In deinem Ausgangsbeitrag schriebst du, dass
bekämen. Ich habe angenommen, dass „deutsche Medien“ sich hier nicht auf Agenturen, sondern größere und kleinere Tages- und Wochenzeitungen bezieht, für die man m.E. ja gerade deshalb Geld bezahlt, weil sie die Widergabe von Faktenwissen (oder eben: Agenturmeldungen) mit weiteren journalistischen Tätigkeiten kombinieren, insbesondere eben Kontextualsierung und auch weiterer Recherche.
Ich denke nicht. Ich weiß nicht, wie es früher war - die Publikation spricht ja explizit davon, es sei bis ins 20. Jahrhundert hinein gewesen. Ich teile wahrscheinlich einfach nicht den eher negativen Eindruck der deutschen Presselandschaft. Aber auch sonst scheint mir das, was - um nur ein Beispiel zu nennen - aus den investigativen Ressorts der Öffentlich-Rechtlichen Anstalten, der Süddeutschen Zeitung, des Spiegel, t-online, usw. usw. kommt erstens dagegen zu sprechen, dass deutscher Journalismus überwiegend nicht rechercheintensiv, sondern subjektiv-parteipolitisch ist, und zweitens würde ich eher eine Zunahme der investigativen Formate konstatieren.
Interessanterweise wird ja gerade der New York Times - auch selbstkritisch - vorgeworfen, dass sie sich im Vorfeld der Trumpwahl 2016 viel zu wenig „objektiv“ mit dem Kandidaten auseinandergsetzt hat, sondern bestimmte Framings der Trump-Kampagne einfach übernommen hat, ohne ihre Faktizität ausreichend zu beurteilen. Die NYT ist seitdem geprägt von einer ‚alten‘ und einer ‚neuen‘ journalistischen Auffassung, die genau darum streiten, was eigentlich journalistische Objektiviät bedeutet und wie deutlich man zum Beispiel sagen kann, dass bestimmte politisch vorgebrachte Meinungen falsch sind - oder ob man sich stattdessen vor allem aufs Berichten und Wiedergeben derselben beschränken sollte. Die New York Times hat nach 2016 auch ihren Newsroom personell diversifiziert und breiter aufgestellt, um auch in der täglichen Berichterstattung - und eben nicht im Opinion-Teil - unterschiedliche Standpunkte und Perspektiven zu reflektieren.
Dass z.B. die Israel-Berichterstattung der New York Times nicht tendenziös und parteipolitisch eingefärbt ist, kann man glaube ich auch nicht so ohne Weiteres behaupten.
Ich glaube generell nicht, dass „Ausnahmen die Regel bestätigen“, sondern dass man die Realität vermutlich besser damit beschreibt, dass unterschiedliche journalistische Formate unterschiedliche Lizenzen an „Objektivität“ mit sich bringen. Erstmal gibt es ja durchaus unterschiedliche Trennungssignale von Meinungs- und Nachrichtenteil in deutschen Medien (z.B. räumliche Trennung in der SZ; extra als Kolumnist:innen geführte Journalist:innen z.B. in Spiegel und Tagesspiegel, etc.). Die unterschiedlichen Formate decken ein Spektrum ab, in dem man sich je nach Genre mehr oder weniger „Objektivität“ und „Subjektivität“ leisten kann. Komplett auf „Objektivität“ verzichten kann aber auch keine Kolumnistin und kein Meinungsbeitragsschreiber, genausowenig wie sich subjektive Einschätzungen und Interpretationen im härtesten Fakten-Beitrag vermeiden lassen.
Was mich - subjektiv - übrigens wirklich irritiert hat ist die Einschätzung, dass NYT- und WP-Artikel im Schnitt kürzer wären als Artikel in deutschen Medien. In meiner Leseerfahrung ist das genaue Gegenteil der Fall, da die demonstrative Recherchegründlichkeit (die ja häufig auch in der Sammlung von O-Tönen und Gegenstandpunkten besteht) z.B. in der NYT die Artikel dort tendenziell länger werden lässt als in vergleichbaren deutschen Publikationen. Was ich übrigens keineswegs als negatives Urteil verstanden wissen möchte.