Bitte keine Kampfbegriffe mehr... (Nazis)

Hallo zusammen,
dann versuche ich es auch mal im neuen Forum. Wie ich bereits in vielen Kommentaren der alten Plattform kundgetan habe, störe ich mich massiv an eurem teilweise bigotten Umgang mit sensibler Sprachverwendung.
Ich finde es schön, dass ihr gendert. Ich finde es auch gut, wenn ihr - wie in der letzten Folge - die ‚Protestmenge‘ vor dem Reichstagsgebäude als Konglumerat verschiedenster Populisten und Verschwörungstheoretiker bezeichnet.
Ich störe mich jedoch jedes Mal, wenn ihr pauschal von ‚Nazis‘ sprecht. Die Nazis haben über 5 Millionen Menschen vergast und einen Weltkrieg geführt. Ihr trefft mit diesem Kampfbegriff also in keinster Weise auch nur einen dieser Mitdemonstranten. Es gibt doch Begriffe dafür: Rechtsextreme, meinetwegen auch Neonazis, aber bitte verzichtet auf den unpräzisen und häufig nicht zutreffenden Begriff ‚Nazi‘.

Besten Dank,
klx

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Interessant, du würdest den Begriff Neonazi als von Nazi trennen im Bezug auf die normative Implikation?

Wieso die Argumentation über die Opferzahl ? Nazis definieren sich über die Ideologie und daher würde ich auch nicht normativ trennen zwischen Nazis und Neonazi. Diese Trennung ist eine analytische Kategorie welche in einem zeitlichen Kontext zu betrachten ist und keine Differenz in der Sache.

Die nazis haben auch nicht die Shoa bzw. Porajmos begangen „und“ den Weltkrieg geführt. Das ist beides ein und das selbe. In der Ideologie der Nazis war der Weltkrieg dazu da vor allem die Juden aber auch andere Völker zu Vernichten. Daher war auch die Wehrmacht keine normale Armee.

mal abgesehen davon ab wann man in der Ideologie so gefestigt ist das der begriff zutrifft, muss ideologische Schnittpunkte und Kontinuitäten aufzeigen.

Nazi ist kein kampfbegriff…

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Alles eine Frage der Perspektive. Ich finde es zum Beispiel sehr angenehm, dass Menschen, die eine entsprechende Ideologie an den Tag legen und durch Verhalten zeigen auch als das bezeichnet werden was sie sind…Nazis.

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Wo läge denn der qualitative Unterschied zwischen Nazis und Rechtsextremen auf ideologischer Seite?
Das die Rechtsextremen von heute, wie sie auf der Demo liefen, noch keinen Weltkrieg und Massenmord angefangen konnten? Ist man dem folgend ein Rechtsextremist auch erst wenn man den türkischstämmigen Händler wie Enver Şimşek ermordet oder auch schon wenn einem noch die Tatwaffe fehlt? Was ist mit denen die den Tag X mit Todeslisten und Leichensäcken vorbereiten - alles friedliche „Prepper“? Bisschen Vorbereitung kann ja nie schaden?

Es muss aufhören Rechtextreme / Neonazis / Nazis zu verharmlosen. Und zwischen diesen Begriffen kann ich als Laie auch keinen Unterschied festmachen - falls es denn einen gäbe.

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Was unterscheidet den Nazi vom Neonnazi/Rechtsextremisten?
Die Nazis haben die größte industrielle Vernichtung des jüdischen Volkes durchgeführt un die ganzen anderen abscheulichen Verbrechen.
Und die Neonnazis/Rechtsextremisten heute? Die huldigen die Verbrecher von damals, bei vollem Wissen der Gräueltaten, die unter dem NS-Regime begangen wurden.
Ich weiß nicht ob solch Spitzfindigkeiten nur davon ablenken würden/sollen, dass die heute denen damals in nichts nachstehend würden, wenn sie denn die Möglichkeit dazu hätten?!

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Ich konnte in den vorangegangenen Kommentaren leider kein wirkliches Argument für das pauschale Verwenden des ‚Nazi-Begriffs‘ finden, der über ein ‚Die würden ja wenn sie könnten das Gleiche tun wie die Nazis damals‘ hinausgeht.
Darüber hinaus sehe ich keinerlei Verhamlosung im Verwenden des Begriffs Neonazi oder Rechtsextremer. Im Gegenteil: Gab es doch zur Zeit der NS-Diktatur einen institutionellen Zwang zur Mittäterschaft, entscheiden sich die Rechtsextremen von heute vielmehr ‚freiwillig‘ dafür, an dieser Gesinnung zu partizipieren. Letzteres Verhalten erfordert m.E. ein deutlich ausgeprägteres Bekenntnis zu menschenfeindlichem Verhalten.

Zu der Frage nach qualitativen Unterschieden innerhalb der Rechtsextremen Szene kann ich nur auf die Seite der Bundeszentrale für politische Bildung verweisen: Was ist Rechtsextremismus? | bpb.de Wie auch im Linksextremismus existieren hier keine homogen organisierten ‚Typen‘. Auch hinsichtlich ideologischer Unterschiede wird man hier fündig (Skinheads, Antisemiten, Rechte Ökos - ja es gibt sogar sowas…)

So lassen sich AFD-Abgeordnete meiner Meinung nach mehrheitlich durchaus als Rechtsextrem bezeichnen, es wäre jedoch vermessen zu behaupten, sie alle besäßen das gleiche Potenzial zur Gewaltbereitschaft. Auch kann man zur Diskussion stellen ob die Anhängermehrheit dieser Partei von einer NS-Diktatur 2.0 träumt. - Ich denke nicht.

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Ich kann hier den zwiespalt zwar verstehe, auf der einen Seite den Begriff der Nazis nicht aufzuweichen und so die Verbrechen zu relativieren. Auf der anderen Seite muss man jedoch sagen, dass die Beschränkung auf die reinen Phänomene eine Differenz schafft, die fragwürdig im Hinblick auf Kontinuitäten innerhalb der Ideologie sind.

Einige verbindende Elemente bspw der Corona Leugner der Demo zu den Nazis ist der Antisemitismus, die Homöophatie (hier insbesondere der Begriff der Schulmedizin → bei den Nazis jüdische Schulmedizin), die Referenz auf das Volk etc.
Die reine Differenzierungentlang einzelner Unterschiede steht noch nicht im Gegensatz zur Gleichsetzung mit den Nazis. Denn auch hier lässt sich Differenzieren: Nicht alle Nazis waren so extrem esotherisch wie Himmler und die SS Spitze, Die Völkischen Siedlungsbewegungen zu denen gerade Heß sehr viele Verbindungen hatte waren durchaus ebenfalls sehr „Öko“, auch bezüge zu den völkischen Solidarforderungen von Höcke findet man im Flügel der Strasser brüder und der SA ebenso wie radikalkapitalistische Vorstellungen welche sich im Bezug auf den Begriff des deutschen „schaffenden Kapital“ einbinden lassen.

Ich viell dir hier nichts in den Mund legen aber ich verstehe nicht ganz auf was du mit der Differenz des Zwanges (bei den Nazis) und der Freiwilligkeit (bei den Neonazis) hinaus willst. Wenn freiwilliger Anschluss im Sinne des ausgeprägteren Bekenntnis schlimmer zu Bewerten wäre als die gezwungenen die Shoa und Porajmos zum trotz weiter gemacht haben, ist es schon eine mehr als steile These. Ehrlich gesagt sehe ich das auch als verharmlosend an zum einen aus der oberen Argumentation zum anderen da die Referenz auf den Zwang, ähnlich wie der Begriff der Mitläufer historisch über die Masse der Deutschen nicht haltbar ist. Gerade im Bezug auf die Pogrome, welche nicht nur von direkten Nazifunktionären durchgeführt wurden und zum anderen auch gerade Akteure wie die Wehrmacht stark beteiligt waren. Zum anderen ist die Mitläufer schafft doch um einiges aktiver gerade durch Pogrome, Shoa, Vertreibungen etc.
Da wir hier jedoch explizit von Nazis reden finde ich es noch schwieriger vom Zwang zu sprechen, da dies eigentlich perse eine aktivere Komponente Impliziert als das (wenn auch völlig unsinnige) der Mitläufer.

Die frage der Differenzierung innerhalb der Rechtsxetremen ist so eine Sache, zum einen überschneiden sich hier ideologien viel stärker als in der linken Szene. Gerade Antisemitismus verläuft durch die gesamte Rechtsextreme Szene. Meiner Meinung nach nicht nur strukturelle (wie bei Verschwörungstheorien, obwohl die meisten auch hier in offenen Antisemitismus umschlagen) sonder ist konkreter Teil rechtsextremer Ideologie. Natürlich ist es forschungstechnischer Perspektive interessant, dass die Autonomen Nationalen im Gegensatz zu dem Großteil der restlichen Rechtsextremen Szene, ihr bild von Weiblichkeit in teilen von der Passivität im gegensatz zur aktiven Männlichkeit gelöst haben. Das ändert jedoch nicht soviel an der Ursprünglichen Ideologie. Die Verwendung des Begriffes Nazi soll hier vor allem Verbindung zu diesen Ideologien aufzeigen auch wenn man diese nicht direkt sieht.
Bspw bei den Esos
Die Homogenität liegt nicht zuletzt daran, dass die rechten im Gegensatz zur Linken keinen so starken wert auf Theoriearbeit liegt, wodurch sich in der Linken (bzw was man darunter versteht) Gruppierungen herausgebildet haben die sich teilweise stärker untereinander bekriegen als alles andere. Das ist jetzt keine Kritik daran viele dieser Kämpfe sind berechtigt (Mysogenie, Rassismsu und Antisemitis).
Nur können Rechte durch die Ignoranz inkosistenter Ideologien bzw der Lücken, sehr viele eher fragmentale Ideologien inkorporieren. Wie deine Besipiele auch zeigen.
Jedoch gibt es auch hier natürlich Streitigkeiten (AN und NPD) nur sind die Spaltungen nicht so extrem wie in der Linken.

Ich weiß dass der staatliche Extremismusbegriff, nicht zuletzt da dieser von Jesse und Backes herrührt sehr stark auf Gewaltbereitschaft abziehlt ähnlich wie die Staatsfeindlichkeit. Nur ist die Ideologie die zentrale Komponente der Differenzierung. Gewaltbereitschaft nur das extremphänomen, welches in jeder Ideologie auftritt und eigentlich nicht mal eine Ideologie benötigt. Nazis bleiben nazis auch wenn sie nicht Gewalttätig sind zu dem Zeitpunkt der Betrachtung.

Disclaimer, weil mir das jetzt hier schon öfters passiert ist. Ich will dir hier gar nichts unterstellen. Ich versuche lediglich den Kommentar nachzuvollziehen und aufzuzeigen, wo ich Probleme sehe :slight_smile:

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Freiwilligkeit ist kein ideologisches Kriterium und danach Unterteile ich auch die Rechtsextremen nicht. Oben forderst du auf den Begriff Nazi zu verzichten und stattdessen Rechtsextreme oder Neonazi zu verwenden. Ich sehe keinen Unterschied zwischen diesen Begriffen und bin weiterhin sehr interessiert woran man das festmachen möchte.

Im ersten Beitrag bringst du die Gewaltakte an, weswegen früher es Nazis gab, heute aber nur Rechtsextreme. Du störst dich daran das Leute scheinbar pauschal als Nazis bezeichnet werden - sind ja „nur“ Rechtsextreme. Das diese Rechtsextremen natürlich aus den gleichen Motiven mitunter eine selbige Gewalt verüben oder sie ideologisch stützen scheint egal zu sein. Das würde ich rein ideologisch betrachtet als willkürlich bezeichnen. Viele derjenigen die man als Rechtsextrem bezeichnen kann würden dasselbe tun was Nazis auch getan haben. Einige bedienen sich auch mehr oder weniger derselben Sprache und Symbole.

Unterschiede gibt’s in der Szene natürlich. Was das damit zu tun hat Leute als rechtsextrem, Nazi oder Neonazi zu bezeichnen - keine Ahnung.

Kann auch nicht erkennen wie eine ominöse Freiwilligkeit hier zwischen den schlimmen „freiwilligen“ Rechtsextremen und den „guten“ Nazis von Früher unterscheiden hilft. Ist Rechtsextreme etwa der „härtere Begriff“ von den dreien?

Rein zeitlich: Neonazi, es sind ja häufig nicht mehr dieselben wir früher. Rechtsextreme - meinetwegen, wo ist der ideologische Unterschied? Nazis nicht? Es sind Nazis, die aus den gleichen kruden Mix aus Antisemitismus, Nationalismus und rassistischen Motiven zumeist das gleiche wollen. Da es mit eine Demokratie nicht vereinbar ist wird diese versucht abzuschaffen.

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Deine Definition des Nazis ist schon hanebüchen. Das bedeutet ja überspitzt gesagt, dass nur die SS-Elite und die, die direkt in den KZs Völkermord begangen haben, Nazis waren. Allerdings war und ist jeder, der ein derartig menschenverachtendes System unterstützt oder auch nur gutheißt, ein Nazi. Selbst der kleine Steuerberater, der die Finanzbücher eines dörflichen Parteiablegers der Nazis gemacht hat, war ein Nazi, egal ob er je der Front oder einem Juden begegnet ist.

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Wenn man von Nazis spricht betont man die Kontinuität zwischen des Faschismus des Dritten Reiches und rechtsextremen Umtrieben in Deutschland heute. Ich störe mich mehr an Rechtsextremen als daran sie als Nazis zu bezeichnen. Begriffe die Nazis bezeichnen werden immer Kampfbegriffe sein, denn in einer Demokratie muss Faschismus bekämpft werden. Es hilft also nichts das Wort zu wechseln. Es wird auch bald wird Kampfbegriff sein.

Ok. Ich kann eure Argumentation tatsächlich nicht verstehen und werde ein letztes Mal versuchen differenziert auf die Punkte einzugehen. Als Grundlage dient hier der - m.E. qualitativ hochwertigste, differenzierteste Diskussionsbeitrag von Hufschmied. An der Stelle danke, dass du dir die Mühe gemacht hast!
„Auf der anderen Seite muss man jedoch sagen, dass die Beschränkung auf die reinen Phänomene eine Differenz schafft, die fragwürdig im Hinblick auf Kontinuitäten innerhalb der Ideologie sind.“ → Kontinuität bedeutet eben aber nicht Äquivalenz!

„Ehrlich gesagt sehe ich das auch als verharmlosend an zum einen aus der oberen Argumentation zum anderen da die Referenz auf den Zwang, ähnlich wie der Begriff der Mitläufer historisch über die Masse der Deutschen nicht haltbar ist.“ → Selbstverständlich kann man selbstheroisch/utopisch behaupten man wäre der/die Eine gewesen, die den Mut zum Widerstand gehabt hätte. Aber es ist doch eine der zentralen Erkenntnisse aus Experimenten der Psychologie (Prisoner Experiment, Milgram etc. nachzulesen u.A. hier: https://www.uni-due.de/~h100136/PP/WS/ReaderPraxisprojektGanzNormaleMenschen.pdf), dass das Verhalten von Menschen in Situationen des Zwanges (dazu gehört auch die Entscheidungsverflechtungsfalle!) ein deutlich anderes ist, als bei Menschen die in einer Demokratie aufwachsen und die Möglichkeit besitzen sich an allen Ecken und Enden zu informieren oder auch Hilfe (z.B. zum Ausstieg) zu suchen.
„Gerade Antisemitismus verläuft durch die gesamte Rechtsextreme Szene.“ → Wissenschaftlich kenne ich mich da nicht aus. Aus persönlichen Gesprächen mit Rechtsextremen würde ich dieser These widersprechen. Allerdings bekommt man da ja keine latenten Formen von Antisemitismus mit, dafür bedarf es schon einer ausgedehnten Analyse.
„Nazis bleiben nazis auch wenn sie nicht Gewalttätig sind zu dem Zeitpunkt der Betrachtung.“ → Es geht mir nicht um die Ausübung von (du meinst vermutlich physische) Gewalt als Kriterium für Extremismus. Es geht lediglich darum dem historischen Kontext und der historische Dimension gerecht zu werden. Ich fürchte wir kommen da nicht zusammen. Wenigstens habe ich das Witkionary auf meiner Seite: Nazi – Wiktionary demnach kann der Begriff lediglich als Schimpfwort in deinem Sinne gebraucht werden - womit wir uns wohl jenseits dessen befinden, was wir gesitteten Diskurs nennen können.
Und nein, nicht alle von euch so bezeichneten ‚Nazis‘ sind die Form von Extremisten, die wir verfassungskonform (Recht zum Widerstand Art. 20 (4) GG) als LETZTES MITTEL gewaltsam am bekämpfen der FDGO hindern dürfen.

Ich bleibe dabei: Mit der Pauschalisierung und definitionsgemäß falschen Verwendung des Begriffes ‚Nazi‘ wird nicht das erreicht, was sich die Urheber dieser (auf das wiktionary bezogenen) Beleidigung versprechen - es sei denn es wird eine Provokation mit abschließendem Gewaltakt gewünscht: Gewalt erzeugt Gegengewalt.
Kampfbegriffe bitte wirklich nur da, wo das letzte Mittel der wehrhaften Demokratie greifen muss. Andernfalls machen wir uns unglaubwürdig.

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Ich denke der Begriff Nazi ist weitreichender als Parteizugehörigkeit und Epoche. Im engeren Sinne hast du sicher Recht, dass es sich hier eigentlich um eine verkürzte Wortform von Neo-Nazi handelt.

Wenn du dich damit wohler fühlst, kannst du auch den Begriff Faschismus verwenden. Dieser Begriff hat die talienischen Politiker der 30er ebenfalls überdauert.

Eine sehr schön lesbare Analyse dazu (auch zur Fragen warum der Faschismus zum größeren Sammelbegriff geworden ist, anstatt des Nationalsozialismus):
Umberto Eco: Der ewige Faschismus

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Glatt vergessen wollte noch Lese empfehlungen geben ^^

zum Umgang mit rechten:

Defnition Antisemitismus:

Definition von rechtsextremis ist diese wesentlich hilfreicher als die von Jesse/Backes:
Strategien der extremen Rechten – Einleitende Betrachtungen, in Strategien der extremen Rechten
von Stephan BraunAlexander GeislerMartin Gerster

Gern :), nach den erfahrungen aus anderen Threads find ich das Gespräch hier ganz schön. sry schon mal für den langen Text ^^

Zum Punkt der Äquivalenz stimme ich dir zu. Ähnlich wie beim Begriff des Antisemitismus sollte man hier unterscheiden zwischen Aussagen und gefestigtem Weltbild, ähnlich wie es auch in der Radikalisierungsforschung getan wird. Man muss kein gefestigtes Nationalsozialistisches Weltbild zu haben, um Ideologeme oder Aussagen zu treffen die Teil dieser Ideologie sind. Ab wie vielen Aussagen es gerechtfertigt wäre von einem Nazi zu sprechen, wäre dann die Frage. Trotzdem sollte man jedoch jedes mal darauf Hinweisen, wenn Aussagen in der Tradition der Nazi Ideologie stehen. Selbiges gilt für Antisemitismus etc. Dabei sollte man natürlich entsprechend differenzierte Formulierungen nutzen, allein schon damit der Gesprächpartner:in ermöglicht wird ihre Aussage zu revidieren oder zumindest zu überdenken.

Hier kommen wir jedoch an ein anderes Problem in der öffentlichen Diskussionsweise im Bezug auf Aussagen, welcher einer Sanktionierung bedürfen. Nämlich der Essentialisierung gewisser Ideologien auf die vollständige Durchdringung der jeweiligen Person und einer impliziten Bosheit der Person, welches sich entsprechend in der Person auch wiederfinden muss, um dem Vorwurf zu entsprechen. Hier findet eine Differenzierung zwischen Aussagen, gefestigtem Weltbild und den entsprechenden Graustufen nicht mehr statt. Das gilt aber für beide Seiten entweder wird es zur Immunisierung genutzt oder zur vollständigen Delegitimierung.
Diese Dynamik lies sich auch im Fall von Mbembe erkennen. Zunächst der Ausgangspunkt war die Kritik von Felix Klein an konkreten Taten und Aussagen von Mbembe. Sprich seine Unterstützung für den BDS und das Vorwort zum Sammelnband. Die wüste Diskussion die darauf folgte, behandelte vor allem die Frage ob Mbembe den Antisemit sei, dass hatte Klein jedoch nie behauptet. Auch Detjen im Dlf bediente sich hier der typischen Mittel, um sich nicht mit diesen Argumenten auseinander zu setzten. So verwies er darauf, dass das Gesamtwerk Mbembes keinen Antisemitismus enthalte, das Mbembe als Teil der vom rassismusbetroffenen Gruppe stets das Ziel habe Diskriminierungen abzubauen und schließlich die wohl schlimmste Form den eigenen Standpunkt zu legitimieren, nämlich einen Stellvertreter der betroffenen Gruppierung zu nehmen, der die eigene Meinung teilt. In diesem Fall Juden, welche die selbe Position zu Israel teilen. Dabei leiht man sich hier lediglich die Legitimiation in dem man einen " guten" Betroffenen als Beispiel nimmt.
Genau hier liegt die Essenz:

  1. Sind alle Schriften des Autors antisemitisch?
  2. Ist der Autor eine schlechter Mensch (bzw. hier ein guter Mensch)?
  3. Verurteilt die gesamte Opfergruppe diese Ansichten?
    Nach diesem Maßstab ist aber niemand Antisemit und antisemitische Aussagen treffen nur (harte) Antisemiten.
    Um mal die Kurve zu bekommen, auch wenn hier sicherlich Menschen schäumend Mbembe als Antisemiten bezeichnet haben und es genau in dieser Essenz gesehen haben, ist es jedoch kein einseitiger Kampfbegriff sondern eine Dynamik, welche den Begriff wechselseitig verwendet um die normative Oberhand zu erlangen. Daher ist diese Differenzierung zu schaffen alles andere als leicht, wurde doch von Klein direkt der Rücktritt gefordert.

Zur Frage des Zwangs kommen wir zum Konflikt zwischen Autonomie und Sozialdeterminismus. So lässt sich sicherlich in einem Land wie Deutschland sagen, dass stark von Antisemitismus und Rassismus, Obrigkeitsdenken, Disziplinierung und nationaler Überheblichkeit geprägt wurde, dass es nicht verwunderlich ist, wenn die Masse Leuten der Nazi Ideologie gefolgt ist (das gilt auch für die Kinder von Neonazis). Nur hat das Individuum trotzdem die Möglichkeit des Widerstandes. Man ist nicht verdammt dazu Mitläufer zu sein. Die Frage wie man da selbst herauskommt ist eine zentrale Frage in der Forschung.
Ich würde hier auch nicht von meiner eigenen Person ausgehen, sondern von der Frage der allgemeinen Autonomie, auch dann wenn ich mich selbst nicht trauen würde.

Zum Antisemitismus: meine Aussage bezieht sich auf die Ideologie. Hier nehmen Verschwörungstheorien und Antisemitismus eine zentrale Funktion ein im Widerstandnarrativ („die da oben“) und verlaufen daher durch die gesamte Szene. Beim Individuum hängt es wieder davon ab wie stark dieses in der Ideologie hängt. Aber ich bin mir sicher, dass es latent vorkommt, ohne deine Erfahrungen pauschal zu verwerfen. Antisemitismus wird oft sehr subtil ausgedrückt. Ferner verläuft Antisemitismus (antsem. Aussagen) auch durch die gesamte Gesellschaft auch bei linken, was nicht zuletzt auch mit einer allgemein hohen Verschwörungsmentalität und der starken kulturellen Einbindung von antsem. Stereotypen in die Kultur zusammenhängt.

Wie ich oben auch meinte kann ich die Perspektive der historischen Komponente durchaus verstehen, nur kann diese Verengung auch dazu führen das die eigenen Ideologeme und Aussagen zu relativieren bzw. zu externalisieren. „Nur weil ich eine Unterschiedlichkeit von Menschenrassen benenne bin ich doch kein Rassist. Ich fordere ja keine Eugenik. Die, die das fordern sind Rassisten“
Das ist eine grundsätzliche Problematik in der Argumentation über die Verfassungskonformität. Da hier zwischen verschiedenen Werten abgewägt werden muss. Beispielsweise Diskriminierung und Meinungsfreiheit. Somit kann man auch Ideologien folgen die erst in ihrer Extremform verfassungsfeindlich sind. Vorher jedoch unter Meinungsfreiheit bzw. der Vorwurf als Diffamierung gilt fallen.
Das Verfassungsgericht bspw. tut sich chronisch schwer damit
Antisemitismus benennen zu können. Siehe das Elsässerurteil. Daher würde ich auch jenseits der reinen Verfassungskonformität dafür plädieren Aussagen und Menschen so benennen zu dürfen.

Zum Schluss vielleicht noch einen Punkt bei dem wir uns treffen könnten. Es gibt ein Problem, gerade innerhalb, der linken, problematische Tendenzen nicht nur zu benennen und zu verurteilen, sondern die ganze Person für immer zu delegitimieren. Das ist jedoch nicht die Differenz zwischen diskursiver Überzeugung und „Gewalt“, sondern ein Problem im Anspruch. Ein wichtiger Teil des antifaschistischer Arbeit muss es sein die ökonomische Grundlage von diesem Ideologien aufzugreifen und daran eine Kritik aufzubauen, um positive Alternativen zu schaffen. Das ist nicht das selbe, wie die Ängste und Sorgen der Menschen ernst zu nehmen (wie es bei Pegida oft gefordert wurde). Jenseits revolutionärer Utopien und scheiternder sozialdemokratischer Steuerungsparadigmen, gibt es neben der FAU die auch so ihrer Probleme hat wenig Ideen prekäre Arbeitsverhältnisse zu verbessern. Selbiges gilt für ein Männlichkeitsbild das nicht rein ex negativo gedacht wird. Dabei müssen Kritik und Alternativen verbunden werden, um den Rassismus und Mysogenie in der Arbeiterschaft zu kritiseren und diesen gleichzeitig einen Ausweg zu bieten. Mit anderen Worten es brauch eine Vermittlung zwischen Idpol und der „alten“ Linken.
Um das jedoch noch etwas zu relativieren und da es eh zu wenig betont wird. Grundsätzlich (so habe ich diese auch kennen gelernt) gilt für antifaschistische Arbeit. Menschen die ihre Aktivität in der rechtsextremen Szene herunterfahren und aussteigen, werden in ruhe gelassen. Gerade, weil man es auch fördern will, dass diese austeigen. Dabei kann man auch trotz der eigenen Vergangenheit in linke Szenen hereinkommen. Das ist auch der Unterschied zur rechtsextremen Szene, welche Menschen schlicht aufgrund ihrer Hautfarbe umbringen.

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Wenn du dich selbst auf Nazi – Wiktionary beziehst, dann liegst du falsch

Bedeutungen:
[1] umgangssprachlich, Kurzform für: Anhänger des Nationalsozialismus, im engeren Sinne: Anhänger Adolf Hitlers oder Mitglied der Nazipartei (NSDAP)

[2] Schimpfwort, Beleidigung, zum Beispiel mit Betonung auf Ausländerfeindlichkeit, Rechtsextremismus oder extrem autoritärem, undemokratischem Auftreten

Ich behaupte, der Großteil der heute der rechtsextremen bzw. rechtsextremistischen Szene angehört, verehrt den Nationalsozialismus und Adolf Hitler gleichermaßen.
Dazu erfüllen sie wohl weitestgehend auch alle Punkte unter [2].
Damit sind sie doch korrekterweise als Nazis zu benennen, denn es erfolgt ja keine zeitliche Einordnung, zu welchem Zeitpunkt die Zuordnung aus dem Wiktionary ausschließlich zu erfolgen hat - also das es z.B. nur auf die Zeitraum 33-45 anzuwenden ist, sondern allgemein gültig ist?

Beste Grüße
Alex

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„Ok. Ich kann eure Argumentation tatsächlich nicht verstehen“ Ich habe das Gefühl, dass du die ganzen Argumente gar nicht verstehen oder nur nachvollziehen willst.
Anders gefragt: Wer ist denn dann ein Nazi? Kann es deiner Definition nach überhaupt einen Nazi nach 1945 geben? Ist man nur dann ein Nazi, wenn man Mitglied der Nazionalsozialisten war, wenn ja, was ist mit den anderen Kriegsverbrechern der Achsenmächte? Du sprichst hauptsächlich davon, wer alles kein Nazi sein darf und, dass man jaa nicht diesen Begriff nutzen soll. Allerdings bleibst du schuldig, wer oder was denn konkret ein Nazi nach deiner Definition sei.

PS
Das Stanford-Prisoner-Experiment wird in der Psychologie nicht ansatzweise als Beweis für irgend etwas genutzt. Weder war methodologisch sauber geplant und durchgeführt, noch konnten die „Ergebnisse“ wiederholt werden. Es gehört eher in die wissenschaftliche Grusel-/Schmuddelecke. Selbst das Milgram-Experiment ist nur ein hauchdünnes Indiz für die Theorie der Autorität, die bis heute nicht abschließend belegt wurde. Demnach kann man nicht so einfach behaupten, wie du es versuchst, dass die armen Menschen damals ja alle nur gezwungen wurden und absolut gar nichts gegen die bösen Befehle machen konnten. Das ist extrem verharmlosend und macht der Logik des Befehls nach nur den einen Befehlshaber schuldig.

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Viel schlimmer finde ich, wenn immer wieder von „Rechten“ die Rede ist. Wir haben Grundrechte, Menschenrechte, einen Rechtsstaat usw.
Der Wort „Rechte“ bzw. „rechts“ ist also positiv besetzt.

Rechtsradikale, Rechtsextreme und Nazis sind nicht im Recht! Sie sind uns nicht recht! Mir ist egal, ob man diese Rassisten und Faschisten nun Nazis, Altnazis (Ü85) und Neonazis nennt. Nazis sind Nazis und es gibt genug andere passende Wörter, falls man sie nicht Nazis nennen will. Aber man darf sie nicht einfach „Rechte“ nennen. Das wird im Unterbewusstsein positiv gespeichert und spielt diesen Unmenschen genau in die Hände!

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Wie kommst du zu diesem Gefühl? Ich für meinen Teil habe mir dezidiert die Mühe gemacht auf die Punkte von Hufschmied einzugehen - so wie Hufschmied selbst auch!

Nach meinem Dafürhalten sind Nazis tatsächlich diejenigen Personen, die in irgendeiner Form am NS-Regime mitgewirkt haben, sich mit dieser Ideologie damals identifiziert haben und somit mindestens passiv an der Vernichtung von mehreren Millionen Menschen mitgewirkt haben. Kurz: alljene, die nicht den ‚Mut‘ zum Widerstand hatten. Mit anderen Worten Definition 1 des von AlexS zitierten Wiktionarybeitrags.

Zum Beitrag bezügl. Milgram etc.: Da habe ich mich wohl etwas vergaloppiert. In meinem Soziologiestudium wurden diese Experimente gerade im Feld der Arbeitssoziologie genutzt um aktuelle Phänomene zu erklären, bzw. besser zu verstehen. Dass die Psychologen (habe da nur ein paar Vorlesungen besucht und nicht in ‚Gänze‘ studiert) das Rad immer wieder gern neu erfinden und alte Experimente relativieren erscheint mir plausibel. Ist aber für den Erklärungsgehalt im Allgemeinen eher nachrangig! Dazu auch ein Buchtipp meinerseits: Erving Goffman: Asyle. viele der Beobachtungen des Prisoner-Experimentes werden hier in einer qualitativen Studie ebenfalls gemacht.

@Henriette ich stimme dem Kerngehalt deiner Aussage zu. Man sollte evtl. auch vor Gericht mal ‚Link‘ sprechen :wink: Dennoch täte man Rechtsextremen mit der Bezeichnung ‚Nazis‘ ebenfalls ‚Unlink‘ (obenstehende Argumentation).

…hast du meinen Kommentar überhaupt in Gänze gelesen? Selbstverständlich ist der Begriff ein historisch klar definierter. Auf den heutigen Kontext ist er aber eben ein abwertendes Schimpfwort und somit keine klar analytische Kategorie!

ich ehm…hat jemand eine etymologische Kritik des begriffs recht parat?

Das man von rechten spricht, hängt auch damit zusammen dass der Begriff rechte für konservative an Reiz verloren hat. „Als Volkspartei ist man die neutrale rationale Mitte und kein Ideologiesklave“ - wobei es hier auch ein Revival unter den Konservativen gibt. Sie waren Mitte, weil sie keine rechten waren (zumindest nicht nur).
Der Begriff rechts als Sammelbegriff ideologischer Nähe ist aber durchaus Sinnvoll, da es diese Nähe gibt. Die Unterscheidung zwischen Mitte und Rändern/Radikalen ist in sich problematisch, da die Mitte fluide gedacht ist und sich vor allem über die Abgrenzung zu den Rändern definiert.
Hierzu wen es interessiert: https://www.amazon.de/Metamorphosen-Extremismusbegriffes-Diskursanalytische-Untersuchungen-Unzulänglichkeit/dp/3658063114/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=ÅMÅŽÕÑ&dchild=1&keywords=metamorphosen+des+extremismusbegriffes&qid=1600186438&sr=8-1

Interessant ist dabei auch wie sich der Begriff radikal hin zum negativen verändert hat und zeigt ebenfalls das Bild einer angeblich ideologiefreien Mitte an. Dieses Selbstverständnis wird jetzt wiederum von rechten benutzt.

Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass die Begriffe positiv besetzt sind. Nicht zuletzt da für Nicht-Weiße der Rechtsstaat auch nicht nur positiv ist. Zum anderen werden beide in Kontexten benutzt und stehen nicht als Wort für sich. Ich bezweifle, dass hier im Unterbewusstsein überhaupt eine allgemeine Konnotation stattfindet. Sollte jedoch ein stattfinden überlagert diese sicherlich nicht den Kontext. Das Verhältnis von Sprache und Realität ist reziprok, es ist hierbei in der Forschung nicht ganz klar wie man dies auseinander halten soll.
Zu mal hier auch fraglich ist inwiefern sich das Verhältnis von Kultur und Sprache verhält.

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