Nochmal: Es geht um Minderheitenschutz.
Die Mehrheit der Ukrainer wollte die Annäherung an den Westen - und wie ich schon öfters sagte: Das kann ich absolut nachvollziehen und sogar unterstützen. Aber es gab eben eine nicht kleine Minderheit (wir reden hier von vielleicht 20-30% der Bevölkerung), die das anders sah.
Natürlich kann man jetzt sagen: „Tja, Demokratie, hat die Minderheit halt Pech gehabt!“, aber genau das unterscheidet eine wirkliche Demokratie von einer „Diktatur der Mehrheit über die Minderheit“. Am besten wird der Unterschied, wenn wir das auf den deutschsprachigen Raum beziehen und uns z.B. den Volksentscheid zu Minaretten in der Schweiz anschauen und dagegen halten, wie das Bundesverfassungsgericht zum Thema Kopftuchverbot in Deutschland steht.
Ersteres ist ein Beispiel für „Mehrheit verbietet Minderheit etwas, das äquivalent zu dem ist, was die Mehrheit sich selbst erlaubt“, daher: Lautes Kirchengebimmel zu jeder erdenklichen Zeit ist kein Problem, aber Moslems, die über ein Minarett zum Gebet aufrufen, das wird verboten. Das ist keine Demokratie, weil hier nicht berücksichtigt wird, dass eine Minderheit stets schutzbedürftig ist. Dagegen die Entscheidungen des BVerfG im Hinblick auf das Kopftuch, wo das BVerfG stets klargestellt hat: Ein Verbot religiöser Symbole im öffentlichen Dienst ist möglich - aber halt nur, wenn es sich auf alle religiösen Symbole bezieht, also nicht gezielt eine Minderheit diskriminiert.
Das Verständnis, nach dem eine Minderheit in einer Demokratie stets „den kürzeren zieht“, weil sie von der Mehrheit beliebig kontrolliert werden kann, zeugt von einem verkürzten Demokratieverständnis. Demokratie braucht Minderheitenschutz, sie ist ohne Minderheitenschutz quasi nicht denkbar beziehungsweise eine Demokratie ohne Minderheitenschutz hat den Namen Demokratie nicht verdient. Das gilt umso mehr, wenn diese Minderheit, wie es in der Ukraine nach dem Euromaidan der Fall war, massiven Anfeindungen ausgesetzt sieht, was zweifelsohne der Fall war.
Erstens habe ich keinen Automatismus beschworen - Sie legen mir hier schlicht Worte in den Mund, die ich so nicht geäußert habe. Es ist fakt, dass Sprache der maßgebliche Faktor im Hinblick auf die kulturelle Zugehörigkeit und die kulturelle Identität ist. Nichts ist monokausal, auch nicht Sprache = Kultur, aber wegen der herausragenden Bedeutung der Sprache ist es nun einmal so, dass sich die russischen Muttersprachler kulturell oft eher Russland zugehörig fühlen. Eher heißt nicht immer.
Mir daher eine Denkweise zu unterstellen ist einfach… naja, was soll ich sagen? Ich finde es schlicht schade, dass Sie unsere Meinungsverschiedenheit stets auf die persönliche Ebene ziehen müssen…
Abgesehen davon habe ich mehrfach erklärt, wie es dazu kommt, dass sich die russischen Muttersprachler kulturell stärker zu Russland hinzugehörig fühlen - siehe die Arbeiterumsiedlungen im Rahmen der UdSSR und die Tatsache, dass die Krim ein Geschenk Russlands an die Ukraine war. Die russischen Muttersprachler gehen eben genau auf diese Leute zurück, die entweder von Russland in die Ukraine umgesiedelt wurden oder eben im Falle der Krim schlicht zuvor Russen waren. Die Tatsache, dass diese Menschen russische Muttersprachler sind, hat halt eine historische Begründung, die Sie hier wieder völlig auszublenden versuchen. Diese Menschen sind teilweise noch in Russland aufgewachsen oder eben die erste, zweite oder dritte Generation von Menschen, die ihre Wurzeln in Russland haben.
Dieses Identitätsproblem ist uns als Deutschen nebenbei auch nicht fern. Wir haben auch das Problem, dass sich einige (nicht: alle!) türkischstämmige Menschen eher als Türken denn als Deutsche identifizieren, obwohl sie hier aufgewachsen sind. Sowas ist normal - und kann nur durch eine gute Integration behoben werden. Wenn jedoch eine Partei an die Macht kommt, die ganz klar gegen diese Minderheit ausgerichtet ist, wie dies in der Ukraine der Fall war (oder hier der Fall wäre, wenn z.B. die widerliche AfD an die Macht kommen würde), ist einfach klar, dass genau das Gegenteil passiert.
Eine völlig überflüssige Spitze, die nichts zur Diskussion beiträgt und nur dazu dient, meine Meinung, die nichts mit dem von Ihnen zitierten zutun hat, diskreditiert werden soll, indem Sie meine Meinung offensichtlich falsch darstellen. Was soll das?
Aha, eine Konterrevolution ist es also erst, wenn sie aus eigener Kraft ohne ausländische Hilfe in der Lage ist, gegen den Militärapparat des Staates, in dem sie stattfindet, zu bestehen? Sorry, aber das ist einfach eine fragwürdige Auffassung.
Wäre die Bevölkerung im Donbas und auf der Krim so sehr gegen die „russische Besetzung“, wie sie es darstellen, wäre die russische Besatzung schon lange gescheitert. Sie vertreten hier die typische, objektiv unhaltbare, aber leider sehr beliebte Meinung, dass „böse Herrscher“ immer „gegen das Volk“ stehen würden. Und das ist falsch. Nein, „Hitler hat nicht die Deutschen unterdrückt“, sondern ein Großteil der Deutschen hat die Nazi-Herrschaft unterstützt. Leider. Und nein, die Taliban unterdrücken nicht die gesamte Bevölkerung Afghanistans, sondern werden leider von einem großen Teil der konservativen Bevölkerung unterstützt. Wir reden uns immer wieder gerne ein, dass doch alles so einfach wäre - weil wir es uns wünschen. Es ist leider reines Wunschdenken, dass Diktaturen nur von einer absoluten Minderheit der jeweiligen Völker getragen würden - denn wäre es so, könnten diese Diktaturen nicht überleben. Alle Diktaturen haben eine erhebliche Machtbasis im eigenen Volk - deswegen hat der typisch amerikanische Plan nach dem Motto: „Wir gehen da rein und stürzen den Diktator, dann wird das Volk uns bejubeln und es gibt Demokratie für alle!“ auch so gut wie nie funktioniert. Weil dieser Plan von einer grundsätzlichen Fehlannahme ausgeht: Nämlich dass die klare, große Mehrheit des Volkes gegen die Diktatur und für Demokratie wäre.
Und das gilt eben auch für den Donbas und die Krim. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen dort auch alle für die westliche Demokratie wären und deshalb gegen Russland aufstehen würden - aber das ist eben ein Wunsch, der mit der Realität nichts zu tun hat. Der einzige Grund, warum Russland diese Regionen militärisch in ihrem Aufstand unterstützt, ist, weil Russland dort tatsächlich von weiten Teilen der Bevölkerung Zuspruch erhält. Und ja, das missfällt mir genau so wie Ihnen - der Unterschied ist eben nur, dass ich diese Tatsache anerkennen kann, während Sie es vorziehen, die typische unrealistische Darstellung von „ein Volk wird unterdrückt“ auf die Situation zu projizieren.
Ich mache in jedem einzelnen Post sehr deutlich, wie sehr ich das russische Regime ablehne. Und ich argumentiere sehr klar, warum ich zu anderen Einschätzungen komme, als Sie dies tun. Wie viel mehr Differenzierung ist denn hier überhaupt möglich? Ich bin derjenige, der aus der Position heraus argumentiert, dass ich die Seite verteidige, deren politische Ausrichtung ist eigentlich klar ablehne, eben weil ich meine Sichtweise auf die Dinge nicht von meiner persönlichen Sympathie oder Antipathie zum jeweils davon profitierenden System abhängig mache. Das ist maximale Differenziertheit.
Sie hingegen gehen den einfachen Weg - sie mögen, aus gutem Grund, Russland nicht und vertreten, wie auch ich, klar westliche Einstellungen. Und deshalb sehen Sie den gesamten Ukraine-Konflikt durch diese Brille - und das ist eben nicht differenziert, weil diese Haltung es gar nicht möglich macht, auf einzelne Teilaspekte des Konfliktes unbefangen zu schauen.
Und ich fürchte, sie glauben tatsächlich, dass die Menschen in der Ostukraine größtenteils eigentlich pro-westlich sind und von Russland unterdrückt werden, weil Sie genau das glauben wollen. Können Sie sich wirklich gar nicht vorstellen, dass in einem Gebiet, in dem 70-90% der Bevölkerung russische Muttersprachler sind, tatsächlich eine klare pro-russische Haltung in der Bevölkerung vorherrschen könnte? Ist das für Sie wirklich so undenkbar? Werfen Sie mal einen Blick auf diese Karte:
Ist es für Sie wirklich ein Zufall, warum gerade diese Gebiete, in denen 70-90% der Bevölkerung dafür waren, Russisch als zweite Amtssprache einzuführen, ein Problem mit dem nach dem Euromaidan aufkeimenden Nationalismus und der Politik der De-Russifizierung hatten?!?