt: Wie wäre eine öffentlich-rechtliche Social Media Plattform nach Vorbild des öffentlich-rechtlichen Rundfunks?

  • (mit) finanziert aus Mitteln der Allgemeinheit
  • kontrolliert von Rundfunkräten
  • nach Algorithmen, die a) nicht der Logik von Emotionen (“Wut klickt gut”) gehorchen oder gleich b) gekauft werden können (vgl. Musks blauer Haken ), gerne Open Source o.ä.

Hintergrund: Der Kerngedanke des ÖRR besteht ja darin, dass die Öffentlichkeit ein gemeinsamer Raum der kritischen Diskussion über den Staat sein soll, der nicht selbst vom Staat kontrolliert wird, aber auch nicht einzelnen Privatpersonen gehört, sondern möglichst : allen.

Man kann am ÖRR, wie er heute ist, sehr viel kritisieren, aber ich sehe kaum einen Gegenentwurf, der für die demokratische Debatte ähnliches leistet. Nun stammt der aus einer Zeit, in der Medien einen / wenige Sender und viele Empfänger:innen hatten. DAs ist vorbei. Heute funktionieren Medien eben anders: die “Empfänger” wollen selber auch senden, mitreden. Und das ist OK. So lange es nach geregelten Maßstäben passiert, die tatsächlich jedem eine ähnliche (!) Chance einräumen, gehört zu werden. Genau das passiert ja auf Social Media nicht (und im ÖRR vlt auch nicht).

Die Idee ist vielleicht nicht wahnsinnig sexy und sie ist sicher nicht umsonst. aber vielleicht ist sie unser best shot? Immerhin würde sie eine relevante Größe erreichen, die Mastodon sicher nicht mitbringt, vielleicht gerne gleich auf europäischer Ebene? (ein Kumpel von mir hat als Namen vorgeschlagen: SoMeONE = Social Media Open Network Europe)

Also, was denkt ihr? Darf so viel Utopie sein? Wo seht ihr Stärken oder Schwächen der Idee? Wer wäre zuständig für die Umsetzung?

LG

P.S. alls es jmd interessiert, ich hab das Thema in meinem eigenen Podcast-Projekt etwas ausgebreitet, Link hier

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Das heißt der ÖRR soll eine weltweit tätige Plattform betreiben oder soll es zurück zum Klein-Klein und wenn man aktuelles über seinen Lieblingssänger, -Sportler oder was auch immer bekommen will muss man doch wieder auf Instagram oder X oder Facebook ausweichen?

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Auch wenn ich Sympathien für die Idee habe und deinen Hintergedanken verstehe, sehe ich kein einziges europäisches, geschweige denn deutsches Unternehmen, das mit den beliebten Plattformen aus den USA und China (Instagram, Facebook, X, TikTok etc.) mithalten kann. Und mit demokratischem Patriotismus allein wird man keine ernsthafte Konkurrenz zu den oben genannten Riesen aus der Branche aufbauen können (gemessen and Userzahlen).

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einfacher wäre es, wenn der bestehende ÖRR das macht, als neues Angebot.

Besser wäre es, eine neue ÖR-Struktur auf europäischer Ebene aufzubauen, das hätte dann auch Chancen auf eine höhere Reichweite, bessere Vernetzung etc.

Natürlich ist es am Ende nur eine Plattform unter vielen weltweit und jeder kann jederzeit auch X , TikTok etc. nutzen. Aber es gäbe eben zumindest eine Plattform, deren Algorithmen nicht nach ökonomischen oder politisch interessierten Maßgaben funktionieren, die ordentlich moderiert wird usw

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Aber orientiert sich das wirklich am Bedarf?

Alle die ich kenne (natürlich eine wieder limitierte Bubble) interessieren sich für Themen die auch über die EU hinausgehen. US-Sports, US Medien über die aktuelle politische Lage, Kochrezepte aus aller Welt, Musiker, Sportler, etc.

Was bringt denn eine Social Media Plattform bei denen dann schonmal rein geografisch nur ein Bruchteil an Beteiligten vorhanden ist?

Ich meine, grundsätzlich bin ich offen für neues. Die Algorithmen sind heute eh mist. Mir werden z.B. Hinweise für Spontane Veranstaltungen wo ich, hätte ich davon erfahren, hingegangen wäre oft erst Tage nach der Veranstaltung angezeigt. Damit verfehlen Facebook und Instragram mehr und mehr das, weshalb ich dort angemeldet bin. Aber wenn ich mich dann wieder nur mit einem kleinen Teil vernetzen kann, dann hätte ich auch auf StudiVZ bleiben können.

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Ich finde es auf jeden Fall sinnvoll, wenn der Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ein starkes Engagement auf sozialen Medien einschließt. Ich bin kein Experte, kann mir aber vorstellen, dass es schwierig wird, mit einem Projekt, das bei Null anfängt, relevante Reichweite aufzubauen. Das Angebot müsste mindestens auf europäischer Ebene angesiedelt und natürlich weltweit verfügbar und interessant sein.

Was ich jetzt schon für möglich und sinnvoll halte:

  • Starkes Engagement mit eigenen Inhalten auf Mastodon und anderen dezentralen Plattformen
  • Medienübergreifende Konzepte, um Publikumsströme auf die Angebote zu lenken und Aktivität anzukurbeln
  • Eigene Server beisteuern, die dauerhaft unabhängig und sicher bleiben

Gleichzeitig müssten soziale Medien fairer reguliert werden, etwa durch Vorgaben, was Algorithmen dürfen und was nicht. Wenn Algorithmen offengelegt, geprüft und genehmigt werden müssten, bevor sie eingesetzt werden dürfen, würden die Menschen auch auf angestammten Plattformen eine freundlichere, fairere Umgebung vorfinden. Gleichzeitig könnten sich diese Plattformen nicht länger einen Vorteil verschaffen, indem sie unablässig auf die Panik-Pauke hauen.

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da sehe ich kein Problem. Auf der Seite des Rundfunks ist es ja auch so, dass die ÖRR über Themen wie Sport, Musik , Kochrezepte berichten, auch aus aller Welt.

genau deswegen schlage ich ja auch vor, das nicht privatwirtschaftlich (“Unternehmen”) zu organisieren, sondern öffentlich-rechtlich. Die ARD ist ja auch kein Unternehmen, aber trotzdem innerhalb ihres Sendegebiets immer noch konkurrenzfähiger als, sagen wir, Mastodon oder Bluesky.

wenn das mit der Regulation klappen würde, bräuchten wir meinen Vorschlag nicht, weil dann ja die bestehenden Plattformen schon ok wären.

Ich frage mich einfach, ob es am Ende sogar “niederschwelliger” ist, eine “korrekte” Alternative zu den bestehenden Plattformen anzubieten, statt die bestehenden Plattformen dahin zu regulieren, wo man sie haben möchte.

Ich verstehe das schon. Was ich damit sagen wollte war, wenn es die privaten Unternehmen nicht schaffen, wieso sollte es ein ÖRR Player schaffen, 10er Mio. Menschen auf deren Plattform zu ziehen?

Da würde mich eine Facheinschätzung interessieren. Ich wage zu bezweifeln, dass die ARD aus eigener Kraft ein Angebot aufbauen könnte, das auch nur ansatzweise an Mastodon oder Bluesky heranreicht.

Ich glaube, unabhängige, dezentrale Plattformen sind immer wichtig. Egal wie beherzt wir regulieren: Zentrale Plattformen bedeuten immer Machtkonzentration. Sie können unliebsame Nutzende aussperren, durch eine Übernahme ihren Charakter verändern oder schlicht abgeschaltet werden.

Ja, aber das ist auch der Grund, warum ich neben reichlich deutschem ÖRR auch verschiedene soziale Medien (im Read-Only-Modus) und ÖÖR aus anderen Ländern nutze. Hier erhalte ich wesentlich Einblicke in Sichtweisen, die es in deutschen Redaktionen nicht unbedingt gibt.
Zudem fehlt mir bei der Idee die Berücksichtigung eines zentralen Unterschieds zwischen der Funktionsweise eines Radio- oder Fernsehsenders und der einer Sozial-Media-Plattform. Beim einen werden die Inhalte zentral von Menschen generiert, die in der Regel dafür bezahlt werden, beim anderen stellt der Betreiber (im besten Fall) nur die Plattform zur Verfügung und moderiert vielleicht noch, aber die Inhalte sind vorwiegend nutzergeneriert.
Daher ist die entscheidende Frage: Welchen Grund sollte ein Nutzer haben, statt einer privaten Plattform mit einem entsprechend attraktiven Angebot für seine Interessen so eine ÖRR-Plattform zu nutzen. Debatten wie X vs. Mastodon, WhatsApp vs. Signal oder Microsoft vs. Linux machen mich sehr skeptisch, ob es die Mühe wert ist.

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Nein! Es geht nicht um den einen monatlichen Bericht über die NHL sondern darum, dass ich täglich Spielberichte sehen möchte und das kann nicht die Aufgabe des ÖRR sein, sondern dazu sehe ich lokale Sender sowie die offizielle Accounts der NHL und deren Teams.

Und über die Lage in den usa werde ich durch amerikanische lokale und regionale Medien auch ganz anders informiert als durch den deutschen ÖRR.

Authentische Kochrezepte finde ich durch lokale Accounts auch ganz andere als durch die eine Reisesendung auf 3Sat.
Und es wird sich kaum ein Tscheche, Japaner, Brasilianer oder was auch immer auf einer deutschen Plattform anmelden um dort Kochvideos hochzuladen.

Ehrlich gesagt konsumiere ich sehr wenig ÖRR, weil der mich eben nicht über die Themen informiert, die mich interessieren - und schon gar nicht in der Tiefe, die für mich interessant ist.

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Es würde ja in einem Netzwerk auch nicht darum gehen, wer Inhalte erstellt, das machen ja immer die Nutzer. Sondern es geht darum, wer Algorithmen einstellt und welchem Ziel die folgen. Das Straßennetz ist ja auch nicht privatisiert, sondern dient dem Gemeinwohl, darum betreibt das die Allgemeinheit. Warum soll das nicht auch für den digitalen öffentlichen Raum gelten, frage ich mich.

Um als Plattform attraktiv zu sein braucht man aber Nutzer die dafür sorgen, dass attraktiver Content vorhanden ist.

Dies geht insbesondere in der Masse in meinen Augen nur durch eine weltweite Zielgruppe.

Wenn man also wirklich eine echte Alternative sein will und nicht nur ein zusätzliches Angebot, dann muss man entsprechend Reichweite erzeugen. Wenn die meisten Nutzer noch auf den großen Plattformen bleiben müssen, dann können sie doch ebenso ganz dort bleiben.

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Muss das denn das Ziel sein? Viele nutzen mittlerweile mehrere Messenger und Netzwerke.

Die meisten Messenger dürfen in professionellen Umgebungen gar nicht legal eingesetzt werden. Hier hätte ein europäisches Projekt auf europäischen Servern ein echtes Pfund.
Und wenn dann Unternehmenschats, Elterngruppen und am besten Behördenkommunikation niedrigschwellig möglich ist, will das doch jeder haben?

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Ich auch. Weil ich schon 3 Plattformen brauche um überhaupt das was ich an Infos will zu bekommen.

Für einen Umstieg müsste eine neue Plattform also entweder eine bestehende ersetzen können oder einen anderweitigen Mehrwert bieten. Wenn ich für diverse Accounts eh die anderen Plattformen nutzen werde, dann steige ich nicht nur wegen eines transparenteren Algorithmus um.

Naja, eine lokale deutsche/DACH/EU Lösung ist schon tot, bevor sie überhaupt anläuft. Warum sollte ich sie nutzen?

Der Erfindung, die du suchst, gibt es bereits. Das ist das Internet.

Elon Musk lässt demnächst regelmäßig (alle paar Tage) den Algorithmus von X als open source bereitstellen.

https://www.reuters.com/business/media-telecom/musks-x-open-source-new-algorithm-seven-days-2026-01-10/

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X ist eine tote Jauchegrube und gehört spätestens jetzt wegen Grok abgeschaltet.
Es ist mir unerklärlich, warum dort noch Bundesministerien und Bundesligavereine Nachrichten verbreiten.