Okay, ich nehme mal die Wiederherstellung meines gelöschten Beitrags als Indiz dafür, dass es sich doch noch lohnen könnte, hier weiter zu diskutieren.
Ja, genau das ist ja das Problem: diese Herangehensweise an die Fragestellung, wie es letztlich zu Long-Covid kommt, hat ein Problem, ernst genommen zu werden! Und ein Teil dieses Problems ist genau das Phänomen, das wir hier gerade beobachten konnten: wenn man auch nur erwähnt, dass man diesen Mechanismus für plausibel hält, dann wird man sehr schnell angegriffen und einem wird unterstellt, man würde diejenigen, die an Long-Covid leiden, irgendwie marginalisieren, weil psychologisch bedingte Krankheitsbilder immer noch (IMHO zu Unrecht!) ein gesellschaftliches Stigma haben (vgl. auch der gern gehörte Kommentar „hab dich nicht so, sei doch einfach mal fröhlich“ zu jemandem, der an Depressionen leidet).
Ich finde auch die Studien zu neurologischen und organischen Ursprüngen wichtig und richtig, und ich möchte keiner einzigen davon ihr Existenzrecht absprechen! Nur gibt es dort kein Problem mit dem erwähnten Stigma, es ist also prinzipiell leichter, diese Richtung weiter zu verfolgen. Psychisch bedingte Auslöser von handfesten Krankheiten mit handfesten, beobachtbaren körperlichen Symptomen hingegen werden teilweise gern mit unwissenschaftlichem Unsinn wie Homöopathie in einen Topf geworfen, obwohl es längst wissenschaftlich belegte Zusammenhänge zwischen psychisch bedingten Ursachen und körperlichen Symptomen gibt (nicht zuletzt ist der Placebo-Effekt schließlich auch wissenschaftlich nachgewiesen).
Und im Falle von Long-Covid - oder allgemein im Zusammenhang mit der ganzen Corona-Situation und ihren gesundheitlichen Folgen - spielt die psychische Belastung ganz offensichtlich eine erhebliche Rolle. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass wir in diesem Zusammenhang nicht nur was die direkt beobachtbaren, organischen Wirkmechanismen des Virus angeht medizinisches Neuland betreten, sondern auch ein psychologisches Großexperiment auf unserem gesamten Planeten mit über 8 Milliarden Teilnehmern gestartet haben. Ist es nun unter diesen Umständen weit hergeholt, wenn man vermutet, dass für einen Teil der Long-Covid-Fälle vielleicht die Lösung nicht darin liegt, dem Patienten irgendwelche neuen Wirkstoffe gegen organische oder neurologische Schäden zu geben, sondern sich die psychologische Seite anzusehen?
Ich will auch gar nicht behaupten, dass sämtliche Long-Covid-Fälle auf diese Weise zustande kommen. Long-Covid-Symptome sind so vielseitig, dass ich davon ausgehe, dass es nicht „den einen Wirkmechanismus“ gibt, wie sie zustande kommen, sondern dass die Herkunft genauso individuell ist wie das Krankheitsbild. Aber wenn man in der Untersuchung der klassischen organischen Ursachen nicht weiter kommt - was ja durchaus die Situation bei einigen Long-Covid-Patienten zu sein scheint, zumindest lese ich recht häufig von Menschen, die berichten, dass bei ihnen allerlei Untersuchungspfade schon verfolgt worden sind, aber nirgendwo etwas auffälliges gefunden wurde - dann liegt es für mein Verständnis nahe, psychologische Ursachen in die Betrachtung mit einzubeziehen. Ich kann darin jedenfalls keine Marginalisierung des Krankheitsbildes erkennen, ganz im Gegenteil: Ihr Hinweis darauf, dass in dem Falle die Behandlung ja eher schwieriger als leichter werden würde, ist vollkommen korrekt! Es wäre einfacher, könnte man eine Pille mit einem Wirkstoff finden, die man einfach allen Long-Covid-Patienten verschreibt und dann ist alles gut, weil sie die überall identische körperliche Ursache für die Krankheit unterbricht.
Leider sieht es für mich als relativen medizinischen Laien nicht so aus, als wäre die Situation so simpel, und deswegen halte ich die Verfolgung sämtlicher plausibler Forschungspfade für sinnvoll, inklusive neurologischer, körperlicher und psychischer Ursachen.