Ich antworte einmal auf drei Posts zusammen.
@sereksim , @Kenny : Vielen Dank für die Info. Ich wusste nicht, dass so viele Kassen tatsächlich Leistungen erstatten. Das halte ich auch für unhaltbar.
Ja, der Gedanke kam mir auch als allererstes. Das passt in das System, dass wir Kassen haben, die im wesentlichen dieselben Leistungen anbieten und sich nur marginal unterscheiden können (Zusatzbeitrag, kleinere Zusatzleistungen). Es wird nicht überraschen, dass ich ein Fan einer großen gesetzlichen Krankenkasse wäre. Die Einsparungen wären immens, und dann könnte jeder Bürger Zusatzleistungen buchen, wenn er denn will. Ich habe einige Zeit in Dänemark gelebt und gearbeitet, und da hat mich das System positiv beeindruckt. Alle sind solidarisch versichert, während gleichzeitig Zusatzelemente freiwillig möglich sind. Aber in Deutschland wird das sicher nicht gehen, weil (Begründung hier einfügen)…
Dass Demokratie anfällig für Populismus ist, ist Teil des Konzeptes von Demokratie, nicht wahr? Gegen Populismus an sich ist auch nichts einzuwenden - im Sinne einer nach Volksstimmungen gerichteteten Themenwahl und Rhetorik. Das muss eine Demokratie aushalten können.
Die Grundidee ist ja „one person m/w/d - one vote“ - völlig unabhängig von Bildung oder Hintergrund. Die Stimme des Experten ist genauso viel wert wie die des bildungsfernsten Bürgers. Das kann man gut finden oder nicht, aber es ist eben Teil des Konzeptes.
Wenn wir das ändern wollen, weil die Welt eben komplizierter/komplexer geworden ist, müssen wir das offen sagen. Implizit höre ich diese Tendenz auch bei einigen raus, aber das traut sie sich dann nicht offen auszudrücken. Vielleicht nicht bei dir, aber ich habe bei manchen den Verdacht, dass sie eine Expertenkommission vor der Demokratie bevorzugen würden mit den von dir genannten Begründungen. 
Nein, aber unterschiedliche Schlussfolgerungen über die Fakten, die gleich legitim sein können. Beispiel Corona: Ich kann Verbreitungen und Inzidenzwerte akzeptieren, weil ich die wirtschaftlichen Kosten mit den entsprechenden Folgekosten gegenrechne. Das sind dann zwei Faktenlagen, vereinfacht gesagt. Eine Maßnahme führt zu A mit entsprechenden Folgekosten bei B. Ich habe zwei Experten unterschiedlichen Feldes, also etwa Drosten und einen Wirtschaftswissenschaftler.
Nun wäre es redlich, diese jeweiligen Fakten aufzuzählen und die Handlungsoptionen darzustellen. Das ist aber kaum passiert.#
Böse gesprochen, die NoCovids haben Expertenmeinung B kaum wahrgenommen oder implizit moralisch herunterpriorisiert und Faktum A höher bewertet mit dem Argument „jeder Tote ist zu viel“. Andere, die Faktum B betont hatten (also die wirtschaftlichen Folgen), wurden dann als „unwissenschaftlich“ gemarkert, weil sie die Fakten A nicht verstanden hätten.
So funktioniert Demokratie natürlich nicht. „Alternative Fakten“ als Wort sind Nonsens, aber ich kann sehr wohl im Rahmen des Grundgesetzes andere Schlussfolgerungen aus den Faktenlagen ziehen, insbesondere, wenn ich noch andere Variablen hinzuziehe. Und es gehört zum Diskurs, das zu akzeptieren. Nur geht genau das verloren, und das spüren auch die „Bildungsfernen“.
Wohl wahr. leider. Das ist ja auch ein Grund, dass viele fähige Wissenschaftler Deutschland verlassen. Ich halte das für extrem bedenklich, es passiert aber nichts. Ach ja, Bildung ist ja Ländersache… (sorry, anderer Thread).
Insgesamt meine ich nicht die Wissenschaft, sondern die Nutzung der Wissenschaft im öffentlichen Diskurs. Diese ist sehr selektiv. Beispiel: Herr Drosten ist zum Superstar der Virologenszene aufgestiegen, was ich mit Skepsis sehe. Wissenschaftler sollten im Hintergrund bleiben, meiner Meinung nach. Wenn sie zu öffentlichen Akteuren werden, vermischen sich Dinge und sie verlieren das, was sie ausmacht - Neutralität.
Aber gut. Jetzt gibt es einige, die hier mit Eifer „die Wissenschaft“ anführen zu den MAßnahmen, vergessend, dass Maßnahmen im öffentlichen Raum der Kybernetik unterliegen. Anders gesagt, jede Lockdownmaßnahme müsste wissenschaftlich auch nach psychologischen, soziologischen und makrowirtschaftlichen wissenschaftlichen Kriterien bewertet und kontinuierlich geprüft werden. Da sind wir bei Komplexität. Das passiert aber nicht oder aus meiner Sicht sehr unzureichend bei Laienvertretern in der Diskussion, die die „Wissenschaft“ ins Feld führen.
Zugespitzt gesagt: Der Fokus auf Experten kann auch ein gutes Herrschaftsinstrument sein, um Handeln als alternativlos darzustellen.
All das führt jetzt weit vom ursprünglichen Thread weg, aber ich finde die Diskussion spannend. Vielen Dank dafür. Besonderen Dank für den Link zu ScienceDirect, sehr interessant.