Deine Grundannahmen sehe ich genauso, @Hasenkoettel! Gut beschrieben.
Ich würde sogar noch etwas hinzufügen: Wir wissen inzwischen, dass viele Infizierte asymptomatisch sind und sich daher bspw. auch nicht isolieren, weil sie eben keine Symptome haben. Trotzdem tragen sie die Infektion unwissend weiter, was zu einer Verbreitung und einem exponentiellen Wachstum führen kann. Zu Beginn der Pandemie dachten dann viele, dass sie eine Grippe haben, weil die Symptomatik ähnlich ist und das zeitlich ja auch gepasst hat, oder weil es nur milde Symptome gab. Erst allmählich sind weitere hinzugekommen und beschrieben worden (Geruchs-/Geschmacksverlust usw).
Genau, wir müssen verstehen, wie sich die Dynamik entwickelt (dafür gibts ja eigentlich auch schöne Modelle…). Für ein Management Summary, das am Ende einen Entscheidungsvorschlag beinhalten sollte, halte ich diese eine Zahl aber für viel zu wenig. Am Ende steht und fällt es mit den Zielen, die ich verfolge/mir setze, etwa: Möglichst viele Infektionen vermeiden, keine Todesfälle haben, mögliche Langzeitfolgen (durch wenige Infektionen) gering halten, Infektionen in bestimmten Teilen, die besonders mobil sind, gering halten (was dazu führen würde, dass wir beim Impfen anders priorisieren) etc.
Berlin hat relativ früh im letzten Jahr ein Monitoring- und Ampelsystem mit drei wesentlichen Indikatoren aufgebaut und zugehörige Schwellenwerte definiert. Das fand und finde ich immer noch sehr plausibel (wobei davon auch keine konkreten Entscheidungen ausgingen, wenn etwa zwei Ampeln rot sind, glaube ich). Von Virologen (z. B. Herrn Streeck) kam dann etwa der Hinweis, dass dies zu sehr auf die Farben fixiere und für die Menschen schwierig zu verstehen sei und zu Ermüdungserscheinungen führen könne. Das sehe ich nicht so. Die Pandemie ist komplex (das ist ein Merkmal einer Krise), aber deswegen kann ich doch nicht ‚unterkomplex‘ darauf reagieren. Zu den Aussagen zu Herrn Streeck, die er im Laufe der Krise so getätigt hat, gibt es übrigens eine schöne Podcast-Folge bei „Übermedien“ (wurde in der „Lage“ auch mal erwähnt)…
Um aber die Dynamik und die Zahl der Neuinfektionen verstehen will, sollte ich doch z. B. auch darauf schauen, wie viele Menschen auf eine bestimmte Anzahl von Tests gerechnet positiv getestet werden (ich glaube, das war auch deine Anmerkung?). Denn eines hat man ganz wunderbar in der Vergangenheit sehen können: Es werden PCR-Tests durchgeführt, es gibt eine Anzahl von Menschen, die positiv getestet werden. Auf einmal ändert das RKI seine Testkriterien und die Labore führen weniger Tests durch, gleichzeitig steigt aber die Rate der positiv getesteten Menschen bei weniger Tests. Das sollte mir doch zeigen, dass da was nicht stimmt aka die Infektionsdynamik zunimmt.
Dazu auch noch eine kurze Überlegung: Mein Eindruck ist, dass wir in Deutschland uns teilweise viel zu viel auf uns selbst fixieren. Wenn wir schon sagen, dass es sich um eine ‚Pandemie‘ handelt, dann sollte ich ggf. mal über den deutschen und möglicherweise auch europäischen Tellerrand hinausschauen und vergleichen und bestenfalls lernen – und damit meine ich nicht die unsäglichen CDU-Vergleiche a la „Taiwan und Neuseeland sind aber Inseln, wir nicht, dafür haben wir die Pandemie ziemlich gut im Griff/in den Griff bekommen!“ – Nope, haben wir nicht. Spätestens als klar war, dass es in Großbritannien eine Variante gibt, die ansteckender ist als der Wildtyp (sich unter Kindern und Jugendlichen schnell verbreitet etc.), hätte gehandelt werden müssen, und nicht diskutiert, was wir denn alles so als nächstes öffnen können. Wieso sollte ausgerechnet Deutschland von dieser Entwicklung verschont bleiben?
Das hat etwas mit proaktivem Handeln zu tun, leider agiert die Politik seit über einem Jahr nur reaktiv, wenn überhaupt („There is no glory in prevention“, leider wahr). Und doch, man hätte voraussehen können, dass es mal so etwas wie eine Pandemie gibt. Die Pläne waren da. Und btw: Im Rahmen von Krisen(stabs)übungen ist das Szenario ‚Pandemie‘ eines der gängigsten überhaupt, schon immer gewesen!
Meine Kritik ist auch rechtlicher Natur: Der Wert zieht bestimmte Konsequenzen und Maßnahmen nach sich, wenn 35 oder 50 erreicht oder überschritten ist. Dafür muss aber klar sein, auf welche Daten er sich bezieht und wie er berechnet wird. Das hat etwas mit Transparenz zu tun, eigentlich sogar mit Normenklarheit. Man schaue sich bspw. mal die Kapazitätsverordnungen der Länder für die Hochschulen an, da sind ganze Berechnungsformeln seitenweise ausgeführt. Klar, ich kann auf den Wert des RKI als ausschlaggebend verweisen, wie es im aktuellen IfSG gemacht wird. Dazu verweise ich aber auf meine Ausführungen und Quellen weiter oben (v. a. den wirklich lesenswerten Artikel aus der SZ). Denn, um nur einen Punkt zu nennen: Wenn der RKI-Inzidenzwert regelhaft niedriger ist als der, den Kreise oder Bundesländer selbst berechnen (warum machen sie das überhaupt?), dann ist die Lage der Pandemie/das Infektionsgeschehen ein ganz anderes, als der Wert aussagt, nämlich offenbar ‚schlimmer‘. Dann wird etwa ‚gelockert‘, weil es in rechtlicher Hinsicht diese Möglichkeit gibt, und alle wundern sich zwei Wochen später, warum auf einmal die Fallzahlen und damit die Inzidenz wieder so stark ansteigt. Diese Lockerungen wären aber gar nicht erst gekommen, wenn der ‚wahre‘ Wert höher gewesen wäre. In epidemiologischen Lehrbüchern scheint die Inzidenz definitorisch oft mit repräsentativen Stichproben berechnet zu werden (habe ich zumindest gelesen), kann ich nicht nachprüfen bzw. habe ich nicht gemacht. Die Inzidenz momentan wird nur anlassbezogen ermittelt.
Wenn es der beste Proxy ist, wie du schreibst, warum gibt es dann verschiedene Inzidenzwerte? Warum veröffentlichen untergeordnete Ebenen auch andere Werte? Eigentlich führt das nur zu mehr Verwirrung in der Bevölkerung. Verständlicherweise. Die Beispiele Calw und Brandenburg zeigen aus meiner Sicht, dass es inzwischen ein politischer Wert, eigentlich ein opportuner Wert ist, aber sicherlich keiner (mehr), der wissenschaftlich begründet wird. Die Inzidenz hat sich (leider) verselbstständigt. (Man muss unterscheiden zwischen der Aussagekraft des Werts an sich und dem Umgang damit, klar).
Das Thema ‚Kommunikation‘ habe ich da noch gar nicht mal erwähnt, aber da reicht eigentlich auch der Vergleich von vorletzter und letzter MPK („50 ist die neue 35“)… Offenbar ist der Wert eben nicht „leicht zu kommunizieren“. Und nur weil etwas vermeintlich leicht zu kommunizieren ist, ist es noch lange nicht angemessen und sollte doch nicht der ausschlaggebende Grund dafür sein, nur einen einzigen Indikator zu verwenden, weil das der Komplexität des Geschehens m. E. nicht gerecht wird.