Aus dem Artikel “ Der Traum von Rojava ist Geschichte” in der SZ von heute, 2.2.2026:
Teaser: “Syriens Kurden haben ihren Kampf verloren. Der Zentralstaat unter der neuen Regierung setzt sich durch. Szenen aus einem Land, in dem die Menschen nicht wissen, was jetzt auf sie zukommt.”
Dass die Kurden in Syrien jahrzehntelang unterdrückt wurden, weiß jeder. Tatsache ist aber auch, dass das Zusammenleben von Kurden und Arabern im Kurden-Staat „Rojava“ nicht funktioniert hat. Die Kurdistan-Freunde in Deutschland hatten beim Loblied über das demokratische, liberale Wunderland ziemliche Wahrnehmungslücken. Das Kurden-Paradies war kein Paradies. Es war ein grauer Militärstaat. Getragen von Kadern der türkischen PKK, die in Ankara, in Berlin und in Brüssel als Terrortruppe gilt.
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Am Leben gehalten wurde Rojava von den USA, ihrem Geld, ihren Soldaten. Heute sind die Interessen der Amerikaner andere: Donald Trump ist Freund mit Ahmed al-Scharaa, Syriens neuem starken Mann. Also hat Trump die Kurden fallen lassen. Mitsamt ihrem Staat, der kein Staat war.
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In Damaskus ist ein Mann an der Macht, der den Nationalstaat erhalten, die rebellischen Minderheiten ins Glied zwingen, den Bürgerkriegsstaat Syrien wieder in der internationalen Gemeinschaft verankern will. … Damit er seine Herrschaft sichern kann, muss er die Minderheiten unter Kontrolle kriegen. Allen voran die Kurden.
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Das Zusammenleben von Kurden und Arabern hat seit der Staatsgründung Syriens schlecht funktioniert – so wie in der Türkei, im Irak, in Iran. Die syrischen Araber sind, jedenfalls außerhalb der Metropolen, erzkonservative Muslime. Traditionell einerseits, eisenharte arabische Nationalisten andererseits.
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Syriens Kurden hingegen – zumindest die, die durch die PKK-Schule gegangen sind wie die Frauen der Familie in Raqqa – hängen einer pseudo-modernen, sozialistisch grundierten Weltsicht an. Vorrang des Islam, Vielehe? Geht nicht. … Diese von weiblichem Selbstbewusstsein strotzende Weltsicht stößt bei den arabischen Stammesleuten der Euphrat-Ebene auf Unverständnis.
Unbestreitbar ist, dass Teile Rojavas keine kurdischen, sondern mehrheitlich arabische Siedlungsgebiete sind: Syriens nordöstlichen Provinzen Deir ez-Zor und Raqqa, Teile der Provinz al-Hasaka. Die eigentlich kurdischen Gebiete liegen nahe der türkischen Grenze. Aber Qamischli, Kobanê, Afrin allein sind viel, viel kleiner als Rojava.
Der syrische Fast-Kurdenstaat war eine Begleiterscheinung des Bürgerkriegs. Weil Diktator Baschar al-Assad sich auf seinen Kampf gegen die Aufständischen rund um Damaskus, Aleppo, Daraa und Idlib konzentrieren wollte, überließ er den Kurden den Nord-Osten. Als der „Islamische Staat“ (IS) sein Kalifat ausrief und Teile des Irak und Syriens mit unvorstellbarem Terror überzog, dienten die Kurden den USA als Fußsoldaten. Die Kurden, ein Teil von ihnen war PKK, schlugen den IS im irakischen Mossul und im syrischen Raqqa und Deir ez-Zor in die Flucht. … So fiel Nord-Syrien den Kurden ganz in die Hand, als Schutztruppe gegen die Kopfabschneider des IS.
… Die Kurden haben nichts aufgebaut, die arabischen Gebiete vernachlässigt. Die Region, die die Einheimischen wegen ihrer Lage zwischen den Armen des Euphrat „die Halbinsel“ nennen, war [aber] schon immer abgeschlagen.