Mein Eindruck ist, dass hier wieder das Pferd von hinten aufgezäumt wird.
Erstmal sollte man akzeptieren, dass die meisten Bürgergeld und Sozialhilfeempfänger entweder durchaus ein substanzielles Einkommen haben (das aber zum Lebensunterhalt aus unterschiedlichen Gründen nicht reicht), oder nur kurzfristig Leistungen beziehen (etwa zwischen zwei Anstellungsverhältnissen). Diesen Menschen sollte man den Bezug von Leistungen so einfach wie möglich machen ohne irgendwelche bürokratischen Diagnoseverfahren zu verlangen und gleichzeitig an den strukturellen Gründen für den Leistungsbezug arbeiten (höherer Mindestlohn, bessere Kinderbetreuung, niedrigere Wohnungskosten, etc.).
Vom Rest ist praktisch niemand freiwillig einkommenslos. Aber die Gründe sind in aller Regel komplex und lassen sich nicht in eine Schublade (Qualifikation vs. Betreuung vs. Gesundheit) stecken. Das jetzige System akzeptiert die Komplexität nicht und sucht die Schuld immer beim Leistungsberechtigten.
Ein Paradigmenwechsel würde den Leistungsberechtigten in den Mittelpunkt stellen und eine kooperative, qualitative Analyse seiner Lebenssituation vornehmen. Entsprechend würde ich mir hier eine enge Zusammenarbeit zwischen Sozialarbeit und Jobcenter wünschen und eine Verschiebung von Personal und Ressourcen weg von der Überprüfungsbürokratie hin zur Unterstützungsstruktur.
Und dann sollte es in Ordnung sein, wenn das Ergebnis der Analyse erstmal ist, dass eine Arbeitsaufnahme nicht der richtige nächste Schritt ist. Ich muss einer alleinerziehenden Mutter von drei Kindern nicht erklären, dass es super wäre, wenn sie sechs Stunden am Tag arbeiten würde. Das würde die vermutlich selbst extrem gerne tun. Aber selbst mit Vollzeit-Kinderbetreuung ist das (Angesichts der vielen Termine und alltäglichen Unwägbarkeiten) nicht zielführend. Der Dame gebe ich lieber die Zeit und das nötige Geld, um ihre Kinder bei Krankheit ordentlich zu pflegen, ihnen gesundes Essen zuzubereiten und ja, sich auch mal einen Vormittag frei zu nehmen, während ausnahmsweise mal alle Kinder in der Kita/Schule sind oder nach der Schule einen Ausflug mit den Kindern zu machen.
Eine entsprechend enge Betreuung würde auch viele Betrugsmöglichkeiten von vornherein ausschließen. Wenn ein Sozialarbeiter hin und wieder mal tatsächlich bei den Klienten vorbei schaut, dann bekommt man auch mit, wenn in der Wohnung niemand mehr lebt oder sich die Lebenssituation deutlich verändert hat.
In ein paar sehr wenigen Fällen werden Menschen zu einer Kooperation nicht Willens oder in der Lage sein. Ein Teil davon ist ein Fall für die psychologische Betreuung. Bei einem anderen Teil kann “Zwang” zum Aufbau einer strukturierten Lebensführung hilfreich sein. Aber eben als Teil eines sozialpädagogischen Gesamtkonzepts und nicht aus einem verletzten Gerechtigkeitsgefühl heraus.
Aus meiner Perspektive einer pflegenden Person heraus kann ich jedenfalls sagen, dass ich erheblich volkswirtschaftlich produktiver wäre, wenn irgendwann mal irgendjemand von staatlicher Seite auf die Idee kommen würde, einfach mal hilfreich zu sein, Angebote zu machen und nach Lösungen zu suchen. Stattdessen kann ich mich schon auf die nächste Schnitzeljagd nach irgendwelchen Berichten und Unterlagen freuen, deren Ergebnis nach viel Aufwand dann doch immer die Genehmigung ist.