Aufstehn gegen "Russen-Phobie"

Hallo,

die Stadt München das das Engagement des Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker, Waleri Gergijew, sowie der Sängerin Anna Netrebko beendet / aufgekündigt. Wegen Ihrer Nähe zum Putin-Regime.

Ich bin da hin und her gerissen. Zum einen erscheint es mir wichtig zu sein, Haltung zu zeigen. Andererseits wird hier jemand für seine (evtl. noch so abstruse) Meinung gefeuert. Das geht mir dann doch schnell in Richtung „Russen-Phobie“. Wollen wir das wirklich?

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@moderat: Dann kann ich meinen Spruch der gemeldet wurde jetzt hier rein posten ^^

Was man meiner Meinung nach nicht machen sollte ist die in Deutschland (Ausland) lebenden Russen und russisschtämigen für das Agieren Putins zu „bestrafen“.

Und genau das tut man hier. Nähe zum Regime egal ob unterstellt oder bewiesen sollte nicht dazu führen solche Verträge zu kündigen.

Nichts gegen das Kündigen von Sponsorverträgen oder der Ausschluss russischer Mannschaften/Sportler von Wettkämpfen, aber diese beiden hier wurden wegen ihrer künstlerischen Leitung engagiert und nicht um den russischen Staat zu repräsentieren.

Anna Netrepko hat ihre Konzerte selbst abgesagt, soweit ich das sehe.
Gergijew ist diskussionswürdig.
Er ist mit Putin gut befreundet und hat die Annexion der Krim öffentlich befürwortet.
Wenn es nun Musiker gibt, die mit ihm nicht mehr zusammen arbeiten wollen, bleibt fast keine andere Möglichkeit.
Da die Initiative aber anscheinend von Dieter Reiter ausging, tendiere ich eher zu einer Überreaktion, die besser anders gelöst worden wäre.

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Ich tendiere dazu, den konkreten Fall Gergijew noch zu verstehen, da er öffentlich und eindeutig die eigene politische Überzeugung und eine direkte Nähe zur Person Putin und seinem Regime kommuniziert hat.
Grundsätzlich ist die eigene politische Überzeugung aber erstmal Privatsache und kein Kündigungsgrund. Eine Vorverurteilung von Russen muss da vermieden werden.

Genau. Und dagegen muss dringend argumentiert und gehandelt werden. Wladimir Kaminer soll aus einem Taxi geschmissen worden sein von wegen „Russe sein“. Schrecklich, hysterisch, dumm, böse. Wie damals, als man Bürger japanischer Abstammung in USA während WK II internierte.

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Sehe ich komplett anders. Menschen, die den russischen Regime nahe stehen, sollen nicht während die Kriegs öffentliche, gut bezahlte Auftritte in Deutschland haben, die vom Steuerzahler finanziert werden. Putin hat einen Angriffskrieg gestartet, wer sich davon nicht klar distanzieren kann, passt dann eben nicht auf eine Bühne in Deutschland.

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Also wäre es für dich auch ok den kleinen russischen Laden zu boykottieren wenn der sich nicht ein großes Schild in das Schaufenster hängt er wäre gegen den Krieg?

Ich erinnere mich zu Beginn der Pandemie, als ich bei meiner Friseurin war und sie mir allerlei Verschwörungskram erzählte. Seitdem gehe ich woanders hin. Letztendlich war es ein Boykott, auch wenn es sich für mich nicht so anfühlte.

Es ist ja so, dass Gergijew nicht einfach nur ein neutraler Musiker ist, sondern sich in der Vergangenheit durchaus politisch geäußert hat.
Das macht es meiner Meinung nicht so einfach, auch wenn ich bedauere, dass Reiter eher zu den impulsiven Menschen gehört, denn hier wäre Fingerspitzengefühl eher nötig gewesen.

Das kann man wohl kaum miteinander vergleichen. Damals ging es um staatliche veranlasste Internierung einer gesamten Gruppe von Menschen.
Diese aktuellen Vorfälle sind bedauerlich, aber doch eher Einzelfälle. Es sollte natürlich deutlich gemacht werden, dass so etwas nicht in Ordnung ist.

Es gibt Berichte über Pöbeleien gegen Russen oder Bäcker, die den „Russischen Zupfkuchen“ künftig lieber nur Zupfkuchen nennen. Russische Produkte werden aus den Regalen verbannt. Was halten Sie davon?
Das ist schlimm. Wir haben eine sehr große russischsprachige Community in Berlin, die wir bei der Hilfe für die Ukraine gerade bewusst mit einbeziehen. Meine Erfahrung bis jetzt zeigt, dass die russische Community mit der ukrainischen an einem Strang zieht. Gegen die aufkeimenden anti-russischen Ressentiments müssen wir als Staat eine klare Haltung zeigen. Es ist wichtig zu sagen: Es ist Putins Krieg. (Quelle **Interview mit Berlins Integrationsbeauftragter Katarina Niewiedzial, @tagesspiegel 3.3.2022)

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Nö, aber den kleinen russischen Laden, der sich klar für den Krieg positioniert.

Gergijew wäre nicht gekündigt worden, wenn er sich nur „nicht distanziert“ hätte. Er hätte durchaus das Recht gehabt, neutral zu bleiben. Aber er hat eben in der Vergangenheit die Annexion der Krim befürwortet (was durchaus noch im Rahmen des Vertretbaren ist, deshalb wurde er ja auch nicht gekündigt), sodass nun, nachdem daraus ein Angriffskrieg geworden ist, durchaus das öffentliche Interesse nach einer Distanzierung besteht. Dieses öffentliche Interesse wäre bei einem kleinen russischen Laden übrigens auch nicht gegeben.

Exakt. Ebenso wie es Antisemitismus ist, wenn man einem in Deutschland lebenden Juden das Verhalten der israelischen Regierung vorwirft, ist es schlicht Rassismus, unbegründet einem Russen die Taten der russischen Regierung unter Putin anzulasten.

Und genau so, wie man von einem deutschen Juden nicht verlangen sollte, Position im Nahost-Konflikt zu beziehen, sollte man von einem in Deutschland lebenden Russen nicht verlangen, sich im Hinblick auf den Krieg zu positionieren. Aber was wir verlangen können, ist, dass ein in Deutschland lebender Russe sich nicht am russischen Angriffskrieg beteiligt, auch nicht dadurch, dass er die russische Propaganda verbreitet.

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Ja, würde ich machen, wenn sich ein Geschäft pro Putin positioniert. Da gehe ich nicht rein während eines Angriffskriegs von Putin. Ich gehe auch nicht bei Corona Leugner oder Antisemiten einkaufen, wenn die ihre Meinungen öffentlich zur Schau stellen.

Nein, das können wir nicht wollen, denn das ist weder moralisch richtig noch gute Staatskunst, wie der Russland-Experte Mark Galeotti in der Moscow Times geschrieben hat.

Aber die Fälle Waleri Gergijew und Anna Netrebko taugen meiner Ansicht nach nicht als Aufhänger für dieses Problem. Beide haben Verbindungen zu Putin und sind damit nicht einfach nur russische Staatsbürger:innen.

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Nicht 1 : 1, aber die Motive sind die gleichen.

Die Maßnahme stützte sich auf weitverbreitete rassistische Vorurteile und in Fortsetzung verschiedener diskriminierender Einschränkungen, darunter dem Immigration Act of 1924, der die Zuwanderung von Japanern verbot.

Dynamisch zunehmende Einzelfälle, die zu einem hässlichen Problem werden, wenn nicht resolut degagengehalten wird. „nicht in Ordnung“ ist viel zu milde als Bewertung!

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Ich habe versucht, einen Artikel dazu zu finden, was mir nicht gelang und ich positiv bewerte. Denn es zeigt, dass er keine große Welle darum machen wollte.
Statt dessen finde ich einen Artikel von 2019 aus Berlin, dass eine jüdische Familie nicht mitgenommen wurde und einen zweiten Bericht ebenfalls von 2019 und aus Berlin, dass ein Taxifahrer eine Mutter und ihr verletztes Kind auf dem Weg zum Krankenhaus nach der Herkunft fragte und dann aus dem Taxi warf.

Latenter Rassismus ist ein Problem. Jeder kann sehen, wie viele Stimmen die AFD bei den bisherigen Wahlen bekam. Und ja, es ist wichtig, dagegen klar Position zu beziehen und auch immer wieder zu betonen: es ist Putins Krieg, nicht der der Russen.

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Wieso erinnert mich das an die deutsche Nachkriegserzählung? Ist das die vorsorgliche Verneinung jeglicher Verantwortung?

„Natürlich werden viele Russen ihre Verantwortung abstreiten, die zahllosen Verbrechen leugnen. Als Deutsche wissen wir aber: das nützt nicht viel“. Aus:

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Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, was der Umgang mit dem Fall Gergijew mit der rassistischen Gewalt gegen russische Menschen (oder für russische Menschen gehaltene Menschen) in Deutschland zu tun hat. Es geht doch hier um die Frage, ob die Stadt München einen Beschäftigten des Russischen Staates, dessen Unterstützung des Putin-Regimes spätestens seit 2008 überall bekannt ist, in einem herausgehobenen Prestige-Amt beschäftigen und mit Steuergeld alimentieren sollte.

Es hätte vermutlich elegantere Lösungen als diejenige Reiters gegeben, aber dass Gergijew diesen Posten nicht weiter ausüben darf finde ich vollkommen verständlich. Alles andere wäre vor dem Hintergrund der zahlreichen Distanzierunen russischer Künstler:innen von Putins Politik auch äußerst übel. Und dass Gergijews Engagements gerade von Hamburg bis Mailand gekündigt werden spricht ja auch dafür, dass hier in der Konsequenz nicht überreagiert wurde. Freilich hätte es auch in der Verantwortung des Münchener Stadtrates gelegen, den Erfüllungsgehilfen eines faschistischen Autokraten gar nicht erst mit künstlerischen und finanziellen Ehren auszustatten.

Die russische Oper hat jetzt Netrebko auch ausgeladen:
Anna Netrebko verliert Engagement in Russland: - Kultur - SZ.de (sueddeutsche.de)

In Europa zu leben und die Gelegenheit zu haben, in europäischen Konzertsälen aufzutreten, hat sich als wichtiger erwiesen als das Schicksal des Vaterlandes. Wir dürfen keine Angst vor Kulturschaffenden haben, die ihrem Land den Rücken zukehren. Unser Land ist reich an Talenten, und die Idole von gestern werden durch andere ersetzt, die eine klare staatsbürgerliche Haltung haben.

Sie selbst hat angekündigt, ab Mai wieder auf den Weltbühnen stehen zu wollen.
Zumindest in Regensburg wurde das wohlwollend aufgenommen. Dort soll sie am 22.Juli auftreten.

So ganz vergleichbar ist das nicht, glaube ich. Denn wer Künstler:innen auslädt, sorgt auch dafür, dass niemand anders deren Kunst in Anspruch nehmen kann. Du hast aber nicht verhindert, dass jemand anders zu Deiner ehemaligen Friseurin geht, oder? Du hast nur für Dich selbst entschieden.
(Ich hab meine zu Pegida-Zeiten auch gewechselt. Das muss ich mir nicht anhören.)

Als Apercu zur Causa Gergiev: Hier ist ein langer Thread der russischen Investigativjournalistin Maria Pevchikh zu den propagandistischen und kriminellen Machenschaften Gergievs, der auch die Frage aufwirft, warum er nicht längst auf den Sanktionslisten steht.

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