Antiziganismus und Diskriminierung von Sinti und Roma - warum ist es ein "Nicht-Thema"?

Hallo liebes Lage-Team,

Ich würde euch gerne ein Thema für einen eurer kommenden Podcasts ans Herz legen, welches meiner Einschätzung nach einige Gründe zur Thematisierung bietet, aber in der deutschen Öffentlichkeit dennoch als eine Art „Nicht-Thema“ kursiert: die schwierige Situation von Menschen mit Romani-Hintergrund in Deutschland und Europa, in Deutschland oftmals unter der Formulierung „Sinti und Roma“ zusammengefasst.

Meiner Meinung nach findet in Deutschland immer sehr häufig eine Art Tabuisierung und Normalisierung der Diskriminierung von Sinti und Roma statt. Zum Teil ein Relikt alter Nazi-Propaganda. Trotz fast täglicher Fälle in Europa von massiven Menschenrechtsverletzungen, Diskriminierung und rechter Gewalt gegen diese ethnische Minderheit, finden die Themen nur schwer eine breitere Medienöffentlichkeit. Die Lage scheint mir ein Format, welches diesem Thema tatsächlich in seiner Komplexität und Sensitivität gerecht werden könnte, und auch zu mehr Aufklärung/Sensibilisierung für die schwierige Situation von mehr als 6 Millionen Menschen (entspricht ungefähr den Einwohnern der 5 kleinsten EU Mitgliedsstaaten zusammen!) in der EU beitragen könnte.

Anlass könnte sein, dass die EU Kommission nächste Woche eine neue 10-Jahresstrategie veröffentlicht und neue Maßnahmen zur gleichberechtigten Teilhabe von Menschen mit Romani-Hintergrund, sowie für den Kampf gegen Antiziganismus vorschlägt. Diese wird dann am 12.Oktober noch mal offiziell in Berlin im Rahmen der Deutschen EU-Ratspräsidentschaft vorgestellt. Deutschland trägt wegen der nationalsozialistischen Verbrechen gegenüber den Sinti und Roma eine historische Verantwortung, aber hat in diesem Bereich dennoch ein enormes Handlungsdefizit.

Der Transparenz halber möchte ich erwähnen, dass ich Mitarbeiter des deutschen Grünen Europaabgeordneten Romeo Franz bin, der selber Angehöriger der ethnischen Minderheit ist. Ich schreibe euch also sowohl als Hörer und als jemand, der professionell zu diesem Thema arbeitet.

Ich will euch nicht mit der Fülle an Informationen überschütten, aber einen kurzen Einblick liefern, um die Relevanz der Problematik zu unterstreichen.

  • Die Einstellungen in Deutschland gegenüber Menschen mit Romani-Hintergrund ist immer noch vor allem von rassistischen Stereotypen dominiert, die sich über Jahrhunderte manifestiert und in der Nazi-Propaganda eine zusätzliche Radikalität gefunden haben. (Siehe Zahlen der Leipziger Autoritarismusstudie)
    Aktuellster Beleg ist die richtige Entscheidung von Knorr, die sogenannte „Zigeunersauce“ umzubenennen. Diese Ankündigung hat in Deutschland kontroverse Debatten ausgelöst und es ist erstaunlich, wie selbstverständlich ein Herabwürdigung von Sinti und Roma in der deutschen Öffentlichkeit immer noch toleriert wird. Der rassistische Witz von Frau Schöneberger auf der Verleihung des Deutschen Radiopreises und ein Ausbleiben einer Problematisierung in den zentralen Medien, wie es z.B. bei der Echo-Verleihung 2018 beim Auftritt von Kollegah und Farid Bang der Fall war, ist der aktuellste Beleg hierfür. Außerdem hier ein aktuelles Gerichtsurteil zu einem Brandanschlag auf eine Roma-Familie in Baden-Württemberg

  • EU Politik aktuell dazu: Die EU Kommission veröffentlich in der nächsten Woche am 06.10. die neue EU Rahmenstrategie für Nationale Inklusionsstrategien und stellt diese in Berlin am 12.10. im Rahmen der EU-Ratspräsidentschaft auf einer Konferenz vor. Das Parlament hat Mitte September hierzu eine Resolution verabschiedet (hier Infos), die eine grundsätzliche Neuausrichtung fordert. Nachdem die letzte 10-jährige Rahmenstrategie dieses Jahr ausläuft, soll die neue Strategie den Weg ebnen für effektivere politische Strategien in den EU-Mitgliedsstaaten für Maßnahmen zur gleichberechtigten Teilhabe von Menschen mit Romani-Hintergrund sowie den Kampf gegen Antiziganismus.

  • Massive Menschenrechtsverletzung an Menschen mit Romani-Hintergrund finden in Europa täglich statt aktueller EU Grundrechteagentur Report: Agentur Direktor Michael O’Flaherty: „this report lays bare the shocking hardship too many #EURoma & #Travellers endure in Europe today”) und haben im Rahmen von Covid-19 Maßnahmen signifikant zugenommen (von Menschenrechts-NGOs umfassend dokumentiert – hier ein Beispiel).

Ich freue mich, wenn ich euer Interesse an dem Thema wecken kann.

Viele Grüße