Hallo Sebastian,
Zu der von dir erwähnten Autoritarismus-Studie erst mal ein Hinweis: Dort wird nämlich im Anhang auch erwähnt, dass z.B. Arbeitslosigkeit oder Strukturschwäche in den neuen Bundesländern auch eine Ursache sein könnten, aber in der Studie nur implizit beachtet werden. Näheres dazu hier:
Das bedeutet, dass mindestens eine der Studien, auf die du dich beziehst, die sozioökonomischen Faktoren vernachlässigt, wenn nicht gar ignoriert.
Damit will ich die rechtsextremen und rassistischen Ansichten bei Teilen der AfD Wähler in Brandenburg nicht leugnen oder verharmlosen. Aber dadurch, dass die erwähnte Studien wichtige Einflussfaktoren auf die politische Einstellung unbeachtet lässt, kann man mMn auch nicht wirklich sagen, welche Faktoren (autoritaristische Prägung, Rechtsextremismus, wirt. Situation) in welchem Umfang die Wahlentscheidungen beeinflussen.
Und mal generell zum Thema Autoritarismus in der Bevölkerung:
Autoritatismus kann man in dem Kontext, den wir hier diskutieren, ja vereinfacht als den Wunsch nach einem starken Staat bzw. einem starken „Mann“ an der Spitze des Staates interpretieren.
Wenn dem so sein sollte, wieso ist dann zum Beispiel der geleakte Entwurf der GEG-Novelle („Habecks Heizungsgesetz“), der ja u.a. als sehr „bevormundend“ wahrgenommen wurde, von den vermeintlichen Autoritarismus-Befürwortern nicht positiver aufgenommen worden?
Die hätten doch eigentlich sinngemäß sagen müssen:
„Mensch, der Habeck, das ist einer, der die Dinge anpackt, der fackelt nicht lange sondern sorgt für klare Verhältnisse“.
Das ist aber irgendwie nicht passiert, oder?
Natürlich ist der Grund dafür relativ klar. Denn der ursprüngliche Entwurf war ein sehr ambitioniertes Gesetz, das viele Wähler aus finanziellen Gründen schlicht nicht wollten. (Natürlich auch in Brandenburg wo es etliche wenig vermögende Hausbesitzer gibt.)
Und dann ist die liberale Demokratie mit Meinungsfreiheit auch plötzlich wieder eine super Sache, weil man öffentlich widersprechen kann, weil es Medien gibt, die überhaupt über Gesetze berichten, bevor sie beschlossen sind und weil der öffentliche Gegenwind am Ende dazu geführt hat, dass die Novelle des GEG deutlich weniger ambitioniert ausfiel, als ursprünglich geplant.
Sobald aber die AfD in den Menschen das Gefühl weckt, dass es eine „schweigende Mehrheit“ für Massen-Abschiebungen gibt, ist soll das doch bitte sofort, ohne großes Diskutieren, umgesetzt werden.
Daher würde ich hier sagen, dass der oft gehörte Wunsch nach einem autoritärerem Staat, nach einem starken Mann, vielfach eigentlich nur der Wunsch nach einem Staat ist, der das macht, was man selbst will und das ist, mMn, in erster Linie eine Form von Egoismus.
Weil aber Egoismus generell eine schlechte Eigenschaft ist und im Kontext von staatlichem Handeln sogar naiv bis trotzig wirkt, geben das viele Menschen nicht gerne zu, wenn sie gefragt werden sondern reden stattdessen davon, dass die Demokratie nicht funktioniert, zu langsam ist, zu viel diskutiert wird usw. usf.
Und das wirkt am Ende natürlich wie Autoritarismus.